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«Tagi»: Wie die «Costa Concordia»?

Nur noch ein Chefredaktor: Arthur Rutishauser steht in Zukunft «Tages-Anzeiger» und «Sonntags-Zeitung» vor. In der «Tagi»-Redaktion macht sich Angst breit, auf einem sinkenden Schiff zu sein.

Südostschweiz
Donnerstag, 29. Januar 2015, 14:58 Uhr

Von Dennis Bühler

Zürich. – Mehr als ein Jahr, bevor der bisherige Chefredaktor Res Strehle in Pension geht, regelt der «Tages-Anzeiger» seine Nachfolge. Ab Frühling 2016 wird Arthur Rutishauser nicht nur die Redaktion der «Sonntags-Zeitung» leiten, sondern auch jene des «Tagi». Die Redaktionen sollen noch näher zusammenrücken. Seit jeher teilen sich die beiden im Zürcher Verlagshaus Tamedia erscheinenden Zeitungen das Sportressort, seit Anfang Jahr gilt dies auch für die Kultur-, die Wissens- und die Gesellschaftsredaktion.

Bald fusionieren zudem die beiden Auslandressorts, und auch in der Produktion arbeitet man bereits eng zusammen. Auch wenn die beiden Zeitungen in den Bereichen Schweiz, Wirtschaft,Recherche und Zürich weiterhin eigenständig bleiben sollen, wie Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer betont: Kein Wunder, fürchten die «Tagi»-Redaktoren um die Unabhängigkeit ihres Blattes. Zumal Zimmer  auf Anfrage sagt: «Die Medienbranche ist derart schnelllebig, dass man auch für diese vier Ressorts keine Eigenständigkeitsgarantie auf Ewigkeit aussprechen kann.»

Einzige Maxime: Gewinnmaximierung Rutishauser habe in Gesprächen, die man «mit Kandidatinnen und Kandidaten aus dem eigenen Haus, aber auch aus dem In- und Ausland» geführt habe, den besten Eindruck hinterlassen, sagt Zimmer. Fakt ist: Mit dem 49-jährigen Wirtschaftsjournalisten setzt Tamedia auf einen Chefredaktor, der die von Verwaltungsrat und Management vorgegebene Strategie voll mitträgt.

Diese lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: Gewinnmaximierung. Um die angestrebte Umsatzrendite von 15 Prozent zu erreichen, werden überall Synergien gesucht. Trotz Reingewinns von 119 Millionen Franken 2013. Innert drei Jahren alleine 4,5 Millionen Franken einsparen muss die «Sonntags-Zeitung».

Strehle bleibt dem «Tages-Anzeiger» trotz Ruhestand über 2016 hinaus erhalten –  als Publizist und Mentor. Wortwörtlich sagte Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino am Mittwoch bei der internen Orientierung der «Tagi»-Redaktion, «im Unterschied zu Schettino» gehe «Strehle nicht vorzeitig von Bord». Worauf ein Raunen durch die anwesenden Redaktoren ging. Die meisten nämlich verstanden die Anspielung auf den Kapitän der 2012 gesunkenen «Costa Concordia» so, wie sie wohl nicht beabsichtigt, aber halt doch impliziert war: Sie glauben, sich nicht mehr auf einem Flagg-, sondern auf einem sinkenden Schiff zu befinden.

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