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Anklänge an Kaspar Hauser und die Verbrechensfälle Kampusch und Fritzl

Ökonomisch war es eine Zangengeburt, aber geschadet hat das Michael Steiners «Sennentuntschi» nicht. Der Film, der ab Donnerstag in den Kinos läuft, ist im Vorfeld als «Skandalwerk» apostrophiert worden – völlig zu Unrecht.

Südostschweiz
12.10.10 - 02:00 Uhr
Zeitung

Von Irene Widmer

Seinen Ruf erwarb sich Michael Steiners neuster Film schon vorab deshalb, weil ein gleichnamiges Stück von Hansjörg Steiner 1981 wegen seiner rüden und gotteslästerlichen Sprache einen Fernsehskandal ausgelöst hatte. «Sennentuntschi» beruht auf einer weit verbreiteten Alpensage, in der drei notgeile Sennen eine Ersatzfrau basteln und missbrauchen, bis diese sich blutig rächt.Für einen fast zweistündigen Film ist diese Geschichte – obwohl mit Sex und Gewalt satt getränkt – viel zu unergiebig. In Steiners Film bildet die Sage denn nur einen Strang des Erzählgespinsts – einen wichtigen allerdings, weil er den Zuschauer lange Zeit an der Nase herumführt. Zunächst wird das Klischee vom Schweizer Alpenidyll, unter dessen Oberfläche das Grauen lauert, auf fast unerträglich kitschige Art zelebriert: Ein kleines Mädchen sucht Pilze im malerischen Bergwäldchen und findet, von einer Art Gnom geleitet, ein ganzes Feld davon – mit menschlichen Umrissen. Die Mutter des Mädchens erzählt der Polizei eine 35 Jahre zurückliegende Geschichte von einer geheimnisvollen, stummen, unzivilisierten Frau, die damals plötzlich in der Berggemeinde aufgetaucht sei und den Tod mit sich zu bringen schien. Der Pfarrer startete eine Verteufelungskampagne, die Bergler erwägten Lynchjustiz. Einzig der Dorfpolizist versuchte die mysteriöse Schöne zu schützen.Schliesslich verschwand die junge Frau wieder – angeblich auf die Alp, um dort ihre Bestimmung als Sennentuntschi zu erfüllen. Im Dorf beginnt die Geschichte unterdessen Haken zu schlagen.

Erzählerisches Kunststück

Anklänge an die Geschichte des Kaspar Hauser und die jüngsten Verbrechensfälle Kampusch und Fritzl sind zu vernehmen – und der fatale Wunsch von Menschen, andere ganz für sich allein zu besitzen, setzt sich als Grundmotiv durch. Am Schluss lässt sich fast alles rational auflösen, selbst der Inhalt der Sage besteht die Nagelprobe des Wirklichen – ein beeindruckendes erzählerisches Kunststück von Steiner und seinem Co-Autor Michael Sauter, der schon die Erfolgsfilme «Grounding» und «Mein Name ist Eugen» mitverantwortete.Noch mehr als die Raffinesse der Story und ihrer gezielten Verhüllung – sie erinnern stark an M. Night Shyamalan («The Sixth Sense», «The Village») – überzeugt die optisch opulente und professionelle Machart von «Sennentuntschi». Jene 5,5 Millionen Franken, die der Film kostete und die Steiners Produktionsfirma in den Konkurs trieben, scheinen da direkt noch ein Schnäppchen zu sein. Viele Aufnahmen wirken wie Gemälde, manches Szenenbild würde sich auch in einer Fotogalerie gut machen. Nur hin und wieder wird ein optischer Einfall – etwa der grün verschwommene Absinth-Rausch der Sennen – allzu lange ausgekostet.

Schweizer Schauspielprominenz

Die Besetzungsliste von «Sennentuntschi» versammelt fast die ganze Crème de la Crème der Schweizer Top-Schauspieler – darunter Andrea Zogg als gewalttätiger Senn (siehe Interview oben), Carlos Leal als Alppraktikant mit dunklem Geheimnis, Joel Basman als stummer Melkbub. Der österreichische Burgtheaterschauspieler Nicholas Ofczarek spielt den Dorfpolizisten und die «französische Romy Schneider», Roxane Mesquida, die Titelfigur.

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