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Brückenbauer Toni «El Suizo» will künftig Europäern helfen

Der gebürtige Pontresiner Toni «El Suizo» Rüttimann baut seit 1987 in Lateinamerika und Südostasien Brücken aus ausrangiertem Material wie Seilbahnseilen. Seine neuesten Brücken will er im Westen bauen.

Sonntag, 18. Februar 2018, 04:30 Uhr Neue Brücken
Auf Heimatbesuch: Toni Rüttimann arbeitet an einem Film und einem Buch über sein Lebenswerk.
MARCO HARTMANN

Toni «El Suizo» Rüttimann steht mit blaugemustertem Garnpullover und Hemd im Kongresszentrum in Pontresina bereit fürs Gespräch. In wenigen Stunden wird der grossgewachsene Mann mit den strahlendblauen Augen Engadiner Schulkindern seine Geschichte erzählen. Die Geschichte eines Jungen, der einmal wie sie begeisterter Skifahrer war.

Der heute 50-Jährige mit dem Übernamen «El Suizo», der Schweizer, verliess sein Heimatdorf Pontresina, seine Eltern und seine beiden Geschwister 1987 als Maturand. Und dies nicht wie geplant, um an der ETH Bauingenieur zu werden, sondern um in Ecuador Brücken für die Landbevölkerung zu bauen. Einige Monate vor seinem Aufbruch habe er in der «Tagesschau» einen erschütternden Beitrag über ein Erdbeben in Ecuador gesehen, erinnert sich Rüttimann an diesem Morgen. «Ich wollte einfach etwas tun.» Das wenige Wochen zuvor begonnene Studium hängte er kurzerhand an den Nagel.

Hilfe für Millionen Menschen

Mittlerweile sind aus der ersten Brücke, die er mit einem holländischen Ingenieur baute, 775 Brücken in Lateinamerika und Südostasien geworden. Für die Konstruktion der einfachen Hängebrücken sammelte er während Jahrzehnten Seile bei verlassenen Bohrtürmen. Seit 2005 liefern ihm unzählige Schweizer Seilbahnunternehmen ihre ausrangierten Stahlseile.

«Wenn ich noch ein Jahr mehr aushalte, baue ich noch 40 Brücken.»

Die Röhren für die Brückenpfeiler stammen von einer renommierten italienisch-argentinischen Unternehmerfamilie. Die Röhren werden zusammengeschweisst und an Orte transportiert, an denen ein Fluss der Bevölkerung den Alltag erschwert. Gemeinsam mit Hunderten lokalen Bauern baut Rüttimann einen Weg über das oftmals zerstörerische Hindernis. Bis heute hat er damit die Lebensbedingungen von rund zwei Millionen Menschen verbessert, wie auf seiner Website zu lesen ist. 1997 erhielt er für sein Lebenswerk den Adele-Duttweiler-Preis der Migros.

Bedingungen setzen ihm zu

Wie so oft wird Rüttimann auch an diesem Nachmittag in Pontresina ein mucksmäuschenstilles Publikum vor sich haben. Gefangen von der Geschichte des Brückenbauers, seiner unablässigen Reise zwischen der Montage einer Brücke am Ausläufer des Himalaja und der nervenaufreibenden Organisation eines Materialtransports von der Schweiz nach Ecuador. Das Erstaunlichste während all seiner Vorträge sei die unglaubliche Ruhe, meint Rüttimann. Es spiele keine Rolle, welches Publikum er antreffe. «In wenigen Minuten beginnt sich eine Vibration aufzubauen, die hält bis am Schluss. Als ob die Brücke zwischen meiner Geschichte und dem Publikum jetzt gebaut ist», erzählt Rüttimann.

Trotz der Dankbarkeit, die ihn nach solchen Erlebnissen erfüllt, ist Rüttimann müde. Das ständige Unterwegssein und permanenter Schlafmangel setzen ihm immer mehr zu, wie er erklärt. «Ich bin zwar wenig Schlaf gewohnt. In gewissen Gegenden beginnen die Menschen schon um Viertel vor vier Uhr mit lauten Gebeten.» Seit 31 Jahren hat Rüttimann kein festes Zuhause, er schläft in Tempeln, auf Schiffen, in Bussen, unterwegs zur nächsten Brückenbaustelle. Gemeinsam mit der «rechten Hand», einem der ortsansässigen Kollegen, der ihn in jedem Land unterstützt.

Was kommt nach der Reise?

Der Brückenbauer, der laut eigenen Aussagen nichts vorausplant, macht sich zunehmend Gedanken über seine Zukunft. «Ich glaube nicht, dass ich das noch 15 Jahre aushalte», meint Rüttimann auf die Frage, ob er sich mit 65 zur Ruhe setzen und sesshaft werden würde.

«Als ob die Brücke zwischen meiner Geschichte und dem Publikum gebaut ist.»

Drei Jahre lang mache er aber noch weiter, versichert er. «Weil mein Material in der Schweiz aufgelöst wurde, habe ich nun Material für 170 Brücken, das ich in Myanmar, Indonesien und Ecuador verteilt habe. Diese Brücken bauen wir noch.» Ständig würden neue Anfragen kommen, Firmen, die ihm Seile zur Verfügung stellen wollten. «Denen kann ich doch nicht absagen», erklärt Rüttimann. Und überhaupt, gibt er zu bedenken: «Wenn ich es noch ein Jahr mehr aushalte, baue ich noch 40 Brücken. Das hilft 200'000 Menschen.»

Gleichzeitig lässt ihn ein weiterer Aspekt nicht los: die Situation im Westen. Denn auch hier seien die Leute durch einen Fluss getrennt von ihrem Potenzial. «Sie sind ständig abgelenkt vom täglichen Kampf. Sie wissen nicht mehr, was ein Mensch tatsächlich imstande ist zu erreichen», sagt Rüttimann. Mit seinem Wissen könne er das Bewusstsein für das, was möglich sei, wieder schaffen. Darum nutzt er seine spärliche Freizeit, einen Film und ein Buch über sein Lebenswerk zu verfassen.

Heute Samstag um 20.15 Uhr tritt Toni «El Suizo» Rüttimann im Rahmen der Sendung «Winterfest aus Pontresina» von «SRF bi de Lüt» auf.

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