Mehr als vier Wände: Warum diese Churer WG keine gewöhnliche Wohngemeinschaft ist
Die WG Oberalp in Chur bietet Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen ein betreutes Zuhause – mit dem Ziel, sie auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten. Wie funktioniert das Zusammenleben?
Die WG Oberalp in Chur bietet Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen ein betreutes Zuhause – mit dem Ziel, sie auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten. Wie funktioniert das Zusammenleben?
Von Maria-Catharina Lechmann
Die Wohnung wirkt auf den ersten Blick wie eine ganz gewöhnliche WG. Eine grosse Küche. Ein helles Wohnzimmer mit zwei Sofas, die zum Verweilen einladen. Ein grosser Esstisch, an dem sechs Personen Platz finden. Doch wer hier lebt, war nicht einfach auf der Suche nach einer gemütlichen Bleibe oder Gesellschaft. Die WG Oberalp ist Teil eines betreuten Wohnangebotes für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Das Angebot richtet sich an Menschen, die selbstständig leben möchten, dennoch auf eine stabilisierende Wohnsituation und auf eine vorübergehende Betreuung angewiesen sind. Das Ziel soll die Vorbereitung auf ein selbstständiges Wohnen sein. Lanciert wurde das Angebot vom Bündner Hilfsverein für psychisch kranke Menschen. Hier, an der Calandastrasse nahe dem Bahnhof, werden wir von Riccarda Minder empfangen. Die ausgebildete psychiatrische Pflegefachfrau arbeitet seit 2021 als Betreuerin bei der Wohngemeinschaft Oberalp und leitet diese.
Wöchentlicher Austausch
Der Name stammt vom ehemaligen Standort der WG an der Oberalpstrasse. Dort war der Raum eher knapp bemessen, erinnert sich Riccarda Minder. «Der Umzug hierher vor einem Jahr war auf jeden Fall ein Highlight. Diese Wohnung ist grösser und bietet mehr Platz. Auch die gesamte Atmosphäre ist besser.» Zwei einzelne Wohnungen wurden zu einer grossen umgebaut. Hier wohnen aktuell zwei Männer und zwei Frauen. Die Betreuerin führt uns durch die geräumige Wohnung. Ein schmaler Gang leitet vom Eingang in die Küche. Statt nur einem stehen hier zwei Kühlschränke. «Der bereits eingebaute war für fünf Personen zu klein. Schliesslich sollen alle gleich viel Platz für ihre eigenen Lebensmittel haben», erklärt die Betreuerin. «Die Verteilung von Stauraum und Platz verursacht Konfliktpotenzial. Das wollen wir, so gut es geht, entschärfen.» Deshalb sind auch Küchenschränke und Fächer in Kästen beschriftet. Weiter geht es ins Wohnzimmer. «Hier finden unsere wöchentlichen Gruppenbesprechungen statt. Wir verteilen die WG-Ämtli neu, blicken auf die vergangene Woche zurück und besprechen aktuelle Themen», zählt sie auf. Anschliessend ziehe sich Riccarda Minder jeweils in ihr «Büro» zurück. Ein heller Raum mit grossem Tisch in der Mitte. «Die Bewohnenden haben dann die Gelegenheit, Einzelgespräche mit mir zu führen. Oft trudeln sie dann nacheinander ein und wollen grössere oder auch kleinere Dinge zusammen besprechen», erklärt die Pflegefachfrau und lächelt. Von ihrem «Büro» aus gelangt man in ein grosses Badezimmer, welches den Durchgang zur zweiten Wohnung bildet. In dieser befinden sich weitere Einzelzimmer, ein Bad und eine Waschküche. Ein Zimmer steht momentan leer. «Im April wird dieses von einem neuen Bewohner bezogen. Dann ist die WG wieder voll belegt.»
Gefragtes Wohnangebot
Für dieses freie Zimmer habe es zwölf Besichtigungen gegeben, erzählt Riccarda Minder. Solche Wohnangebote seien sehr gefragt. Wie wird aber schlussendlich entschieden, an wen das Zimmer vermietet wird? «Zunächst gibt es generelle Aufnahmebedingungen, welche die Bewohnenden erfüllen müssen. Insgesamt müssen sie schon relativ selbstständig sein.» Sie sollten selbstständig die Körperpflege durchführen, Ordnung im eigenen Zimmer halten und sich an der Verrichtung von Hausarbeiten beteiligen können. Ebenfalls müssen sich die Bewohnenden verpflichten, mindestens halbtags einer Beschäftigung nachzugehen. Zudem ist der Konsum von Alkohol und anderen Suchtmitteln in der WG nicht gestattet. «Sonst sind wir eine normale WG», sagt die Betreuerin. «Einfach mit speziellen Leuten.»
Von zwei Monaten bis zu mehreren Jahren
«Auf die Anmeldung folgt eine Besichtigung der Wohnung. Während dieser achte ich darauf, möglichst viele Fragen zu stellen, um zu schauen, ob diese Person zum Angebot und zur bestehenden Gruppenkonstellation passt», schildert die Leiterin der WG Oberalp. Momentan sei die Gruppendynamik zwischen den Bewohnenden super, sagt sie. Das muss aber nicht immer so sein. Mal entsteht Gemeinschaft, mal Rückzug. «Das kommt extrem auf die Konstellation an», sagt die Betreuerin. Es gibt WGs, in denen gemeinsam gekocht und Zeit verbracht wird – und solche, in denen jeder und jede hauptsächlich für sich bleibt. Wie lange jemand in der WG wohnen bleibt, ist sehr individuell. «Es gab Personen, die nur zwei Monate hier waren. Andere lebten mehrere Jahre in der WG. Ziel ist die Stabilisierung der Lebenssituation und die Vorbereitung auf ein eigenständiges Leben in der Gesellschaft», so Riccarda Minder. Die Aufenthaltsdauer werde entsprechend den Rehabilitations-Bedürfnissen der Bewohnenden flexibel gehandhabt.
Eine ehemalige Bewohnerin erzählt
Doch das betreute Wohnen in der WG Oberalp ist nicht das einzige Wohnangebot des Hilfsvereins. Eine gleichfunktionierende WG gibt es in Thusis, die Wohngemeinschaft Nolla. Ein weiteres Angebot ist das «Begleitete Wohnen». Es richtet sich an psychisch beeinträchtigte Menschen, welche in einer selbst gemieteten Wohnung leben und auf eine begleitende Betreuung angewiesen sind. Um an diesem Angebot teilnehmen zu können, sind ein hohes Mass an Selbstverantwortung und Eigenaktivität vorausgesetzt. Ebenfalls ist eine IV-Rente oder zumindest die Anmeldung dafür erforderlich. Auch in diesem Wohnangebot ist Riccarda Minder als Betreuerin tätig. «Nach dem Auszug aus der WG nutzen ehemalige Bewohnende oftmals dieses Angebot», weiss sie. Theresa* kennt beide Wohnformen. Telefonisch schaltet sie sich zum Gespräch zu. Während vier Jahren hat sie in der WG Oberalp gelebt, allerdings noch am alten Standort. Besonders habe ihr dort die Wohnung und Riccarda Minders wöchentliche Besuche gefallen. «Ich finde es schön, dass sie mich im Rahmen des begleiteten Einzelwohnens weiterhin begleitet», erzählt sie. Auf ihre Zeit in der WG blickt sie mit gemischten Gefühlen zurück: «Mit gewissen Leuten habe ich mich gut verstanden, mit anderen weniger.» Trotzdem sind auch gute Erinnerungen geblieben, erzählt sie. «Wir haben gelegentlich zusammen gegessen oder Spiele gespielt. Das fand ich schön.» Der grösste Unterschied zwischen dem Leben in der WG und in ihrer eigenen Wohnung? «Dass ich jetzt meine Ruhe habe», sagt Theresa unverblümt und lacht.
*Name geändert. Weitere Informationen zu den Wohnangeboten finden Sie hier.
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