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120 km/h fahren, um zu überleben

Ein Buch voller Eindrücke und Erlebnisse. Der reich bebilderte Reisebericht ist mitreissend, schockierend und unterhaltsam zugleich. Morgen findet die Vernissage zu «Verfahren» statt.

Südostschweiz
Donnerstag, 04. September 2014, 02:00 Uhr

Von Delia Landolt

Glarus. – «Wir bewerten die regionalen Versicherungen als wertlos und verlassen den gesicherten Raum. Ab hier beginnt das unversicherte Leben. Ab hier kann ich aufatmen. Ab hier haben Fehler Konsequenzen.» So lautet ei-ne Passage aus dem Buch «Verfah- ren» von Martin Novotny und Ursula Wunder über ihre Reise, die im Juni 2005 gestartet wurde. In 15 Monaten durchquert das früher in Glarus wohnende Paar 25 Länder. 65 000 Kilometer legen die beiden auf dem Weg nach Bangladesch und zurück in einem 30 Jahre alten Toyota zurück.

Feste, Farben, Chaos und Elend

Von vollbusigen Marktverkäuferinnen, offenen Massen-Toiletten, Autopannen, riesigen Palästen, neuen Bekanntschaften und chaotischen Städten erzählt Martin Novotny in seinem Reisebericht «Verfahren». Österreich, Ungarn, Ukraine, Moldawien – so beginnt die Route.

«Die Gegend verlangte danach, sich zu verfahren. Geniale Landschaften, unverbraucht und unberührt», beschreibt der Autor Rumänien, das nächste Land auf ihrer Reiseroute. Überrascht von so viel Freundlichkeit und Wärme gegenüber Fremden, denken sie plötzlich, dass sogar Hunde freundlicher als gewohnt seien.

Über Bulgarien und die Türkei kommen die beiden nach Asien: Iran, Pakistan, Indien und Bangladesch. Der Fahrstil auf den Strassen wird immer tollkühner, die Lastwagen werden immer bunter: «Pakistans Strassen sind wie Perlenketten der Erdkugel. Jeder Lastwagen ist ein Kunstwerk.»

Weniger schön sind dagegen die Zerstörungen eines Erdbebens in Kaschmir gewesen. Um zu helfen, haben die Autoren kurzerhand beschlossen, beim Aufbau einer Zeltstadt mitzuwirken. Feste zu feiern gibt es trotzdem: An der Sufinacht in Lahore in Pakistan wird mit rhythmischem Trommeln, Trancetänzen und Haschisch für gute Stimmung gesorgt.

In Indien erleben die zwei Reisenden das Holi-Farbenfest sowie das Diwali-Lichterfest. Bald ist es den zwei in Indien aber zu laut, zu chaotisch. Bangladesch sei im Vergleich geradezu ein Ferienparadies – obwohl die Verdauung von Novotny und Wunder infolge einer Salmonellenvergiftung unkontrollierbar wird.

Der Rückweg führt die Reisenden von Afghanistan nach Tadschikistan, Kirgisien, Usbekistan, Kasachstan und Russland. In den Krisengebieten ist Tourismus fehl am Platz. Um an die tadschikische Grenze zu kom-men, lautet die offizielle Empfehlung, schneller als 120 Kilometer pro Stunde zu fahren. Die erhöhte Sicherheitswarnung lautet: Bombengefahr.

«Ende der Welt» und Bestechung

Unbeschadet geht es weiter nach Kirgisien, wo Jurten die Landschaft zieren. In Südkasachstan wird das Bild von endlosen Steppen geprägt, und es tauchen erstmals wieder moderne Städte auf. In Russland verdient sich das Paar nach langer holpriger Fahrt ein «Am Ende der Welt»-Gefühl – es muss später aber auch gegen massive Bestechung kämpfen. Weiter geht es dann wieder ins «saubere und geregelte Europa» nach Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien und Österreich bis zurück in die Schweiz.

Immer wieder müssen Novotny und Wunder um Visa kämpfen und auch oft etwas trotzig und geduldig sein, um nicht von einheimischen Behörden «abgezockt» zu werden.

Einen sicheren Parkplatz für die Nacht zu finden, auf dem sie ihr Dachzelt aufschlagen können, stellt sich oft als nicht einfach dar. Weiter müssen sie sich daran gewöhnen, «angestarrt» zu werden».

Mit faszinierenden Bildern und einer jugendlichen Sprache erzählt Martin Novotny von einer Reise durch viele Kulturen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und regt immer wieder zum Schmunzeln an.

Am Freitag, 5. September, um 19 Uhr, lesen Novotny und Wunder in der Buchhandlung Baeschlin aus ihrem Buch vor.

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