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Die neue (Wohn-)Bescheidenheit

Die Ressourcen sind begrenzt und der Wohnraum soll besser genutzt werden. Wie kann man nachhaltig leben, ohne auf Wohnqualität verzichten zu müssen? Wohnbaugenossenschaften zeigen seit jeher, was machbar ist.

Wohnen
Südostschweiz
Donnerstag, 25. Juli 2019, 16:08 Uhr wohnen.suedostschweiz
Attraktive gemeinschaftliche Räume statt grosse private Wohnfläche
GENOSSENSCHAFT KALKBREITE / VOLKER SCHOPP

von Rebecca Omoregie, Vizedirektorin bei Wohnbaugenossenschaften Schweiz, Verband der gemeinnützigen Wohnbauträger

Lange bevor das Konzept der Suffizienz erfunden wurde, überlegten sich Wohnbaugenossenschaften, wie sie rationell und doch gut bauen können. Denn sie wollten möglichst preisgünstigen Wohnraum schaffen. Die Resultate dieser Bemühungen sieht man in den Wohnungen und Reihenhäusern aus den 1920er- und 30er-Jahren: Sie sind klein und bis in den letzten Winkel grundrissoptimiert.

Individuelle Wohnfläche reduzieren

Auch heute noch spielen Kostenüberlegungen beim genossenschaftlichen Wohnungsbau eine Rolle. Dazu kommen aber zunehmend auch ideelle Gründe: Unsere natürlichen Ressourcen sind begrenzt, und der knappe Platz muss besser genutzt werden. Dafür sorgen Wohnbaugenossenschaften indem sie beispielsweise den Wohnflächenverbrauch steuern – etwa mit Belegungsvorschriften. So liegt der durchschnittliche Verbrauch bei Genossenschaften bei 36 Quadratmetern pro Person. Das sind rund sechs Quadratmeter weniger als bei regulären Mietwohnungen und 16 Quadratmeter weniger als beim Wohneigentum.

Einige Genossenschaften wie z. B. die «Kalkbreite» in Zürich oder «zimmerfrei» in Basel gehen noch weiter und setzen Obergrenzen von 35 beziehungsweise 45 Quadratmetern pro Person. Im Gegenzug bieten sie attraktive gemeinschaftlich nutzbare Flächen und zumietbare Räume an.

Nahe Angebote statt Auto vor der Tür

Auch beim Einrichtungs- und Komfortstandard gibt es durchaus Spielraum. Braucht eine Viereinhalbzimmerwohnung wirklich zwei Badezimmer? Und benötigt jede Einzimmerwohnung eine Abwaschmaschine? Nicht minder wichtig ist das Wohnungsangebot selber. Angesichts der steigenden Zahl an Einpersonenhaushalten und der immer älter werdenden Bevölkerung wären mehr Ein- und Zweizimmerwohnungen sinnvoll. Diese sind allerdings eher flächenintensiv. Genossenschaften liefern auch auf diese gesellschaftlichen Herausforderungen eine Antwort und bieten neue Wohnformen wie etwa Clusterwohnungen oder Grosshaushalte an.

Neben der Wohnfläche und dem Energieverbrauch im Gebäude spielt auch die Mobilität eine wichtige Rolle. Autofreie oder autoarme genossenschaftliche Siedlungen sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Entscheidend ist auch eine gute Nahversorgung: Verschiedene Genossenschaften führen siedlungseigene Lebensmitteldepots oder kleine Lebensmittelläden. Oder sie kaufen gemeinsam bei einem Landwirtschaftsbetrieb grössere Mengen an Gemüse, Eiern und Fleisch ein und teilen diese unter sich auf.

Bewohnerschaft sensibilisieren

Wie gut die Energiebilanz einer Siedlung aussieht, hängt aber nicht zuletzt vom Verhalten der Bewohnerinnen und Bewohner ab. Verschiedene Wohnbaugenossenschaften haben erkannt, dass es sich lohnt, hier anzuknüpfen. So haben sie beispielsweise Zähler installiert, an denen alle Bewohner ihren Verbrauch ablesen können.

Gute Erfahrungen hat die Zürcher Stiftung für kinderreiche Familien mit ihrem Projekt «Energiesparlotsinnen und -lotsen» gemacht. In der Siedlung rekrutierte Energiesparlotsen gaben ihren Nachbarn Tipps für ein sparsameres Verhalten und überreichten ihnen stromsparende Hilfsmittel wie LED-Leuchten oder Standby-Schalter. Mit dem Resultat, dass die Siedlungen knapp fünf Prozent weniger Strom verbrauchten.

Nebeneffekt: Nachbarn treffen sich

Das alles trägt dazu bei, den Ressourcenverbrauch zu senken. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass dabei auch Nachbarschaft und Gemeinschaft entstehen. Das gemeinsame Nutzen von Räumen, das Tauschen von Ressourcen und Produkten sowie Freizeit- und Konsummöglichkeiten in der Siedlung bringen die Bewohnerinnen und Bewohner näher zusammen.

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