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Fischöl ist für Herz-Kreislauf-Prävention ungeeignet

Fischöl gilt in der Volksmedizin als Mittel zur Herzinfarkt-Prophylaxe. Der aktuelle Online-Jahreskongress der American Heart Association (AHA) als eines der grössten Kardiologentreffen verwirft die Hypothese: Zwei grosse klinische Studien sprechen dagegen.

Agentur
sda
Dienstag, 17. November 2020, 07:08 Uhr Dallas
Generationen von Kindern hat man eingebläut, Lebertran sei gesund. Als Erwachsene kaufen sie dann willfährig Fischöl als Herzinfarkt-Prophylaxe. Zwei Studien zeigen nun: Fürs Herz tut Fischöl gar nichts. (Archivbild)
Generationen von Kindern hat man eingebläut, Lebertran sei gesund. Als Erwachsene kaufen sie dann willfährig Fischöl als Herzinfarkt-Prophylaxe. Zwei Studien zeigen nun: Fürs Herz tut Fischöl gar nichts. (Archivbild)
Keystone/63858037/Jiri Hera

«Das Faktum, dass kein einziger Hinweis auf irgendeinen Effekt von Omega-3-Fettsäuren in der Probandengruppe zu verzeichnen war, weist - gemeinsam mit anderen neutralen Studien - darauf hin, dass Omega-3-Nahrungsergänzungsmittel unwirksam bei der Prävention von Herz-Kreislauf-Ereignissen sind», erklärte Are Kalstad, Leiter einer norwegischen Untersuchung, die beim AHA-Kongress (13. bis 17. November) präsentiert.

In die klinische Studie waren in Norwegen 1027 Patienten im Alter von durchschnittlich 75 Jahren aufgenommen worden, die in den vorangegangenen zwei bis acht Wochen einen Herzinfarkt erlitten hatte. Es sollte sich also in der Untersuchung um die Frage handeln, ob Omega-3-Fettsäuren ein Mittel zur sogenannten Sekundärprävention nach einem ersten Herz-Kreislauf-Ereignis sein könnten.

Die Probanden erhielten verblindet pro Tag Kapseln mit 1,8 Gramm Omega-3-Fettsäuren oder Kapseln mit Pflanzenöl als Placebo. Die Beobachtungszeit betrug rund zwei Jahre.

In der Fischöl-Gruppe kam es zu 108 Schlaganfällen, akuten Herzkatheter-Interventionen, Spitalaufnahmen wegen Herzschwäche und/oder Todesfällen. Das bedeutete eine Häufigkeit von 21,4 Prozent. In der Placebogruppe war das bei 102 Patienten (20 Prozent) der Fall. Auch bei neu aufgetauchtem Herz-Vorhofflimmern gab es keinen Unterschied zwischen den beiden Gruppen.

Fischöl macht Bauchweh

Die norwegischen Ergebnisse passen sehr gut zu einer ebenfalls am Sonntag, allerdings im Journal der American Medical Association (JAMA) erschienenen zweiten klinischen Studie mit 13'078 Patienten von 675 Zentren in 22 Staaten der Erde. Die Hälfte der Probanden mit einem hohen Herz-Kreislauf-Risiko erhielt täglich Kapseln mit vier Gramm Fischöl (Hochdosis), die andere Hälfte ein Placebo (Kapseln mit Pflanzenöl).

Auch in dieser klinischen Studie zeigte sich kein Unterschied zwischen den beiden Gruppen, in diesem Fall in der sogenannten Primärprävention von akuten Herzzwischenfällen. In der Fischölgruppe kam es bei zwölf Prozent zu Herz-Todesfällen, Infarkten, nicht-tödlichen Schlaganfällen, Kathethereingriffen oder instabiler Angina pectoris mit Spitalsaufnahmen.

In der Placeboo-Gruppe lag die Häufigkeit solcher Ereignisse bei 12,2 Prozent. Dafür klagten die Probanden, die Fischöl bekommen hatten, zu 24 Prozent und doppelt so häufig über Magen-Darm-Komplikationen als die Personen, die das Placebo eingenommen hatten.

Die Mär vom Wundermittel Lebertran

Die Diskussion über den Wert der häufig in Apotheken als Nahrungsergänzungsmittel gekauften Fischöl-Kapseln mit Omega-3-Fettsäuren geht seit vielen Jahren. In der jüngeren Vergangenheit gab es zu einem ehemals postulierten positiven Effekt der Omega-3-Fettsäuren immer häufiger kritische Stimmen und Daten.

Die jetzt in JAMA erschienene Untersuchung war frühzeitig abgebrochen worden, weil eine Zwischenauswertung nahelegte, dass sich kein Effekt ergeben würde.

*Fachpublikationsnzmmern https://doi.org/10.1161 (Circulation)

doi:10.1001/jama.2018.16204 (JAMA)

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