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Sozial schwache Familien nutzen Förderangebote kaum

Familien mit kleinen Kindern stehen zahlreiche Förderangebote zur Verfügung. Allerdings nutzen gerade Eltern in Sozialhilfe diese Angebote wenig. Oft sind sie unbekannt, zu teuer oder mit zu grossem Aufwand verbunden, wie eine Umfrage zeigt.

Agentur
sda
Dienstag, 11. Juni 2019, 12:14 Uhr Luzern
Krabbelgruppen, Beratung, Kurse - diese Angebote werden von Familien in Sozialhilfe viel weniger genutzt als von finanziell besser gestellten Eltern. Die Angebote sind oft unbekannt oder zu teuer. (Symbolbild)
Krabbelgruppen, Beratung, Kurse - diese Angebote werden von Familien in Sozialhilfe viel weniger genutzt als von finanziell besser gestellten Eltern. Die Angebote sind oft unbekannt oder zu teuer. (Symbolbild)
KEYSTONE/GAETAN BALLY

Wochenbetthebammen, Mütter- und Väterberatungen, Rückbildungskurse, Kitas und Hausbesuchsprogramme: All diese Angebote werden von sozial schwächeren Familien deutlich weniger genutzt als von Familien aus der Mittelschicht. Das zeigt eine Studie der Hochschule Luzern und der Karl-Franzens-Universität Graz. Forschende um Claudia Meier Magistretti von der Hochschule Luzern haben dafür 498 Familien aus neun Deutschschweizer Gemeinden befragt.

Vor der Geburt eines Kindes scheinen Familien in Sozialhilfe, solche mit Migrationshintergrund und solche aus der Mittelschicht insbesondere das medizinische Basisangebot der Schwangerschaftsvorsorge noch gleichermassen zu nutzen. Danach fallen die sozial schwächeren Familien jedoch zurück: Bereits die Betreuung durch eine Wochenbetthebamme nutzen nur noch rund zwei Drittel dieser Familien, gegenüber 82 Prozent in der Mittelschicht, wie die Hochschule Luzern am Dienstag mitteilte.

Auch nachgeburtliche Kurs- und Beratungsangebote wie Rückbildungskurse oder Mütter- und Väterberatung werden von Familien in Sozialhilfe deutlich weniger genutzt. Als Gründe nannten die befragten Familien, dass die Angebote entweder nicht bekannt, zu teuer oder mit zu grossem Aufwand verbunden seien.

Wunsch nach bezahlbaren Kitas

Ähnliches zeigt sich bei der Nutzung von Kitas und Hausbesuchsprogrammen. Im Mittelstand schicken 30 bis 43 Prozent der Familien ihre Kinder in die Kita, von den sozial schwächeren Familien sind es nur 20 bis 36 Prozent. Die hohen Kosten sind hier ausschlaggebend: So unterstrichen insbesondere die finanziell schlechter gestellten Studienteilnehmenden ihren Wunsch nach bezahlbaren oder subventionierten Betreuungsplätzen.

Das Angebot von Hausbesuchen, die die Betreuungskompetenz der Eltern stärken sollen, scheint neben den zu hohen Kosten auch deshalb wenig Anklang zu finden, weil es schlicht unbekannt ist. So nutzten auch im Mittelstand nur 5 bis 12 Prozent dieses Angebot, bei den Eltern in Sozialhilfe nur 2 bis 10 Prozent und bei Familien mit Migrationshintergrund nur 2 bis 5 Prozent.

Neben bezahlbarer Kinderbetreuung wünschten sich die befragten Eltern auch mehr Spielgruppen und Spielräume im Quartier, sowie ein breiteres Angebot an Spielplätzen, schrieb die Hochschule Luzern. Aber auch an Unterstützung in Notsituationen scheint es vielen zu fehlen.

So gaben die meisten Familien an, mit den vielfältigen Herausforderungen im Alltag nur knapp zurecht zu kommen. Probleme entstehen, wenn Unvorhergesehenes passiere. So wünschten sich befragte Eltern beispielsweise einen Notfall-Nanny-Dienst bei Krankheit oder eine kostenlose Beratungshotline für Ausnahmesituationen.

Die Forschenden ziehen das Fazit, dass die Angebote bekannter gemacht und mehr auf die Bedürfnisse der sozial schwächeren Familien angepasst werden müssten. Es brauche ein möglichst lückenloses Angebot von der Schwangerschaftsversorgung bis zur Kita, liess sich Meier Magistretti zitieren. Wie die Studie ebenfalls zeigte, verbesserte die Nutzung der Förderangebote das physische und psychische Wohlbefinden der Mütter in belasteten Familien, was sich wiederum positiv auf den Nachwuchs auswirke.

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