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Casinos im Fürstentum locken vermehrt zum Zocken

Das Fürstentum Liechtenstein rüstet mit Casinos gross auf: Das «Ländle» zielt dabei zu einem grossen Teil auf Schweizer Kundschaft ab – etliche Glarner Gambler folgen dem Ruf bereits.

Martin
Meier
Dienstag, 20. August 2019, 04:30 Uhr Kein Kleiderzwang und Anonymität
Eine Autostunde ab Glarus locken im Fürstentum Liechtenstein immer mehr Casinos.
ARCHIV

Eine halbe Stunde ab Glarus lockt in Pfäffikon das Swiss Casino. Der Geldrausch boomt allerdings woanders, keine 60 Autominuten vom Land der Glarner entfernt – im Land von Fürst Hans-Adam von und zu Liechtenstein. Im monarchischen Kleinstaat schiesst derzeit der Glitzer und Glamour wie Unkraut aus dem Boden. Zwei Casinos, in Schaanwald und Ruggell, gibts schon. Zwei weitere befinden sich im Bau, gleich viele sind in Planung.

Das «Ländle» wird zum Las Vegas der Alpen

Nach Adam Riese gibts in Zukunft im «Ländle» ein halbes Dutzend legale «Spielhöllen», die es auf Schweizer Zocker, darunter viele Glarner, abgesehen haben. Autos mit GL-Kontrollschildern sind im «Ländle» jetzt schon an der Tagesordnung. Mit einem Casino pro 6300 Einwohner wird Liechtenstein zum Las Vegas der Alpen. Doch damit nicht genug:

Vor den Toren des Glarnerlands gibts ums Fürstentum Liechtenstein noch weitere Casinos: in Deutschland in Lindau, in Österreich in Bregenz und Feldkirch. Aber auch in Süddeutschland haben sich zwischen Bodensee und Basel die Spielhallen zu Dutzenden in Stellung gebracht. Bis zu 90 Prozent der Zocker sind Schweizer. Gemäss einer Studie, welche die Hochschule Luzern 2014 erstellt hat, können die Eidgenossen innert 30 Minuten in Süddeutschland 66 Spielhallen erreichen. Tendenz steigend.

Was lockt, ist kein Kleiderzwang und die Anonymität

Ein VIP-Shuttle chauffiert die Kundschaft kostenlos aus der Festspielstadt Salzburg auf Schloss Klessheim, in einen prunkvollen Barockbau, wo fürstlich gespeist, stilvoll gefeiert, vor allem aber gezockt wird. Stilvoll, weil hier, im Gegensatz zu den Casinos in Liechtenstein, noch auf Kragentragpflicht gesetzt wird. Im Fürstentum sind T-Shirts und Jeans Alltag. «Das ist es ja gerade, warum mir die neueren Casinos gefallen», meint Markus*. «Du kannst dort spontan hingehen, um das grosse Los zu ziehen. Was bei mir bis anhin allerdings noch nie der Fall war.» Immerhin habe er an Automaten schon einmal 870 Franken gewonnen, erzählt Markus weiter. Und wie viel verloren? Markus zückt die Schultern: «Pro Mal maximal 50 Franken. Mehr setze ich nicht ein.»

Markus spielte früher einmal die Woche in Pfäffikon, wo man in T-Shirt und Jeans auch zugelassen wird. «Die Anonymität ist im Fürstentum allerdings grösser.» Markus überlegt: «Sie war grösser.» Wenn er in Schaanwald spiele, treffe er heute im Schnitt auf zehn Glarner.

Die ausländischen Casinos legen auch dank Glarnern zu

Während in den Schweizer Casinos der Bruttospielertrag zwischen 2007 und 2016 von über einer Milliarde Franken auf 688 Millionen gesunken ist, stieg der Spielertrag bei den Onlinecasinos, bei den illegalen Klubs und den Spielhallen im grenznahen Ausland explosionsartig an: von unter 100 Millionen auf eine halbe Milliarde.

Was für ein Lichterleuchten, ein «Tischlein deck dich», wenn der Automat die Münzen ausspuckt, wenn der Rubel rollt und der Herr nebenan das grosse Los gezogen und gewonnen hat. Dieses Glücksgefühl, reich zu sein, kennt auch Erich*, der Glarner, der schon viel gewonnen, aber noch mehr verloren hat. Selbst das Geld seiner Frau. Er, der gar die Konten der Kinder plünderte. Dies bis zum bitteren Ende. Bis es hiess: Rien ne va plus!

Hilfe für Süchtige, wenn das Spiel mit ihnen spielt

Und Erich ist kein Einzelfall: Jeder zweite Schweizer ab 15 Jahren spielt innerhalb von zwölf Monaten ein Glücksspiel. 75 000 Menschen spielen exzessiv. Wegen der Sklaven der Automaten, der Spielsüchtigen, leiden auch immer die Angehörigen.

«Spielen ohne Sucht» ist ein Angebot von 16 Kantonen, darunter ist auch Glarus, bei dem Fachpersonen die Spielsüchtigen anonym beraten, wenn das Spiel mit ihnen spielt – zur Droge wird.

* Namen der Redaktion bekannt

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