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«Die Reaktionen werden heftig sein»

Andrea Zogg brilliert in «Sennentuntschi» als primitiver Obersenn Erwin. Im Gespräch erzählt der Bündner Schauspieler über die Entstehung des Films, seine Traumrolle und über die Zusammenarbeit mit Regisseur Michael Steiner.

Südostschweiz
12.10.10 - 02:00 Uhr
Zeitung

Mit Andrea Zogg sprach Franco Brunner

Herr Zogg, spielen Sie lieber eine Figur die Ihrer eigenen Person nahe ist oder eine, in der Sie sich überhaupt nicht wieder erkennen?

Andrea Zogg: Beides ist spannend, und beides kann sowohl schwierig als auch einfach sein. Es gibt da keine allgemeingültigen Regeln. Ich hatte schon grosse Probleme mit Figuren, die mir vertraut waren, und Rollen, die mir weit entfernt schienen, liefen wie von alleine. Ein anderes Mal sah es dann wieder genau umgekehrt aus. Ganz grundsätzlich ist für den Schauspieler das Fremde jedoch natürlich schon etwas spannender.

In diesem Fall war die Rolle des Obersenns Erwin in Michael Steiners Mystery-Thriller «Sennentuntschi» etwas vom Spannendsten in Ihrer bisherigen Karriere. Denn man darf wohl davon ausgehen, dass die Person Andrea Zogg nicht viel gemeinsam hat mit diesem Älpler-Scheusal.

Ja, relativ wenig zumindest. Aber auch hier konnte ich wie bei jeder Rolle einen Ansatz finden, der etwas mit mir selbst zu tun hat. Das ist auch wichtig, um den Bezug zu der Figur herzustellen.

«Die Figur des Erwin ist eine Traumrolle»

Wie bitte? Sie spielen einen Mann, der flucht, säuft, prügelt und misshandelt, ja sogar vergewaltigt. Wo ist denn da der Bezug zu Ihrer Person?

Na ja, ich kann zum Beispiel auch cholerisch sein. Fragen Sie nur einmal meine Söhne (lacht).

Cholerisch zu sein, ist das eine, aber die Ausraster dieses Erwin gehen ja weit darüber hinaus. Gab es bei den Dreharbeiten auch einmal einen Punkt, an dem Sie gesagt haben: «Das geht mir persönlich jetzt zu weit, das kann ich nicht mehr spielen»?

Nein, denn Sie sagen es ja: Es ist nur ein Spielen. Zudem geht es in dieser Rolle darum, die Abgründe eines Menschen aufzuzeigen. Wenn man das schönt oder gar verniedlicht, geht es an der Realität vorbei. Es gibt im wirklichen Leben nun einmal solche Typen wie diesen Erwin. Und mit dem Menschen Erwin hatte ich ohnehin keine Probleme, der ist ja grundsätzlich nicht einmal böse. Er wird einfach in einen Abwärtsstrudel hineingezogen und verschlimmert alles zusehends durch seine fatal falschen Entscheidungen. Diese Ausgangslage hat mir als Schauspieler natürlich fantastische Möglichkeiten geboten. Insofern war die Figur des Erwin eine absolute Traumrolle.

Weniger traumhaft war bei «Sennentuntschi» indes die interne Vorgeschichte. Misswirtschaft seitens der Produktionsfirma von Regisseur Steiner sowie schwere öffentliche Vorwürfe gegen den Filmemacher führten gar so weit, dass lange nicht klar war, ob es der Film überhaupt noch in die Kinos schaffen würde. Wie haben Sie das ganze Drama um die Entstehung des Thrillers erlebt?

Wir haben gegen Ende der Dreharbeiten schon gemerkt, dass das Produktionsteam um Steiner in Geldprobleme geriet. Aber ich bin mit Steiner befreundet und stand dadurch immer in engem Kontakt mit ihm. Dadurch war ich auch relativ genau informiert über den jeweiligen Stand der Dinge. Ich habe ständig Steiners Energie gespürt und gesehen, wie sehr er sich für diesen Film einsetzt. Deshalb habe ich auch nie daran gezweifelt, dass der Film es in die Kinos schaffen würde.

«Steiners Energie habe ich ständig gespürt»

Sie sagen, Sie seien befreundet mit Steiner. Können Sie denn auch verraten, wie er damals auf die zum Teil sehr persönlichen Angriffe und Anschuldigungen reagiert hat? Immerhin war unter anderem von ausschweifenden Drogeneskapaden die Rede.

Diese primitiven Vorwürfe gingen ihm nicht besonders nahe. Er war zu dieser Zeit komplett darauf fokussiert, den Film zu retten. Alles andere blendete er aus. Bei späterer Gelegenheit hat er mir jedoch gesagt, dass er durch dieses unschöne Intermezzo gemerkt habe, wer Freund und wer Feind sei.

Wie war denn die Zusammenarbeit mit Steiner, der in der Schweizer Filmszene ja als Wunderkind gehandelt wird?

Die Arbeit mit Michael Steiner ist tatsächlich etwas Besonderes. «Sennentuntschi» war ja nach dem Fernsehfilm «Spital in Angst» aus dem Jahr 2001 bereits unsere zweite gemeinsame Arbeit. Er ist für mich jemand, der herausragt aus diesem durchschnittlichen Dschungel und der neben Marc Forster sicherlich mit Abstand der begabteste Schweizer Regisseur ist.

Was macht ihn denn so besonders?

Er weiss sich in jedem Genre zu bewegen – seien es Kinderfilme, Krimis, Thriller oder ein Film wie «Grounding – die letzten Tage der Swissair». All das inszeniert er mit einer unglaublichen Sicherheit und mit einem untrüglichen Gespür für das, was wichtig ist. Man kann ihm vollkommen vertrauen, und das macht die Arbeit mit ihm für mich als Schauspieler zur absoluten Freude.

Die Weltpremiere am diesjährigen Zurich Film Festival hat es gezeigt: «Sennentuntschi» ist ein heftiger Film. Was für Reaktionen erwarten Sie vom Publikum, wenn er nun offiziell in den Kinos anläuft?

Die werden wohl ebenso heftig ausfallen, und zwar sowohl in positiver als auch in negativer Form. Es wird Leute geben, die sagen, dass dieser Film der grösste Schrott sei, und es wird wiederum Leute geben, die von einem Superfilm reden werden. Ich hoffe einfach, dass der Film beim Zuschauer so viel auslöst, dass diejenigen, die ihn gesehen haben, ihn weiterempfehlen. Aus welchen Gründen auch immer. Schliesslich haben wir uns zum Ziel gesetzt, mit «Sennentuntschi» rund 200 000 Menschen in die Kinos zu holen.

«Ich hoffe einfach, dass der Film viel auslöst»

Daran zweifeln Sie ja wohl nicht ernsthaft. Schon die skandalträchtige Vorgeschichte wird Ihnen doch Rekordzahlen bescheren. So ganz nach dem Motto: Nur keine PR ist schlechte PR.

Nein, nein, das alleine würde noch lange nicht reichen.

Apropos skandalträchtig: Sie tragen neuerdings einen Oberlippenbart. Was hat es damit auf sich? Wollen Sie einen neuen Modetrend setzen?

(lacht) Um Himmels willen, nein. Den Schnauz trage ich, weil er zu meiner Rolle des Einbürgerungspolizisten Max Bodmer im Musical «Die Schweizermacher» gehört, in dem ich derzeit auf der Bühne stehe. Glauben Sie mir, das ist sonst nicht mein Stil. Auch meine Frau findet ihn nicht ganz so toll. Doch jetzt laufe ich nun mal ein paar Monate so herum. Was solls, ich selber muss mich ja zum Glück nicht anschauen (lacht).

«Sennentuntschi» startet am Donnerstag im Churer Kino Apollo und läuft um 18.30 und um 21 Uhr. Nur für Besucher ab 16 Jahren.

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