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Apollonias Kapellchen soll gegen Zahnweh helfen

Die heilige Apollonia ist zwar nicht eine vergessene, aber sicher eine der unbekannteren Heiligen. Sie wird aber in unserer Gegend nicht nur in der Zahnwehkapelle im Felderboden, unterhalb Unterschönenbuch, und möglichen anderen Zahnwehkapellen verehrt, sie ist auch die Patronin der Pfarrkirche Alpthal.

Südostschweiz
Samstag, 28. Juni 2014, 02:00 Uhr

Dies ist die einzige Pfarrkirche in der Schweiz, die Apollonia als Kirchenpatronin geweiht ist. Man stösst aber ohnehin eher zufällig auf die heilige Apollonia. So zum Beispiel, als die Pfarrei Schwyz ein Apollonia-Bild für eine Ausstellung ans Naturhistorische Museum in Luzern ausgeliehen hat.

Gemäss den Aufzeichnungen von Bischof Dionysius war Apollonia eine angesehene Frau in Alexandria, die bei einem Pogrom von der aufgehetzten Menge zusammen mit anderen Christen verschleppt worden sein soll. Die Christen wurden aus den Häusern geholt, ihre Wohnungen geplündert und zerstört. Von Apollonia berichtete Bischof Dionysius, dass ihr die Zähne ausgeschlagen und die Kinnlade zertrümmert worden sei. Man drohte ihr sogar mit Verbrennung auf dem Scheiterhaufen und verlangte, dass sie dem Glauben abschwöre. Apollonia aber habe sich laut betend freiwillig in die Flammen gestürzt und sei verbrannt. Die Frage, ob diese Tat als Martyrium oder als Selbstmord zu werten sei, beschäftigte die junge Kirche stark. Die gläubigen Leute aber sahen in ihr von Anfang an eine Heilige.

Spätere Legenden machen Apollonia zu einer römischen Fürsten- oder gar Kaisertochter oder zu einer Schwester von Laurentius von Rom, die nach Ägypten ausgewandert sei und unter Kaiser Julian Apostata das Martyrium erlitten habe. Ausführlicheres erzählt das Lübecker Passional im 15. Jahrhundert. In einem Turm lebend, sei sie demnach von zwölf Jungfrauen bedient worden, und all ihre Gebrauchsgegenstände seien aus purem Gold gewesen. Christin geworden, habe sie aber allen Schmuck verschenkt, den ihr der Lieblingsbruder gegeben habe, erzürnte damit aber diesen und die anderen Brüder und verweigerte auch eine Eheschliessung. Damit habe die Fülle ihrer Martyrien begonnen. Träume kündigten ihr weitere Torturen an. Ein Engel habe sie deshalb zu einem Einsiedler geführt, der sie taufte und stärkte. Fast alle, auch aus anderen Legenden bekannten Martern seien dann der Reihe nach an ihr vollzogen worden; immer wieder wurde sie aber von Engeln geheilt, erhielt neue Augen, neues Gehör, weil ihr die Ohren mit Blei ausgegossen worden waren, neue Zähne und neue Glieder. Schliesslich sei sie dann enthauptet worden.

Ihr Gedenktag ist der 9. Februar. Eine Bauernregel sagt darum: «Ists an Apollonia feucht, der Winter sehr spät entfleucht.» Der Name Apollonia soll aus dem Griechisch-Lateinischen stammen und «dem Lichtgott Apollon geweiht» bedeuten. Als Kurzform finden wir die Namen Lonny oder Lony. Apollonia ist die Patronin der Zahnärzte und gegen Zahnschmerzen.

Um 1018 wurde das «Albetal» von Kaiser Heinrich II. dem Kloster Einsiedeln geschenkt. Damit fanden sich allerdings die Schwyzer, welche seit alters her ihr Vieh auf diese Alpen aufgetrieben haben, nicht ab. Daraus entstanden dann die rund 250 Jahre dauernden Auseinandersetzungen des Marchenstreits mit dem Kloster Einsiedeln, die dann letztendlich wohl auch zum Morgartenkrieg beigetragen haben und erst 1350 beigelegt worden sind, als der obere Teil des Alptales den Schwyzern abgetreten worden ist. Dieser Grenzhandel ist auch der Grund, weshalb Alpthal, obwohl geografisch klar nach Einsiedeln orientiert, zum «Neuviertel des Alten Landes Schwyz» und auch zum Kirchgang Schwyz gehörte. 1690 erlaubten zwar die «hohe Regierung zu Schwyz» und der «hochwürdigste Bischof von Konstanz» der Bevölkerung von Alpthal dann die Errichtung einer Kaplanei-pfrund, während die selbstständige Kirchgemeinde auf dem heutigen Gemeindegebiet gemäss Urkunde erst am 4. April 1805 zustande gekommen ist. Mit der Kantonsverfassung von 1833 wurden selbstständige Gemeinden errichtet.

Wie die Kirche St. Apollonia zu ihrem Patronat gekommen ist, das ist leider nicht feststellbar. Die Gestaltung der Pfarrkirche Alpthal lehnt sich aber stark an diejenige von Bennau an, obwohl die Details der Alpthaler Kirche etwas sparsamer ausgebildet sind. Sie wurde Mitte der 1980er-Jahre als zweites wichtiges neugotisches Baudenkmal nach der Viertelskirche Bennau einer Aussenrenovation unterzogen. Interessant ist die teils als Sgraffito, teils als Pseudosgraffito ausgeführte Dekoration um die Mariennische über dem Haupteingang.

Eine ganz andere Stellung hat die Zahnwehkapelle im Feld nördlich von Ingenbohl. Innerhalb unserer Kulturlandschaft nehmen ja die zahlreichen kleinen und kleinsten Kapellen und Bildstöcklein einen wichtigen Raum ein. Oft kennt man aber nicht einmal mehr den oder die Stifter solcher Bauten. Eine solche Kapelle ist die Kapelle St. Apollonia oder Zahnwehkapelle, wie sie im Volksmund genannt wird. Sie steht an einer sehr idyllischen Lage im Feld zwischen Ibach und Ingenbohl an einem Abzweiger des Jakobsweges nach St. Wendelin in Unterschönenbuch auf Ingenbohler Gemeindegebiet. Sie ist die kleinste Kapelle auf Ingenbohler Boden und befindet sich im Privatbesitz. Die Zahnwehkapelle ist im Volk auch heute noch stark verankert, und viele Menschen pilgern bei Zahnschmerzen immer noch hierher. Das zeigen auch die zahlreichen Zähne im Innern der Kapelle. Oft wurden aber auch ältere Bestände an Figuren oder Bildern an solch relativ abgelegene Orte verpflanzt. Dies scheint auch hier der Fall zu sein. Im Inneren der einfachen Wegkapelle steht nämlich eine zur Apollonia umfunktionierte Agathastatue. Die ursprüngliche heilige Agatha ist aber immer noch erkenntlich an ihrem ersten Attribut, den beiden abgeschnittenen Brüsten (Agatha-Brötchen) auf einem Buch. Dieses Attribut wurde ihr nämlich belassen, aber durch dasjenige der heiligen Apollonia, der Zahnzange, ergänzt.

Neben der heiligen Apollonia gibt es noch zwei weitere Figuren: Maria und Agatha. Im Innern hängt aber auch noch eine Holztafel mit der Darstellung der «Seufzer Christi». Diese Darstellung ist bei uns eher selten. Bei der Restaurierung 1989 wurde bei dieser Tafel festgestellt, dass es sich beim heutigen Bild um eine Übermalung handelt, unter der sich vermutlich nochmals das gleiche Bildthema findet. Auf eine Freilegung ist damals aber verzichtet worden, da die Übermalung des 19. Jahrhunderts qualitativ gut ist. Der Maler dieser Tafel ist unbekannt. Hingegen nimmt man an, dass die qualitätvolle und differenzierte Fassung der drei Figuren wenn nicht direkt, so doch in die Umgebung der Werkstatt des einheimischen Meinrad Büeler verweist.

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