Nötli adieu? Warum sich ein Banküberfall in Untervaz nicht mehr lohnt
Mit Bargeld wird in vielen Banken nur noch am Rande hantiert. Wie eine langjährige Mitarbeiterin diese Entwicklung sieht, zeigt ein Besuch in der Raiffeisen-Geschäftsstelle Untervaz.
Mit Bargeld wird in vielen Banken nur noch am Rande hantiert. Wie eine langjährige Mitarbeiterin diese Entwicklung sieht, zeigt ein Besuch in der Raiffeisen-Geschäftsstelle Untervaz.
Von Andri Dürst
Wahrscheinlich kennen alle das Bild der Comicfigur Dagobert Duck, wie dieser in riesigen Mengen von Geld schwimmt. So ein Geldspeicher, in dem man sich ein Bad in Münzen und Noten gönnen kann – gibt es den auch in Graubünden? Zumindest in der Raiffeisen-Geschäftsstelle in Untervaz winken die freundlichen Damen am Schalter ab. «Nein, das gibt es bei uns nicht», sagt Petra Kamer, Vorsitzende der Bankleitung der Raiffeisen Bündner Rheintal, und lacht. Die Filiale in Untervaz ist eine der kleinsten der Genossenschaft. Eine Geschäftsstelle, wie es sie im Kanton noch viele gibt. Im Land der 150 Täler pflegt Raiffeisen ein weitverzweigtes Filialnetz. Dies, obschon die Bankbranche einem steten Wandel untersteht.
Vom Papierformular zum bargeldlosen Schalter
Jemand, der sehr gut von diesem Wandel erzählen kann, ist Privatkundenberaterin Bettina Weber. Sie ist seit genau 30 Jahren bei der Raiffeisen Bündner Rheintal angestellt. Nach einer KV-Lehre und einer Zeit in der Treuhand-Branche begann sie ihre Bankkarriere bei der Raiffeisen-Filiale in Zizers. «Anfänglich nur in einem 20-Prozent-Pensum als Aushilfe beim Zahlungsverkehr», blickt sie zurück. «Damals lief noch sehr vieles mittels Formularen. Name, Betrag und Kontoverbindungen mussten wir bei Überweisungen von Hand eintragen.» Heute könne sie sich gar nicht mehr vorstellen, so zu arbeiten. Doch zurück zu früheren Zeiten: Später folgte für Bettina Weber der Schritt hinter den Schalter und sie wurde zur Allrounderin. Zeitweise war sie in den Filialen Zizers und Untervaz gleichzeitig angestellt. Seit 15 Jahren arbeitet sie nur noch im Dorf links des Rheins. Doch der Wechsel des Arbeitsplatzes war wohl die geringfügigste Veränderung in ihrem Berufsleben. Viel bedeutsamer waren andere Schritte. «Irgendwann gab es eine Trennung von Back- und Front-Office. Und vor ein paar Jahren schliesslich stellten wir am Schalter auf einen bargeldlosen Betrieb um.» Eine Bank ohne Bargeld, geht das denn? Ganz weg sind die Nötli jedoch nicht, schliesslich gibt es im Vorraum der Bankfiliale weiterhin einen Bankomat. «Hier ist es möglich, während 24 Stunden Ein- und Auszahlungen in Schweizer Franken und Euro zu tätigen», erklärt Petra Kamer. Bettina Weber ergänzt, dass einige Kundinnen und Kunden zu Beginn der Umstellung etwas skeptisch gewesen seien und anfangs gerne auch Unterstützung bei der Bedienung des Automaten in Anspruch genommen hätten. «Mittlerweile haben sich aber wohl alle daran gewöhnt.» Ganz generell gebe es immer weniger Bargeldzahlungen, vieles laufe heute per E-Banking.
Was aber, wenn jemand gerne US-Dollar oder britisches Pfund hätte? «Der Kunde oder die Kundin kann seine gewünschten Beträge hier am Schalter oder im E-Banking vorbestellen. Das Geld schicken wir dann entweder per Post nach Hause, oder man kann es hier in der Filiale abholen.» Grundsätzlich aber gibt es am Untervazer Schalter, der jeweils dienstags und donnerstags bedient ist, keinen Geldvorrat mehr. «Ein Banküberfall bei uns lohnt sich also definitiv nicht», meint Bettina Weber lächelnd.
Immer mit der Zeit gehen
Doch wie war das für die langjährige Angestellte, als man auf einen bargeldlosen Betrieb am Schalter umstellte? Sie überlegt kurz und meint: «Da ich privat ohnehin schon seit Längerem bargeldlose Zahlungsmittel verwende, war dieser Wechsel nicht so tragisch. Ich habe neue Sachen schon immer gerne ausprobiert.» Bei der Kundschaft sei es so, dass viele mittlerweile die Vorteile des Bankomaten sähen. «Für Einzahlungen zum Beispiel muss man sich nicht mehr an unsere Öffnungszeiten halten, sondern kann sie rund um die Uhr erledigen», sagt die Privatkundenberaterin. Apropos Öffnungszeiten: Diese wurden – wie in vielen anderen Bankfilialen auch – in den letzten Jahren reduziert. Zudem arbeitet Bettina Weber mittlerweile oft alleine in der Geschäftsstelle. «Daran gewöhnt man sich aber», meint sie lakonisch.
Was fasziniert sie eigentlich so sehr an ihrem Beruf? Finanzangelegenheiten sind ja schliesslich für viele Leute nicht gerade eine Lieblingsbeschäftigung. «Am schönsten ist der Kundenkontakt», meint Bettina Weber. Sie kommt schnell ins Schwärmen, wenn sie über Begegnungen mit Kundinnen und Kunden erzählt. Für sie steht weniger der finanzielle, sondern der persönliche Aspekt im Vordergrund. Schliesslich kann sie beispielsweise mit einer Hypothekarberatung dazu beitragen, dass sich jemand den Traum vom Eigenheim erfüllen kann. «Das Aufgleisen einer Hypothek ist aber nur ein Teil der Beratung. Bei einem jungen Ehepaar versuchen wir beispielsweise auch aufzuzeigen, welche Wege man einschlagen muss, falls ein Partner oder eine Partnerin seine respektive ihre Stelle verliert oder infolge Krankheit arbeitsunfähig wird und wie dann die Finanzierung gesichert werden kann», erklärt Bettina Weber. Doch als Privatkundenberaterin erfüllt sie nicht nur grosse, sondern auch kleine Träume. «Auch viele junge Menschen aus dem Dorf kommen hierher, um ihr erstes eigenes Konto zu eröffnen.»
Die Bank als Vertrauensort
Bettina Weber sieht also nicht nur viele bekannte Gesichter in der Filiale, sie erhält auch Einblick in deren Kontozahlen. Die Frage sei erlaubt: Wie geht man mit diesem Umstand um? «Die Kontozahlen von anderen interessieren mich überhaupt nicht», meint die langjährige Angestellte wie aus der Pistole geschossen. «Und zudem habe ich auch gar keine Zeit, auf irgendwelche Konti zu blicken.» Sie vergleicht ihre Situation mit einer Arztpraxis: Dort gebe es ein Arztgeheimnis, bei ihr ein Bankgeheimnis. Und sogar wenn sie in einem Café von einer Bekannten auf etwas Finanzielles angesprochen werde, bleibe die Angelegenheit unter ihnen.
Auch wenn sich vieles gewandelt hat – Diskretion wird im Bankwesen seit jeher grossgeschrieben. Frage an die 30-Jahr-Jubilarin: Wann war ihr Job schwieriger: früher oder heute? Sie überlegt ein wenig. «Schwierige Frage.» Heute gehe vieles einfacher. Wenn man etwas nicht wisse, könne man mit ein paar Handgriffen am Computer Infos holen. «Dafür sind die Regularien viel strenger geworden.» Wie sich die Bankenbranche weiterentwickeln wird, weiss wohl niemand genau. Klar aber ist für Bettina Weber, dass sie sicherlich keinen Berufswechsel mehr vornehmen wird. «Es ist eine sehr vielseitige Tätigkeit. Und indem immer neue Sachen hinzukommen, bleibt es spannend.»
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