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Vom Corona-Musterland zum Negativbeispiel: Was lief falsch in Israel?

Zu Beginn der weltweiten Corona-Pandemie galt Israel vielen als leuchtendes Beispiel für eine rasche und erfolgreiche Eindämmung. Doch inzwischen steht das Mittelmeerland schlechter da als die meisten europäischen Länder, ein zweiter Lockdown erscheint unausweichlich. Was ist schiefgelaufen? Und was können Länder wie die Schweiz tun, um einen ähnlichen Verlauf zu vermeiden?

Agentur
sda
Donnerstag, 16. Juli 2020, 13:07 Uhr Tel Aviv
Ein israelischer Mann, der einen Mund- und Nasenschutz trägt, geht an einem Wandbild vorbei, das Albert Einstein zeigt. Zu Beginn der weltweiten Corona-Pandemie galt Israel vielen als leuchtendes Beispiel für eine rasche und erfolgreiche Eindämmung. Doch…
Ein israelischer Mann, der einen Mund- und Nasenschutz trägt, geht an einem Wandbild vorbei, das Albert Einstein zeigt. Zu Beginn der weltweiten Corona-Pandemie galt Israel vielen als leuchtendes Beispiel für eine rasche und erfolgreiche Eindämmung. Doch…
Keystone/AP/Sebastian Scheiner

Professor Arnon Afek, Vize-Direktor des Schiba-Spital bei Tel Aviv, spricht von «vorzeitigen Siegesfeiern», nachdem es Israel mit rigorosen Massnahmen und einem Lockdown im Frühjahr zunächst gelungen war, die Infektionszahlen stark zu reduzieren. «Die Lockerungen waren dann viel zu hastig und ohne klare Strategie und haben eine neue Welle von Infektionen ausgelöst.» Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hatte die Bürger im Mai euphorisch dazu aufgefordert, rauszugehen, «Kaffee trinken, auch Bier trinken».

Seit Ende Mai schnellen die Corona-Zahlen in Israel wieder in die Höhe, am Mittwoch wurde mit 1758 Fällen ein Rekordwert an täglichen Neuinfektionen erreicht. Auch im Westjordanland zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab, mit Hebron als Zentrum.

Als Hauptinfektionsquellen nach den Lockerungen sieht Afek die Schulen und Grossveranstaltungen wie Hochzeiten. Ausserdem hätten sich viele Menschen sehr undiszipliniert verhalten und weder Maskenpflicht noch Abstands- oder Hygieneregeln eingehalten. «Die Israelis sind eher skeptisch und rebellisch in ihrem Charakter», erklärt er. Dies habe zwar dazu beigetragen, das Land in die innovative «Startup-Nation» zu verwandeln, räche sich nun aber in der Corona-Krise. Ausserdem habe die Polizei nicht ausreichend gegen die Regelverstösse durchgegriffen.

Nach Medienberichten ist es etwa bei vielen Schul-Abschlusspartys, die trotz Verbots heimlich stattfanden, reihenweise zu neuen Ansteckungen gekommen. «Die Älteren sind vorsichtiger geworden, in dieser Welle haben sich vor allem Jüngere angesteckt, deshalb gab es bisher auch weniger Schwerkranke», sagt Afek. «Aber die Jungen haben Eltern und Grosseltern, die sich letztlich auch infizieren können», warnt er.

Mit 376 ist die Zahl der Toten in Israel weiterhin vergleichsweise gering. Dies wird auch damit erklärt, dass Israel ein aussergewöhnlich junges Land ist. Mit durchschnittlich 3,1 Kindern pro Frau hat es die höchste Geburtenrate aller Länder in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Vor allem strengreligiöse Wohngebiete sind von der Pandemie stark betroffen.

Die epidemiologischen Untersuchungen der Behörden nach Entdeckung von Corona-Fällen seien langsam und mangelhaft, sagt Afek. «All dies hat dazu geführt, dass wir jetzt die zweite Welle haben.» Die Lehre für andere Länder: «Sie müssen extrem vorsichtig sein, vor allem, was Grossveranstaltungen angeht.» Insgesamt sei er jedoch optimistisch. «Eine Kombination von Impfstoff und schnelleren Tests, die auch zu Hause gemacht werden können, wird die Pandemie stoppen», meint Afek.

Professor Gabi Barabasch, wie Afek ehemaliger Generaldirektor des Gesundheitsministeriums, sieht ebenfalls Festhallen, Restaurants, Kneipen und Schulen als Hauptansteckungsorte. «Hier gibt es in einer Klasse 30 bis 40 Schüler.» Besonders in den Altersgruppen von 10 bis 19 Jahren habe es zahlreiche Infektionen gegeben. «Dies hat zur Ausbreitung im ganzen Land geführt, mit ständig steigenden Zahlen.»

Das Gesundheitsministerium habe im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus völlig versagt, lautet sein vernichtendes Urteil. Ausserdem habe das Volk «sich gehen lassen und unverantwortlich gehandelt». Barabasch ist dafür, dass die Armee - die schon für die sogenannten Corona-Hotels zuständig ist - das Krisenmanagement übernimmt. In 20 Hotels landesweit stehen 4300 Zimmer zur Isolation von Corona-Infizierten sowie für Patienten mit mildem Verlauf zur Verfügung.

Eine Rückkehr zu einer Art Normalität erwartet Barabasch frühestens nach dem Winter 2021/2022. Auch das sei aber nicht sicher, lautet die düstere Prognose des Experten.

Gesundheitsminister Juli Edelstein sagte, nur ein «Wunder» könne noch einen weiteren erzwungenen Stillstand verhindern. Aus Sicht von Experten würde dies die Wirtschaft des Landes, die ohnehin mit den Folgen des ersten Lockdowns zu kämpfen hat, noch weiter zurückwerfen. Der Finanzwissenschaftler David Gerschon von der Hebräischen Universität in Jerusalem rät daher entschieden davon ab. Ein Lockdown ist aus seiner Sicht eine «mittelalterliche Methode», die ein Land zerstören kann. Er warnt vor einer Generation von Arbeitslosen, die entstehen könnte. In Israel liegt die Arbeitslosenquote derzeit bei über 20 Prozent, der Unmut in der Bevölkerung wächst.

Im Verlauf der Krise hat die Regierung viel Vertrauen verspielt. Dies zeigt sich an zunehmend wütenden Demonstrationen in Tel Aviv und Jerusalem. Nach einer Umfrage des Israelischen Demokratie-Instituts (IDI) sind 75 Prozent der Israelis enttäuscht oder zornig über die Corona-Politik der Regierung.

Afek geht allerdings davon aus, dass die wirklichen globalen Herausforderungen noch bevorstehen. «Das nächste Grossereignis ist der Winter, wenn die Grippe und Corona zusammenkommen - und man nicht zwischen ihnen unterscheiden kann.»

Noch dramatischer formuliert es Zvi Hauser, Vorsitzender des Aussen- und Sicherheitsausschusses der Knesset. «Was jetzt passiert, ist eine Kleinigkeit im Vergleich zu dem, was uns im Winter erwartet - Wir haben drei Monate Zeit, uns an allen Fronten vorzubereiten», sagte er nach Angaben der Nachrichtenseite ynet. «So wie in Science-Fiction-Filmen, wenn es heisst, in drei Monaten wird ein Meteorit auf der Erde einschlagen.»

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