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Zuoz wird zum Nabel der Rumantschia

Am Donnerstag starten die Feierlichkeiten zu 100 Jahre Lia Rumantscha. Während drei Wochen wird diskutiert, politisiert, gefeiert und genossen. Das Festival rückt die kleinste Landessprache ins Zentrum.

Fadrina
Hofmann
Dienstag, 30. Juli 2019, 04:30 Uhr Fest zum Jubiläum

Warum muss ausgerechnet Zuoz der Austragungsort für die Feierlichkeiten 100 Jahre Lia Rumantscha sein? «Es muss nicht Zuoz sein. Das Romanische und die Lia Rumantscha sind überall, jeden Tag. Aber Zuoz ist ein guter Ort, um das zu feiern», meint Andreas Gabriel, Medienverantwortlicher der Lia Rumantscha. Bei der Anerkennung des Romanischen als vierte Landessprache im Jahr 1938 war das Oberengadin im Zentrum der Diskussion. Die Anerkennung als vierte Landessprache ist zwar immer noch enorm wichtig, aber die Umstände für den Erhalt des Romanischen haben sich grundlegend geändert. «Im Alltag ist das Romanische unsichtbarer geworden, deswegen sind wir da», sagt Gabriel.

Feiern und reflektieren

In den kommenden drei Wochen ist Zuoz also der Nabel der Rumantschia. Ein vielfältiges, vielsprachiges Programm wurde für das Festival zusammengestellt. Zuständig für das Programm ist Gianna Olinda Cadonau. «Wir haben uns vordergründig auf Themen konzentriert, mit denen die Lia Rumantscha tagtäglich beschäftigt ist», erklärt sie. Thementage gibt es beispielsweise zu Bildung, Familie oder Sprachpolitik. Daneben gibt es ein Veranstaltungsprogramm mit Konzerten, Literatur, einem Romanisch-Crashkurs durchs Dorf oder Yoga auf Romanisch. «Es ist wichtig, dass man herkommen und die 100 Jahre feiern und geniessen kann, aber auch, dass man dazu angeregt wird, darüber nachzudenken und miteinander zu diskutieren», meint Cadonau.

Anlass mit Ausstrahlung

Laut Gabriel ist das Festival natürlich auch eine hochpolitische Veranstaltung. «Das Romanische soll im mehrsprachigen Umfeld überleben. Politische Entscheide müssen im realpolitischen Umfeld gefällt werden. Wir leben im dreisprachigen Kanton in der viersprachigen Schweiz, im Austausch mit anderen Sprachminderheiten im Ausland. Dieses Umfeld wird auch am Festival gezeigt», erklärt Gabriel. Das Programm ist zwar romanisch, aber auch verfolgbar in anderen Sprachen. Überall kann man als anderssprachige Teilnehmer mitmachen. Sogar die Theaterproduktion «Tredeschin Retg» ist mit Deutsch und Italienisch übertitelt. «Das ist genau das, was wir in umgekehrten Vorzeichen auch von den grösseren Sprachgemeinschaften erwarten würden, damit wir das Romanische im Alltag und in den politischen Diskussionen nicht aufgeben müssen», meint Gabriel. Die Feierlichkeiten werden medial auf verschiedenen Kanälen begleitet. «So hoffen wir, dass unsere Anliegen auch über Zuoz hinausstrahlen.»

So viele kreative Köpfe

Die Crème de la Crème der Rumantschia wird für das Festival nach Zuoz reisen: Kulturschaffende, Sprachwissenschaftler, Politiker, Künstler etc. Auffallend ist, wie viele kreative Köpfe die kleine romanische Sprachgemeinschaft vorweisen kann. «In einer kleinen Gemeinschaft setzt man sich intensiver mit der Zugehörigkeit und der Sprache auseinander. Kunst ist oft ein Mittel dafür. Viele romanische Künstler haben eine Meinung zur eige- nen Identität», sagt Cadonau.

Laut Gabriel hat die Topografie Graubündens mit den vielen Talschaften ebenfalls einen Einfluss auf diese besondere Tatsache. «In den verschiedenen Regionen hat sich eine eigenständige Kultur entwickelt, und darum haben wir mehr Personen, die sich an dieser Diskussion beteiligen als eine klassische Zentrumsregion», meint er. Mit Blick auf das Festivalprogramm habe sich aber gezeigt, dass die Zeitspanne mit drei Wochen zwar lang sei und das Programm abwechslungsreich, dennoch könne nur ein kleiner Ausschnitt gezeigt werden. «Das beweist die grosse Vielfalt und Tiefe dieser Geschichte.»

Programm: www.100onns.ch

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