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«Ich freue mich auf das nächste Treffen»

Als die Davoser Zeitung zu Beginn des Jahrestreffens des World Economic Forum um ein Treffen für ein Fazit bittet, seufzt Philipp Wilhelm. Zweifelsohne ist der Wochenplan des jungen Landammanns auch am WEF bestens gefüllt.

Barbara
Gassler
31.05.22 - 06:35 Uhr
Wirtschaft
Claude Monnard, der am Donnerstag auch in Kongresszentrum eingeladen war, zusammen mit Philipp Wilhelm.
Claude Monnard, der am Donnerstag auch in Kongresszentrum eingeladen war, zusammen mit Philipp Wilhelm.
Marcel Giger (snow-world.ch)

«Das Tagesgeschäft läuft nebenher ja auch noch», sagt Wilhelm, während man am Montag gemeinsam auf dem Weg zur Eröffnung des Foodwaste-Reduktions-Projekts «4Reasons» ist. Doch schliesslich findet man einen Zeitpunkt am Donnerstagvormittag, der beiden passt. Genügend Zeit für den Landammann, um vorher das WEF aus einem neuen Blickwinkel zu erleben. Dass er unter anderem vom WEF politisiert worden sei, hatte er nun schon einige Male gesagt. So viel ist vom ehemaligen Juso bekannt. Doch gefragt nach seiner ersten WEF-Erfahrung, muss er lange überlegen. «Das war wohl, wie wir in der ‹Box› Schilder für die Demonstrationen pinselten.» Damals vor rund 15 Jahren war er vom Eindruck getrieben, dass viele Teilnehmenden des WEF die drängenden Probleme nicht erkennen, geschweige denn lösen wollten, sagt er und nennt die Klima- und die Migrationsproblematik. «Es gibt viele Beispiele, bei denen Profit über das Gemeinwohl gestellt wird.» Als er mit seinen Genossinnen und Genossen die Schilder gezeichnet hatte, sei ihnen jedoch sehr wohl bewusst gewesen, dass ihre Botschaften für eine gerechte und nachhaltige Welt auch in New York und anderen Orten der Welt gesehen würden. «Das war natürlich nur dank der Aufmerksamkeit des WEF möglich.»

Erste Einblicke

Als Landratspräsident hat Wilhelm 2019 erste Einblicke in die damalige WEF-Welt im Kongresszentrum erhalten. Und als er sich 2020 um das Amt des Landammanns bewarb, musste er sich die Frage stellen, ob er sich die Rolle als WEF-Gastgeber vorstellen könne. «Als jemanden, der zehn Jahre lang Schilder getragen hat, musste ich mir das ernsthaft überlegen.» Bei der Entscheidung geholfen hat Wilhelm die Tatsache, dass sich die Davoser Bevölkerung in Abstimmungen mehrfach demokratisch zum WEF bekannt hatte. «Zudem sah ich in den Risiko­berichten des WEF immer mehr Fokus auf den Themen, die mir damals auch beim Schilderschreiben wichtig waren.» Neben dem zentralen Fokus auf der Bekämpfung des Klimawandels etwa wurde sogar auch über Themen wie ein allgemeines Grundeinkommen oder eine Lohnbandbreite diskutiert. Und auch in Sachen Teilnehmenden schien sich einiges getan zu haben. So begegnete Wilhelm 2019 der Klimaaktivistin Greta Thunberg oder dem Umweltschützer ­Robert Attenborough.

Davos im Gespräch gehalten

Im Wahlkampf wurde er dann immer wieder gefragt, ob er als Landammann das WEF abschaffen würde. Sicher nicht, sei seine Antwort jeweils gewesen, schliesslich sei das Forum von der Davoser Bevölkerung demokratisch legimitiert. Als er im Januar 2021 das Amt antrat, war es der erste Januar seit 19 Jahren, den Davos ohne den WEF-Tross zu überstehen hatte. «Mir war wichtig, dass der Kontakt und der Austausch über die Austragung künftiger Jahrestreffen trotz dieser ‹Lücke› weitergeführt wurde.» Runde Tische zu Themen wie Unterbringung, Verkehr, Logistik, Umwelt und Soziales sollten auch dazu dienen, den Rahmen für den Grossanlass möglichst nachhaltiger zu gestalten. «Dabei spielte die engagierte Unterstützung unserer Mitarbeitenden sowie der wertvolle Austausch mit der Tourismuswirtschaft und dem Forum eine zentrale Rolle».

Langsame Annäherung

Während des Jahrestreffens 2022 hatte Wilhelm nun unbeschränkten Zugang und konnte ganz ins WEF-Getümmel eintauchen. Hätte können, denn «das Tagesgeschäft muss natürlich auch in der WEF-Woche weiterlaufen», sagt Wilhelm an diesem Donnerstagmorgen erneut. Zu diesem gehörte während des WEF, ein Treffen zwischen ukrainischen Geflüchteten und dem Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko zu ermöglichen. (DZ vom 27. Mai) Ganz niederschwellig. «Dass das möglich wurde, ist der Initiative des Vereins IG offenes Davos, aber auch der sofortigen Hilfsbereitschaft des Forums zu verdanken.» Eine weitere Aufgabe sah Wilhelm in der stärkeren Vernetzung des Forschungsplatzes Davos mit Behörden und Hochschulen, etwa der ETH Zürich (DZ vom 24. Mai) Zudem konnte er – ebenfalls mit Unterstützung des Forums – dem neuen Forschungszentrum Lab42 im Rathaus ein Podium für ein internationales Publikum bieten (siehe Seite 17). Daneben gab es Ansprachen zu halten und Delegationen zu begrüssen. Am Mittwochmittag trat der Landamman dann als Redner am Open Forum auf und diskutierte mit drei engagierten Rednerinnen Rezepte, mit denen die Gleichstellung endlich erreicht werden soll.

Wilhelms WEF-Erfahrung im Inneren des Kongresszentrum beschränkte sich in seinem ersten Jahr auf eine Session an diesem Donnerstagmorgen und auf die richtungsweisende Rede seines Deutschen Parteikollegen, Bundeskanzler Olaf Scholz. Trotzdem kam er dem Forum ein weiteres Stück näher: «Ich habe schon das Gefühl, dass sich recht viel verändert hat seit der Zeit, als ich demonstrierte.» Neben den bereits erwähnten Themen wie Klima, Digitalisierung und Gerechtigkeit, die mittlerweile zur Tagesordnung gehörten, schätze er auch, wie die Stimmen der Jungen besser eingebunden würden. Er habe den Eindruck, dass ein neues, kooperatives Verständnis von politischer und unternehmerischer Führung am Erstarken sei. «Partizipation und Diversität werden immer wichtiger. Das stimmt hoffnungsvoll. Und das versuchen wir ja auch in der Gemeinde zu leben.» Ausserdem, und das sei letztlich das Wichtigste: «Der Anlass ist absolut reibungslos abgelaufen. Dafür möchte ich allen danken, die im Vorfeld, während und auch nach der WEF-Woche engagiert dafür gearbeitet haben.» Und ja, er freue sich auf das nächste Jahrestreffen des WEF in Davos.

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