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Als Weesen seinen Bahnhof noch mitten im Dorf hatte

Als Weesen seinen Bahnhof noch mitten im Dorf hatte

Heinrich Bachmann war der letzte Stationsvorstand im alten Bahnhof Weesen und 20 Jahre Bahnhofvorstand in Uznach. «Das waren noch Eisenbahn-zeiten, damals», sagt er. Es waren spannende Zeiten.

Südostschweiz
vor 10 Jahren in

Von Sibylle Speiser

Ernetschwil. – Fast 87 Jahre ist er alt. Aber daraus macht er kein Drama. Im Gegenteil. Heinrich Bachmann wirkt rüstig und lebhaft. Er hat zwar eine Bypass-Operation hinter sich und einen Hirnschlag, der ihm rechts fast das Augenlicht kostete. Trotzdem bewegt er sich selbstständig durch den Alltag: Er kocht und bügelt selbst …

Auf die Schreibende, die ihren Besuch bei ihm ankündigte, wartet er nicht in der Wohnung. Er kommt ihr an diesem kühlen Februartag leicht bekleidet, als wäre es ein warmer Frühlingstag, auf der Quartierstrasse entgegen und zeigt ihr voll Begeisterung die schöne Ernetschwiler Landschaft in der Umgebung. Seit 13 Jahren – seit dem Tod seiner Frau Sophie – wohnt er in Ernetschwil, in einer kleinen Wohnung im Haus seines Sohnes.

«In Uznach waren wir Ausländer»

In der gemütlichen Stube stehen da und dort Erinnerungsstücke aus der Zeit seiner Tätigkeit bei der Bahn: eine Lokomotivlampe zum Beispiel, oder ein Zughaken. Die Frage, warum er Bähnler geworden ist, ist müssig: Sein Vater war bei der Bahn, seine zwei Brüder auch. Dabei wäre Bachmann gerne Sekundarschullehrer geworden.

Nach dem Tod des Vaters brach er den Besuch des Gymnasiums aber ab. Seine Mutter wünschte, dass er als Ältester nun Geld verdiene, statt zur Schule gehe. «Dies, obwohl wir genug Geld hatten», blickt er zurück.

Während seine Mutter nach der Handelsschule eine Banklaufbahn für ihn vorsah, bewarb er sich mit 18 ohne ihr Wissen bei den SBB. Nur zwei von 50 Aspiranten bestanden die Aufnahmeprüfung als Stationslehrling. Er war einer der zwei. Nach der Lehrzeit war er auf den Bahnhöfen von Bazenheid, Reichenburg und Wattwil tätig. Von 1960 bis 1968 war er Stationsvorstand in «Alt-Weesen» und von 1968 bis 1988 Bahnhofvorstand in Uznach.

Am besten gefallen hat es Bachmann in Wattwil. Er und seine Frau sind im Toggenburg geboren. Wattwil war für sie Heimat. Wenn er zwischen Uznach und Weesen wählen könnte, würde er sich heute für das Weesen von damals entscheiden. «In Uznach waren wir als Toggenburger Ausländer», sagt er. Gespürt habe das vor allem seine Frau, die eine hervorragende Sopran-Solistin gewesen sei. In Wattwil und später in Weesen habe man sich gefreut, dass sie dazu bereit war, als Solistin im Kirchenchor mitzuwirken. In Uznach hätten gewisse Damen im Chor von der «Ausländerin» als Solistin nichts wissen wollen.

An Weesen denkt Bachmann gerne zurück. «Das waren noch Eisenbahn-zeiten» sagt er. Fast liebevoll beschreibt er die einspurige Bahnstrecke, die von Mühlehorn zum alten Bahnhof in Weesen führte, «direkt dem See und am Waldrand entlang». Der alte Bahnhof lag mitten im Dorf, unterhalb des Altersheims «Pelikan». Die Schnellzüge von Basel nach Buchs hätten den Bahnhof passiert, und auch Züge mit schweren Lasten. «Bereits um 4.15 Uhr trafen täglich die ersten zwei Güterzüge ein», erinnert er sich. «Später am Tag holten die Portiers der Weesner Hotels ihre Kurgäste, die mit dem Schnellzug kamen, vom Bahnhof ab.»

«Auch Leichen weggetragen»

Als letzter Stationsvorstand von «Alt-Weesen» erlebte er den Bau der Doppelspur und des Tunnels in den Sechzigerjahren mit. Die Strecke wurde so verlegt, dass die Züge fortan direkt nach Ziegelbrücke fahren konnten, am Dorf Weesen vorbei. «Bis 1968 wurde die einspurige Strecke nach ‘Alt-Weesen’ trotzdem noch benützt», erzäht er.

Dem neuen Bahnhof «draussen im Riet auf Glarner Boden», der Ende der Sechzigerjahre gebaut wurde, kann Bachmann nicht viel abgewinnen. Errichtet habe man ihn dort wegen des grossen Verkehrsaufkommens, das der Schotterverlad mit sich brachte. Nach einem Bergsturz in den Siebzigerjahren durfte in Weesen aber kein Schotter mehr abgebaut werden. «Heute ist der Bahnhof für die Katz», bringt er es auf den Punkt.

Bachmann erinnert sich auch an Aussergewöhnliches. Zweimal musste er in Weesen Leichen wegtragen. Einmal handelte es sich um einen Mann, der am Waldrand auf der einspurigen Strecke nach Weesen Selbstmord begangen hatte. «Es war nach 21 Uhr, bereits dunkel. Der Loki-Führer nahm nur einen Schlag wahr, sah aber nichts», erzählt Bachmann. Er habe den Toten dann gefunden.

Ein anderes Mal war es Mord. Ein deutscher Schlafwagenschaffner erdrosselte eine dänische Krankenschwester im Schlafwagen des Schnellzugs Hamburg–Buchs. Es war Ende der Sechzigerjahre. Die Doppelspur und den Tunnel gab es schon. Im Tunnel entsorgte der Mörder die Leiche. Sie wurde in einer Nische des Tunnels nahe dem Ausgang Mühlehorn gefunden. Bachmann schildert, wie mühsam sich die Suche nach der toten jungen Frau im vier Kilometer langen Tunnel gestaltete.

«Die schöne Zeit ist vorbei»

Er erinnert sich aber auch an Schönes. Zum Beispiel an den Extrazug, der Bundesrat Kurt Furgler in den Siebzigerjahren über Uznach nach St. Gallen brachte. Komplimente sind ihm ebenfalls geblieben. Etwa jenes einer Damenriege aus dem Thurgau, die sich Anfang der Achtzigerjahre darüber freute, dass sie in Uznach vom Bahnhofvorstand persönlich zu ihrem Anschlusszug geleitet wurde.

Der Bahnhof Uznach hatte 1988, im Jahr der Pensionierung von Bachmann, 17 Mitarbeitende. Bachmann zählt auf: «Es brauchte Leute für das Stellwerk und den Schienentraktor, mit dem Güterwagen manövriert wurden. Es brauchte Bahnhofarbeiter, die Velos und ‘Köfferli’ umluden, Arbeiter, die sich um das Sortieren, Etikettieren und Verladen von Stückgut kümmerten, und es brauchte die Beamten.» Sechs Beamte und ein bis zwei Stifte seien im Einsatz gewesen. «Zu Stosszeiten waren die Schalter doppelt besetzt», blickt er zurück. Im alten Bahnhof Weesen waren acht Leute beschäftigt. Heute kümmern sich drei Angestellte um den Bahnhof Uznach, der neue Bahnhof Weesen ist schon lange unbedient.

Heute möchte Bachmann nicht mehr bei der Bahn tätig sein: «Die schöne Zeit der Eisenbahn ist vorbei.» Seinen Sohn, der seit vielen Jahren Zugchef bei den SBB ist, beneidet er nicht. «Ich bin zur richtigen Zeit geboren und froh, mittlerweile in Pension zu sein», sagt er.

Pension heisst für ihn nicht Ruhestand. Bachmann wandert gerne. «Eigentlich sollte ich jeden Tag eine Stunde zu Fuss unterwegs sein. Manchmal schaffe ich aber nur eine halbe Stunde», sagt er. Regelmässig geht er zum Turnen. Und er reist gerne, nicht zuletzt, weil er fünf Fremdsprachen spricht: Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und die Mutter aller romanischen Sprachen – Lateinisch. Sein Lieblingsland ist Spanien.

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