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«Seit dem Unfall läuft alles gut»

Sie feiert am Samstag ihren 32. Geburtstag. Mit vier Weltcupsiegen ist sie die erfolgreichste noch aktive Schweizerin. Aber am Wochenende bei den alpinen Ski-Weltcup-Rennen in St. Moritz fehlt Nadia Styger.

Südostschweiz
Mittwoch, 08. Dezember 2010, 01:00 Uhr

Von Richard Hegglin

Ski alpin. – Am Vorabend ihres Abflugs nach Kanada Mitte November gab sie noch ein Interview und sagte: «Allfällige Ergänzungen erledigen wir per Mail oder SMS.» Die Ergänzung kam von den Trainern in ihrer radikalsten Verknappung: schwerer Sturz, offener Schienbeinbruch – die fünfte schwere Verletzung nach vier Kreuzbandrissen. «Nur dreieinhalb», korrigiert Nadia Styger, «einmal war das Band nur angerissen.» Na ja, ein Anriss – ist ja wirklich nur ein Klacks ...Einige Tage hätte sie «ziemlich zu beissen» gehabt, sagt Styger. Vor allem, als sie allein im Spital von Calgary lag. Inzwischen hat sie sich zu Hause in Sattel im Kanton Schwyz wohnlich eingerichtet und findet: «Alles lief und läuft positiv: die Operation, die Reise, der Heilungsprozess, keine Infektion, ein 'schöner' Bruch. Theoretisch dürfte ich schon aufs Bein stehen. Aber ich will nichts forcieren.»

Nicht schnell, aber richtig gesund

Obwohl Schien- und Wadenbein gebrochen sind, dauert die Heilung weniger lange als bei einem Kreuzbandriss, vielleicht ein paar Monate. Erst dann will sich Styger Gedanken machen, wie es weitergeht: «Ich muss und will mich nicht vorher entscheiden.» Das sei der Unterschied zu früheren Verletzungen: «Damals überlegte ich anders, weil immer klar war, dass ich weitermache. Jetzt habe ich das Ziel, nicht schnell, sondern richtig gesund zu werden.» Aus ihrer Optik befindet sie sich in einer komfortablen Lage: Ihre berufliche Zukunft ist abgesichert – so oder so: «Im nächsten Herbst werde ich in Sattel ein Fitness-Studio eröffnen. Zwei Wochen vor dem Unfall habe ich den Vertrag unterschrieben.» Damals war offen, ob sie diese Tätigkeit im ersten Jahr noch parallel zum Skisport ausüben wird – das gilt weiterhin.

Pilgerreisen statt Rücktritt

Als sie im vergangenen Winter einmal kurz mit dem Rücktritt kokettierte, übte Völkl-Chef Gregor Furrer sanften Druck aus. Er werde zu Fuss von Zug auf den Sattel pilgern, um sie vom Weitermachen zu überzeugen. Lächelnd meint Styger: «Wenn ich mich dann mal entschieden habe, würde wohl auch eine Pilgerreise nichts mehr nützen.»Nur unmittelbar nach dem Unfall hatte Styger, zusammen mit der Französin Ingrid Jacquemot die älteste aktive Speed-Fahrerin, einen Moment resigniert: «Doch inzwischen ertappte ich mich dabei, wie ich meine Skischuhe holte, neben das lädierte Bein stellte und erfreut konstatierte, dass die Bruchstelle noch im Schuh und damit geschützt wäre.» Ohnehin rieten ihr alle: «Verhalte dich so, als ob du weitermachst. So bist du motivierter bei der Rehabilitation.»Schon früher, wenns mal nicht nach Wunsch lief, verblüffte Styger immer wieder durch ihre Ausgeglichenheit und positive Denkweise, dank der sie ein enorm wichtiges Mitglied der Mannschaft ist. «Es geht», so Styger, «nur ums Skifahren. Das ist zwar ein wichtiger Teil meines Lebens, aber es geht nicht um Leben und Tod.»

Durch Schicksalsschlag geprägt

Ein schwerer Schicksalsschlag in der Familie hat Nadia Styger geprägt: Als sie zehnjährig war, starb ihre ältere Schwester Myriam an akuter Leukämie – wie einst der Kickboxer Andy Hug. Nadia Styger: «Dieses Erlebnis ist immer präsent. Es hat mir in meiner Karriere viel geholfen. Ich bin zwar auch schwer enttäuscht, wenn ich im 21. Rang klassiert bin oder wenn ich mich verletze. Aber das Schicksal meiner Schwester relativiert vieles.»

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