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Das lokale Gewerbe lebt, hofft – und kämpft

Sie mussten ihre Geschäfte und Restaurants wegen des Coronavirus Knall auf Fall schliessen. Jetzt kämpfen die Inhaber um ihre Existenz – mit viel Optimismus und neuen Ideen.

Vanessa
Mistric
Samstag, 21. März 2020, 04:30 Uhr Harte Zeiten wegen Corona
Viele Gewerbler aus der Region hoffen und kämpfen in der Coronakrise für ihr Geschäft – und sehen trotz grosser Schwierigkeiten Chancen für mehr Miteinander.
BILDER MARKUS TIMO RÜEGG

Arbeiten an neuem Angebot

Oscar Bernet hat für sein Fachgeschäft Oscar Bernet im Uzner Städtli gerade zwei neue Marken bestellt. «Jetzt ist der Laden voller Sommerware, die im Herbst vielleicht niemanden mehr interessiert.» Das Onlinegeschäft reiche nicht, um das Geschäft im Laden zu ersetzen. Zudem liege der Fokus der Menschen gerade weniger auf Mode. Er arbeite an einem neuen Angebot, sagt Bernet, wolle die Kunden aber noch nicht damit überfallen, solange noch alle unter Schock stünden. Er selbst bekomme seit Dienstag hunderte Mails am Tag und sei von der Informationsflut überfordert. «Hoffen wir, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen und es nicht zu viele Todesfälle gibt.»

Hoffen auf bessere Zeiten

Das «La Fuente» am Hauptplatz in Rapperswil-Jona hat geschlossen und bietet auch keinen Take-away an, wie es viele andere jetzt machen. «Dafür müssten wir Personal organisieren. Das lohnt sich nicht», sagt José Dos Santos, der das Restaurant am Hauptplatz Rapperswil-Jona, zusammen mit seiner Frau Martina führt. Seine Laune scheint getrübt. «Wir warten jetzt darauf, dass wir wieder öffnen können.» Etwas anderes bleibe der Familie gerade nicht übrig. «Irgendwie werden wir schon durchkommen.»

Einander helfen

Doris Schwitter, Inhaberin des Coiffeursalons SchwittHair in Schänis, tat es weh, alle Termine abzusagen. «Ich wusste, dass der Lockdown kommt, aber dass es so schnell geht, damit habe ich nicht gerechnet.» Einen Monat lang könne sie ihr Geschäft trotz Ladenschliessung über Wasser halten. «Danach wird es schwierig.» Wichtig sei, dass alle gesund bleiben und einander helfen, wo sie können. «Immerhin habe ich jetzt Zeit für Dinge, die früher immer zu kurz kamen. Gerade habe ich meine Grossmutter angerufen, und ihr gesagt, dass ich ihr vorbeibringe, was sie braucht.»

Neue Wege gehen

Das Parkhotel «Schwert» darf wie andere Hotels offenbleiben. Obwohl das Restaurant dichtmachen musste, gibt es in der Küche zu tun: «Unsere Hotelmitarbeiter und Gäste müssen weiter essen», sagt Andreas Lehmann (links), Leiter der Gastronomie. Das ganze Team diskutiert angeregt, man bastelt an einem Konzept für ein Take-away-Angebot. «Die Pizzeria nebenan macht zu, wir hätten als Einzige ein solches Angebot für Weesen.» Wer bei einem Spaziergang vorbeischaut, kann einen Kaffee oder ein Glacé zum See mitnehmen – und bald auch etwas Warmes. «Der Umsatz sackt ein. Wir geben aber nicht auf», sagt Lehmann. Die neue Situation zwinge alle, die Komfortzone zu verlassen und neue Wege zu gehen. «Im besten Fall haben wir, wenn die Normalität zurückkehrt, ein neues Kundensegment dazugewonnen.»

Gute Energie behalten

Die Badi Schmerikon verriegelte schon Montagmorgen die Türen, noch vor dem Lockdown. Gemeinderat Werner Becker steht hinter den Massnahmen des Bunds, auch wenn sich das gemeindeeigene Hallenbad jetzt schon in den roten Zahlen befindet: «Ein Lockdown ist vernünftig.» Für die Mitarbeiter hat die Badi Kurzarbeit beantragt. Still ist es im Hallenbad aber nicht, Handwerker nehmen Reparaturen vor. Das hat einen Vorteil: So muss die Badi im Herbst nicht schliessen. «Wir hoffen, dass bis dahin alle ihre gute Energie behalten», sagt Becker.

Hobby zum Beruf machen

Der Fotograf Boris Baldinger macht normalerweise Porträt- und Eventfotografie und betreibt ein Studio in Rapperswil. «95 Prozent meines Umsatzes brechen weg, weil Events bis in den Juni hinein abgesagt werden und Porträtfotos auch gerade nicht gefragt sind.» Baldinger macht nun notgedrungen sein Hobby, die Landschaftsfotografie, zum Beruf. «Seit Längerem gehe ich so oft wie möglich raus, um zu fotografieren. Diese Fotografien verkaufe ich nun in einem Onlineshop, den ich gerade aufgebaut habe.» Zudem arbeitet Baldinger an Onlinekursen, welche er an Unternehmen verkaufen möchte. «Ob die neuen Angebote Kunden interessieren und ich aus dem Ganzen heil rauskomme, weiss ich nicht. Aber jetzt habe ich mehr Zeit, die gilt es zu nutzen.» Die aktuelle Situation sei auch ein Weckruf: «Ich schaffe mir ein ortsunabhängiges Nebeneinkommen. Das hätte ich längst tun sollen.»

Alle im selben Boot

Ralf Ackermann, Inhaber des Geschäfts Müller Mode in Schmerikon, sitzt in seinem frisch umgebauten Laden und wartet, dass das Telefon klingelt. «Wenn jemand etwas bestellt, bringen wir es vorbei. Von vielen kennen wir die Grössen und Adressen.» Doch die Kunden hätten andere Sorgen, als Hosen oder Anzüge. Für kleinere, regionale Läden sei das Lockdown «fast ein Todesstoss», wie er sagt. «Andererseits denken die Leute vielleicht gerade in solch einer Krise darüber nach, ob sie eher lokal einkaufen.» Die Solidarität wachse, da ist er sich sicher. «Alle sind im selben Boot. Wir rücken zusammen, zwar nicht physisch, aber gedanklich.»

Freie Zeit nutzen

«Wir sind angespannt, weil wir nicht wissen, wie es weitergeht», sagt Roger Jud von der Stein-und-Mineralien-Oase in St. Gallenkappel. Einen Onlineshop hat er schon vor über 10 Jahren eingerichtet. Nun nutzt Jud die freie Zeit, um diesen umzubauen. «Ein Lichtblick ist, dass man jetzt Sachen machen kann, die man länger vor sich hergeschoben hat.» Juds Eltern übergaben das Geschäft vor eineinhalb Jahren an ihn und seine Frau. 30 Kunden kämen normalerweise über den ganzen Tag verteilt in sein Geschäft. «Der Laden ist gross. Man könnte den Abstand problemlos wahren.» Er befürworte die Massnahmen des Bundes trotzdem. «Es ist richtig, alle zu trennen.» Wichtig sei aber, dass alle Abstand halten und sich nicht, wie letztes Wochenende, Grüppchen am See in Rapperswil bilden.

Miteinander reden

Topfpflanzen, Gewürze, Gemüse – seit Montag ist das Uzner Blumengeschäft Fleischlin auf das angewiesen, was im eigenen Garten wächst. Die Schnittblumen kommen seit dem Lockdown nicht mehr in die Schweiz. Die Pflanzen aus dem Garten stehen jetzt vor dem Laden, neben einer kleinen Kasse. Einen Onlineshop hat Geschäftsführer Martin Fleischlin schon vor Corona aufgebaut. Er hat viele Fragen, auf die ihm bislang niemand antworten konnte: In welcher Form ist der Lieferservice noch erlaubt? Wie sieht das mit der Selbstbedienung aus? Alles sei gerade «in der Luft», sagt Fleischlin. Er führt sein Geschäft seit 34 Jahren und habe sich eine Reserve angespart. «Wenn der Lockdown bis Mai anhält, wird es kritisch.» Wichtig sei aber einzig, dass alle sich an die Weisungen halten und gesund bleiben: «Der Rest ergibt sich schon irgendwie.» Sein Eindruck sei, dass seit dem Lockdown mehr Gemütlichkeit herrsche – und mehr Menschlichkeit. «Man redet miteinander, fragt: Wie machst du das? Wie gehts dir?»

Menschlich profitieren

Das Telefon lief bei Daniela Lang am Dienstag heiss – um alle Coiffeur-Termine abzusagen. In ihrem Coiffeur Hairzlich in der Rapperswiler Altstadt hat sie viele ältere Stammkundinnen, die bis zu zwei Mal wöchentlich kommen. «Einige haben sich noch nie die Haare selbst gewaschen. Sie fragten: Kommst du jetzt zu uns?» Das mache sie nicht. Sie könne sich aber vorstellen, dass Coiffeure, die knapp dran seien, sich zu Schwarzarbeit verleiten liessen. Lang stellt ihren Kundinnen stattdessen ein Pflegeset in den Briefkasten. Ihre zwei Angestellten hat sie für Kurzarbeit angemeldet. Zum Glück hätten sie und ihre Geschäftspartnerin etwas Reserven. Trotz Ungewissheit versucht sie, das Positive zu sehen. «Die Coronakrise wird uns finanziell schaden, aber menschlich könnten wir als Gesellschaft profitieren», hofft Daniela Lang.

BILD PASCAL BÜSSER

Alles steht in den Sternen

Das Blumengeschäft Jasmin in Jona hält sich mit Aufträgen für Beerdigungen und Hauslieferungen über Wasser. Alles andere fällt weg. «Geburtstage, Hochzeiten, Generalversammlungen und Jubiläen werden nicht mehr gefeiert», sagt Inhaberin Sandra Rufer. Hinzu kommt: Das Onlinegeschäft ist in den letzten Tagen eher rückläufig. «Die Menschen denken im Moment nicht an Blumen.» Über die Fragen, ob ihr Laden die Krise überstehe, denke sie ungern nach, sagt Jasmin Rufer: «Das Ostergeschäft bricht weg, und wenn auch der Muttertag nicht gut läuft, steht alles in den Sternen. Ich hoffe, dass der Staat zu uns steht.»

Solidarität der Menschen

Der Physiotherapeut Markus Zeckai betreibt eine Praxis mit angegliedertem Fitnesszentrum, das Fitness Vital in Kaltbrunn. Die Physiotherapie gehört zur medizinischen Grundversorgung, deswegen kann er sie weiterbetreiben. Das Fitnessstudio ist geschlossen. «Das ist wichtig, damit sich das Virus nicht ausbreitet, aber hart für uns, denn Fixkosten wie Miete und Löhne müssen weiter bezahlt werden.» Er beobachte in seinem Umfeld, dass die Not erfinderisch mache. «Ich wäre auch gerne innovativ, mir sind aber die Hände gebunden. Fitness ist leider raumabhängig.» Hoffnungsvoll stimme ihn die Solidarität der Menschen. «Ich hoffe, die bleibt, auch wenn es allen wieder besser geht.»

Alle müssen Federn lassen

Die Sportbahnen Atzmännig müssen laut Geschäftsführer Roger Meier gegen 150 Anlässe absagen und verlieren so 600 000 Franken. Fast alle Mitarbeiter sind zu Hause, nur der Hotelbetrieb läuft noch. Für die Festangestellten haben die Sportbahnen Kurzarbeit beantragt. «Der regionale Tourismus wird sich sehr schwer erholen», sagt Roger Meier. Er rechne von März bis Juni mit Umsatzeinbussen in Millionenhöhe. Nach der Krise würden eher günstige Angebote im Ausland dominieren, so seine Befürchtung. «Wahrscheinlich geht es mindestens zwei Jahre, bis wir finanziell auf einem Stand sind wie vorher.» Aber alle müssten jetzt Federn lassen.

Grosses Verständnis füreinander

Eveline De Maria vom Kosmetikstudio Eveline in Eschenbach legt gelegentlich ein Produkt in den Briefkasten, sodass die Kunden es abholen können. Mehr könne sie gerade nicht tun. Die Ladenschliessung geht ihr «finanziell an die Substanz», wie sie sagt. Zum Glück habe ihr Vermieter den Mietzins erlassen, solange das Geschäft zu hat. «Ich hoffe, dass der Bund auch die Kleinen unterstützt. Denn für uns ist es eine Existenzfrage. Es wäre eine Verarmung, wenn es bald nur noch grosse Ketten gäbe. Aber vielleicht unterstützen die Menschen nun auch das lokale Gewerbe stärker als sonst.» Das Verständnis füreinander sei in der Krise gross. «Wir müssen zusammenstehen, das bringt uns näher. Man sieht wieder den Menschen.»

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