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«Allzeit ein guother Frünnd deß Klosterß»

Wie stellt sich eine Bündner Notabelnfamilie des 17. und 18. Jahrhunderts dar? Und wie kittet sie ihren angeschlagenen Ruf? Ein Beispiel dafür liefert die vom Staatsarchiv edierte «Berther-Chronik».

Südostschweiz
Sonntag, 25. Juli 2010, 02:00 Uhr
«Allzeit ein guother Frünnd deß Klosterß»

Wie stellt sich eine Bündner Notabelnfamilie des 17. und 18. Jahrhunderts dar? Und wie kittet sie ihren angeschlagenen Ruf? Ein Beispiel dafür liefert die vom Staatsarchiv edierte «Berther-Chronik».

Von Jano Felice Pajarola

Chur/Disentis. – Er wird der angesehenen Familie Berther aus dem Hochgericht Disentis noch lange in Erinnerung bleiben, der Pfingstmontag 1656. Es ist Landsgemeinde an diesem 5. Juni, und es steht ein Entscheid an, dessentwegen in der Cadi «Haß, Mißgunst, Zweitrachtungen» entstanden sind, geschürt von Pfarrern in der Region auf Initiative des Bistums Chur. Um eine Bulle des Papstes geht es, sie verfügt die völlige Lösung des Disentiser Klosters von der bischöflichen Oberherrschaft. 18 Pfarreien und Filialen von Andermatt bis Domat/Ems sollen neu zu einem «Quasi-Bistum» Disentis gehören. Doch Chur will sich das nicht gefallen lassen. Domkustos Matthias Sgier soll es verhindern, er reist an die Landsgemeinde nach Disentis, fordert Abt Adalbert II. de Medell auf, ihm die Bulle auszuhändigen – um sie zu zerstören. Der Abt muss letztlich nachgeben, und Sgier erhält das päpstliche Dokument.Jahre später schreibt ein Nachfolger des Abts, Adalbert III. de Funs, die Geschehnisse des so genannten «Bullenstreits» nieder. Und bezichtigt dabei den am selben Pfingstmontag gewählten Landammann Jakob Berther, er habe die Bulle damals «mit dem Messer durchstohen». Bei der Notabelnfamilie ist Feuer unterm Dach. Diesen Vorwurf – Antiklösterlichkeit! – kann sie nicht auf sich sitzen lassen.

Autoren aus drei Generationen

Die Gegendarstellung liefert ein Enkel Jakob Berthers, der Disentiser Pater Justus Berther (1680-1736), und zwar in der so genannten «Berther-Chronik». Das Original der über 400 Seiten starken Papierhandschrift wird im Kloster verwahrt, doch jetzt ist sie – buchstabengetreu – für jeden einsehbar: dank eines von Ursus Brunold und Adrian Collenberg bearbeiteten Bands in der Reihe «Quellen und Forschungen zur Bündner Geschichte» des Staatsarchivs. Eines der einst beliebten Haus- und Familienbücher ist das Manuskript, wie Brunold und Collenberg einleitend festhalten; verfasst wurde das Werk von verschiedenen Autoren aus drei Berther-Generationen. Ihre Absicht: Gilt es die Familienehre zu verteidigen, soll die «familiale Konstruktion der Vergangenheit stets zur Hand sein».

Auch mal historisch unkorrekt

An dieser Ehre wird denn auch eifrig gebaut in der Chronik. Da werden – über Jahrhunderte hinweg – minu- tiös die von Familienvertretern und nahe stehenden Familien gehaltenen Ämter aufgezählt, dazu Verdienste, Kirchenspenden, Lebensgeschichten. Sogar historisch unhaltbare Behauptungen, so Brunold und Collenberg, hätten die Chronisten aufgestellt, um die Familie ins rechte Licht zu rücken.Sie dokumentieren damit aber auch die Denk- und Lebensweise eines Notabelnclans, zitieren aus im Original verlorenen Quellen und erhellen die einstigen Vormachtskämpfe zwischen Kloster und Gerichtsgemeinde Disentis. Anders gesagt: Bei weitem nicht nur für Nachfahren der Familie ist die Publikation interessant, sondern auch für das historisch interessierte Publikum und natürlich die Fachwelt.

Wichtige «kleine Pagatellen»

Zum Schluss aber zurück zu Jakob Berther. «Hochgelehrt und gar beredsam» sei er gewesen, schreibt sein Verteidiger Pater Justus, ein früherer Abt habe ihn gar «genambset: ein wohlbedachter, fürsichtiger und hochsinniger Mann». Sogar dass er einst «ein schöneß grosseß Käss» einem Abt überlassen habe, wird erwähnt, zugegebenermassen «kleine Pagatellen» – Hauptsache, es lässt sich zeigen, dass Jakob «des Klosterß guother Frünnd» war. In Sachen Bullenstreit schliesslich führt der Pater 24 (!) Gründe an, die beweisen sollen, dass der Landammann das Pergament nicht durchstochen haben kann: vom Umstand, dass es später «unverletzt» an den päpstlichen Legaten zurückging, bis zur Feststellung, Berther wäre andernfalls doch sicher bestraft worden. Aber «solcheß ist nit geschehen, also muoß es auch nit gewesen sein». Obs die Wahrheit ist, das bleibt ein Geheimnis.

Ursus Brunold, Adrian Collenberg (Bearb.): «Berther-Chronik», Kommissionsverlag Desertina 350 Seiten, 49 Franken.

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