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Interesse an Patienten-Mitbestimmung bei Behandlungen divergiert

Patienten, die lieber selbst über ihre Behandlung entscheiden und ihrem Arzt am meisten misstrauen, sind oft diejenigen, die am Ende am wenigsten zufrieden sind, zeigt eine Studie. Es ist wichtig, mit diesen «Skeptikern» besser ins Gespräch zu kommen.

Agentur
sda
27.10.22 - 08:00 Uhr
Wirtschaft
Eine Studie zeigt die Notwendigkeit auf, die spezifischen Bedürfnisse jedes Patienten hinsichtlich der Beteiligung an Entscheidungen besser zu berücksichtigen. (Archivbild)
Eine Studie zeigt die Notwendigkeit auf, die spezifischen Bedürfnisse jedes Patienten hinsichtlich der Beteiligung an Entscheidungen besser zu berücksichtigen. (Archivbild)
KEYSTONE/LAURENT GILLIERON

Nicht alle Patientinnen und Patienten wollen bei ihrer ärztlichen Behandlung gleich viel mitbestimmen. In einer Studie des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) wollten rund 20 Prozent am liebsten alles den Ärztinnen überlassen und rund 15 Prozent ihre Entscheidungen vorwiegend alleine treffen.

Für die Studie protokollierten Sabina Hunziker, leitende Ärztin für Medizinische Kommunikation am Universitätsspital Basel, und ihr Team fast 800 sogenannte grosse Visiten am Krankenbett. Anschliessend wurden die besuchten Patientinnen und Patienten unter anderem nach ihren Präferenzen, der Wahrnehmung der Visite, der Betreuung und ihrem medizinischen Wissen befragt.

Mehr als zwei Drittel der Patientinnen und Patienten erklärten, dass sie sich gerne kollaborativ mit dem Behandlungsteam über die nächsten Schritte entscheiden. Das heisst, sie lassen sich von den Fachleuten informieren, bringen aber auch ihre eigene Meinung mit ein. Die Kommunikation mit dieser grossen Untergruppe funktioniert laut Hunziker generell gut und ist vor allem dann wichtig, wenn zwei oder mehr gleichwertige Optionen bestehen.

Passive Haltung

Rund zwanzig Prozent der Befragten bevorzugten dagegen eine passive Haltung. Sie möchten also am liebsten alles den Ärztinnen überlassen. Überraschenderweise hat dies, wie die Studie festhält, aber nicht unbedingt mit einem Mangel an medizinischem Wissen zu tun. Laut der Befragung war diese Gruppe genauso gut über ihre Krankheit informiert wie alle anderen.

Studienleiterin Hunziker findet es «völlig in Ordnung, nicht selber entscheiden zu wollen». In manchen Situationen könne es auch eine Erleichterung sein, die Verantwortung abzugeben oder zumindest keinen aktiven Teil zu übernehmen. Wichtig sei dennoch, dass die Patientinnen und Patienten auch hier über Möglichkeiten und Konsequenzen informiert würden und mit dem Vorgehen einverstanden seien.

Grösste Unzufriedenheit bei eigenem Entscheid

Das grösste Potenzial für eine Verbesserung der Kommunikation sieht Hunziker bei den rund 15 Prozent der Patientinnen und Patienten, die ihre Entscheidungen vorwiegend alleine treffen wollen. Diese berichteten zudem über ein mangelndes Vertrauen in Ärzte und Pflegende.

Diese Patientengruppe war im Endeffekt auch mit der Behandlung weniger zufrieden. Diese Unzufriedenheit und das Gefühl, schlecht aufgehoben zu sein, könne sich negativ auf den Verlauf der Krankheit sowie den Behandlungserfolg auswirken, stellt Hunziker fest.

Mit diesen Patientinnen und Patienten müsse deshalb ein Gespräch geführt werden, bei dem sie sich nicht überfahren fühlten und ihre Anliegen anbringen könnten. Generell gilt: Das medizinische Personal sollte die unterschiedlichen Bedürfnisse erkennen und darauf Rücksicht nehmen.

Die Erkenntnisse der Studie sollen am Universitätsspital Basel direkt in die Lehre mit einfliessen. Studierende der Medizin lernen dort über sechs Jahre hinweg die richtige Kommunikation – beispielsweise durch nachgestellte Gesprächssituationen mit Schauspielern oder im Spitalalltag.

https://doi.org/10.1007/s11606-022-07775-z

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