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«Der Abfall wird überall liegen gelassen»

Die Hirten Carelia Joos und Hannes Schnitzer verbringen ihr drittes Jahr auf der Alp Mora ob Flims. Derzeit sie sind vor allem mit Einzäunen beschäftigt, um unliebsame Begegnungen zwischen Touristen und Mutterkühen zu verhindern.

Südostschweiz
Dienstag, 22. Juni 2010, 02:00 Uhr
«Der Abfall wird überall liegen gelassen»

Die Hirten Carelia Joos und Hannes Schnitzer verbringen ihr drittes Jahr auf der Alp Mora ob Flims. Derzeit sie sind vor allem mit Einzäunen beschäftigt, um unliebsame Begegnungen zwischen Touristen und Mutterkühen zu verhindern.

Von Beat Rauch (Text und Bilder)

Alp Mora. – «Bei schönem Wetter sehen wir den Bianco-Grat des Piz Bernina» schwärmt mir Carelia Joos vor, nachdem ich auf der Alp Mora oberhalb von Trin angekommen bin. Die Hirtin meint wohl, mir etwas Trost spenden zu müssen. Während der letzten halben Stunde bin ich vornehmlich durch stockdicken Nebel gefahren und auch hier – auf rund 2000 Metern über Meer – reicht die Sicht nicht weiter als bis zum nächsten Murmeltierbau. Zwei Kühe grasen einsam bimmelnd unterhalb der riesigen Alpgebäude, der Appenzellerhund Mira döst (siehe Kasten) – an einer Wand Wärme suchend – vor sich hin. Alpstimmung will sich so partout nicht einstellen.Den beiden Hirten Carelia Joos (26) und Hannes Schnitzer (29) geht es ähnlich. Es ist ihr drittes Jahr auf der Alp Mora, das erste ohne Milchkühe, dafür mit 110 Mutterkühen und 40 Kälbern, und während des Sommers sollen rund 40 weitere dazugeboren werden. Doch weil eben erst Alpaufzug war, ist es hier oben tierleer. Das Vieh grast noch weiter unten im Waldbereich. Und weil es rundherum eingezäunt ist, gibt es auch nichts zu hüten.

Mutterkuh soll nicht auf Tourist treffen

Dafür gibt es umso mehr zu zäunen. Die Alp Mora ist ein beliebtes Wander- und Bikergebiet. Um nur ja keine unliebsamen Begegnungen zwischen Touristen und Mutterkühen zu riskieren, müssen Carelia und Hannes alle Alpstrassen doppelt auszäunen, das heisst, komplett von den Wegen abtrennen. Das sind von der unteren Weidegrenze bis «Tegia Culm» viele, viele Kilometer Elektrozäune. Diese zu erstellen, macht keinen Spass, aber nicht nur deshalb ist das Hirtenpaar auf die Touristen nicht gut zu sprechen. «Es ist unglaublich, wie viel Abfall überall liegen gelassen wird», sagt Carelia. «Dazu kommt die Rücksichtslosigkeit vieler Biker, die kopflos bergabbolzen, und die Arroganz der Autofahrer, die ohne Bewilligung hier herauffahren und ihr Vehikel ungeniert vor unserer Haustüre parkieren.»Aber abends um fünf kommt ihr ganz privater Aufsteller. Hannes holt Olea und ihre Stallgefährtin Arina von der nahen Weide. Die beiden haben hier oben etliche Sommer verbracht, aber jetzt sind sie im riesigen Stall allein, und Olea ist die einzige Milchkuh. Das Hirtenpaar hat sich diese eine ausbedungen, um Milch, Käse und Butter für sich selbst zu haben, und nun wird sie liebevoll von Hand gemolken. Von Carelia und Hannes gemeinsam – jeder von einer Seite.

Der Metzger und die Bäuerin, die gerne reist

Zum Nachtessen gibt es Salami und Tiroler Speck und knuspriges, luftgetrocknetes Roggenbrot. Das hat Hannes aus seiner Heimat Südtirol mitgebracht, wo der gelernte Metzger vom Spätherbst bis zum Frühling in der Zimmerei seines Vaters mitarbeitet. Im Sommer ist diese geschlossen – Vater Schnitzer ist auch Hirt, in den Schamser Bergen. Carelia ist gelernte und begeisterte Bäuerin und arbeitet in verschiedenen Betrieben mit, doch wichtig ist ihr das Reisen. Zuletzt hat sie vier Monate in Argentinien verbracht. Und sie spricht viele Sprachen. «Sieben», sagt sie verschmitzt, «wenn man Schwizertütsch getrennt zählt.»Später kommt Alpmeister Roman Casty nochmals herauf und erklärt, wieso man nun die 5,3 Kilometer lange und 1365 Höhenmeter überwindende Milch-Pipeline ins Dorf hinunter brach liegen lasse: «Es gibt immer weniger Milchkühe. Wir hätten in diesem Sommer nur noch 60 bekommen. Das deckt den Aufwand nicht mehr, allein das Dieselöl für den Stromgenerator hätte die Hälfte des Ertrags aufgefressen.» Und für Carelia und Hannes heisst das: Statt für zwei gibt es nur noch für eineinhalb Hirten Alplohn.Am nächsten Vormittag ist endlich Action angesagt. Die Herde «über dem Bach» muss in eine neue Weide nach oben getrieben werden. Carelia lockt mit Salz vorneweg, und hinten wuseln Mira, die Appenzellerhündin, und Hannes sichtlich freudig erregt hin und her. Ich bin froh, dass in dieser Herde, zu der nur Kälber und Kühe gehören, die im Sommer nicht kalben werden, auch einige ältere Semester mitkraxeln. So halte ich schwer atmend gerade noch mit den langsamsten mit, ohne mich restlos zu blamieren.

Und dann scheint sogar die Sonne

Endlich oben angekommen, bietet sich jenes Bild, welches das Herz jedes Hirten (und anderer Romantiker) höher schlagen lässt: die Herde versammelt um den grossen Brunnen (die Alp Mora ist arm an Wasser, das in einem Leitungssystem von weit-her zu zentralen Brunnen geführt werden muss), die Kälber gierig an den Eutern ihrer Mütter saugend, die Hirten zufrieden, dass alle da sind, der Hund froh, endlich etwas zu tun gehabt zu haben – und sogar die Sonne scheint. Kurz sehen wir die grandiose Aussicht hinunter nach Bonaduz, Rhäzüns und Flims. Der Bianco-Grat des Piz Bernina bleibt allerdings verborgen. Und als ich mich wenig später verabschiede, regnet es schon wieder.

Durch den Alpsommer mit Beat Rauch

Er ist Fernsehjournalist, Teilzeithirt und – auch wenn er im Unterland wohnt – Bergler durch und durch. Beat Rauch wird für die «Südostschweiz» den diesjährigen Alpsommer begleiten. Alle zwei Wochen besucht er eine andere Bündner Alp, spricht mit den Menschen vor Ort und gibt seine Eindrücke den Leserinnen und Lesern weiter. Die Serie ist auch im Internet zu finden. Unter «Dossier» auf www.suedostschweiz.ch (so)

Wie es dem Alphund Mira auf der Alp Mora ergeht

Mira, Appenzeller-Mischung, sechseinhalb Jahre alt: Ist das ein Frust! Ich fürchte, ich stehe vor meinem langweiligsten Alpsommer. Ganze zwei Kühe muss ich morgens von der Nachtweide holen. Was heisst da morgens – erst um 6 Uhr. Kaum 50 Meter müssen sie bis zum Stall zurücklegen, und bald bin ich auch da überflüssig. Sie werden dem Ruf des Hirten folgen und von selbst kommen. Zustände sind das!Bis zum Sommer im letzten Jahr war das ganz anders. Um 3 Uhr Tagwache, ich hatte die über 90 Milchkühe bei Nacht von zum Teil weit entfernten Weiden in den Stall und nach dem Melken wieder auf eine andere, noch weiter entfernte Tagweide zu treiben. Jetzt «tschaggnen» die zwei alten Tanten ein paar Schritte zu ihrem privaten, säuberlich gleich neben der Hütte eingezäunten Gärtchen. Nicht einmal von Trin hier hoch mussten sie marschieren, sie wurden nobel heraufchauffiert.Statt hinter Kühen muss ich nun hinter dem Auto herhecheln, wenn die beiden Hirten zum Zäunen fahren. Zu fett sei ich, meinen sie, meiner Gesundheit und der Kondition würde das Joggen guttun. Ja herrgott, auch in früheren Jahren war ich bei Alpbeginn zu dick, aber bei der Arbeit abzunehmen, macht einfach mehr Spass als mit einem künstlich verordneten Fitnessprogramm.Die Lichtblicke in diesem Sommer sind die leider viel zu seltenen Weidewechsel. Denn Mutterkühe und ihre Kälber zu treiben, macht noch mehr Spass als Milchkühe. Da gibt es richtige Fights, wenn sich eine Mutter gegen mich wendet und mich zu erwischen versucht. Aber das gelingt nie. Ich bin flink, weiche aus, greife von der andern Seite an und reize sie, bis sie schäumt vor Wut und resigniert das Weite sucht. Und die Kälber sind süss. Mit denen schmuse ich sogar gelegentlich, wenn der Trieb vorbei ist, ich faulenzen und mich in der Sonne räkeln kann. Na ja, so betrachtet wird der Alpsommer vielleicht doch noch ganz angenehm. Wenn nur endlich die Sonne scheinen würde ... (br)

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