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«Schiit oder Sunnit, das ist völlig egal»

Schiiten bekämpfen Sunniten. Wie einst Katholiken Protestanten, heisst es. Doch in Pakistan pilgern alljährlich Schiiten und Sunniten gemeinsam zu einem Sufi-Schrein in Belutschistan. Ein Bericht von einer Pilgerreise durch die Steinwüste.

Südostschweiz
Dienstag, 15. Juli 2014, 22:05 Uhr
Die Pilgerfahrt nach Belutschistan ist den Sufis sechsmal so viel wert wie eine nach Mekka.

Von Gilbert Kolonko*

Sehwan. – «Es ist doch völlig egal, ob ich Schiit oder Sunnit bin», antwortet der langhaarige Fakir Maram zu mir. Um seinen Hals baumeln 30 Kilo schwere Eisenketten als zusätzliches Opfer während der Pilgerfahrt. «Toleranz ist wichtig, denn vor Gott sind wir alle gleich», fügt er hinzu, und ein Dutzend seiner Anhänger nickt andächtig. Um uns herum erhellen etwa 30 Lagerfeuer die Dunkelheit; dazu sind Getrommel, das dumpfe Dröhnen von geblasenen Schafshörnern und Gesang zu hören, der den im Jahr 680 in Kerbala gefallenen Ali Hussain preist.

Über dem Pilgerlager schwebt der Geruch von Haschischrauch. Wir sitzen in der Steinwüste der pakistanischen Region Sindh, etwa zwei lange Lauftage von der östlich gelegenen Stadt Sehwan Sharif entfernt. Heimat des berühmten Schreins von Sufi Lal Shahbaz Qalandar. Jedes Jahr, elf Tage vor Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan, machen sich ein paar Tausend muslimische Gläubige von Sehwan auf Pilgerwanderung nach Schah Noorani, einem Sufi-Schrein in Belutschistan.

Die Gründe für diese Wanderung sind so vielfältig wie der Sufismus an sich. Rund 70 Prozent der pakistanischen Muslime sind Anhänger dieser asketischen und mystischen Glaubensform; die Nächstenliebe und die Nähe zu Gott stehen an erster Stelle. Welchem der verschiedenen Sufi-Philosophien sie auch nachstreben mögen: Alle sind sie für die Taliban und ihres gleichen Ungläubige, da sie in den Augen der Radikalen Götzen anbeten.

«Vor Gott sind wir alle gleich»

Am nächsten Morgen geht es gegen vier Uhr mit den ersten Gruppen wieder durch die Steinwüste. Schon ein paar Stunden später knallt die Sonne erbarmungslos auf die Pilger nieder, von denen sich einige Versehrte sogar auf allen Vieren voranschleppen. Rote und schwarze Fahnen der einzelnen Gruppen wehen über der steinigen Einöde. Wie in der Wüste gestrandete Wale flimmern im Westen ausladend die Berge Belutschistans.

Im nächsten Lager drängen sich etwa 100 Männer und Frauen im Schatten einer aufgespannten Zeltplane; davor steht ein Dutzend Pilger um den Leichnam eines ihrer Ordensmitglieder. Für diesen Mann waren die Temperaturen bis 50 Grad im Schatten und die Strapazen zu viel; wie schon für mehr als 70 andere in den letzten Tagen.

Die wenigen Dörfer mit ihren Lehm- und Strohhütten, die auf dem bisherigen Weg lagen, erinnerten ans Mittelalter. Die Region Sindh, in der Grossgrundbesitzer noch wie Könige über das Wohlergehen ihrer Untertanen entscheiden, gehört zu den unterentwickeltsten Regionen Pakistans. Dabei liegen viele Bodenschätze in der Erde. Allein mit den Kohlevorkommen dieser Region könnte Pakistan 200 Jahre lang jedes Jahr 100 000 Megawatt Strom produzieren.

Am späten Nachmittag macht sich der Tross wieder auf den Weg. Zahnlose und mit bunten Ketten behängte Fakire schleppen sich mit ihren Getreuen den etwa 500 Meter hohen Berg Chungan hinauf, der Eintritt nach Belutschistan – im Tal dahinter wartet auf sie das Paradies; das Pilgerlager Mai Kindhuri. Neben mir sitzt der Lagerarzt, der einem Pilger Tabletten gegen Durchfall reicht.

«Es gibt keine Infrastruktur, aber Edelsteine»

«Auch er hat schmutziges Wasser getrunken, ohne es abzukochen. Doch seit ich hier vor vier Tagen angekommen bin, ist in Mai Kindhuri noch keiner gestorben», sagt der Mittfünfziger und zeigt dann auf einen auf dem Boden liegenden Fakir, bei dem man nur glaubt, er sei der Tote, den der Doktor vergessen hat zu erwähnen.

«Vor fünf Jahren kam Fakir Bhuttani zu mir und bat mich um Hilfe, da er hier ein Pilgerlager aufbauen wollte. Auch ich war von diesem Menschen beeindruckt, der nichts für sich verlangt, sondern nur für andere.» Dann weist der Arzt stolz über das Gelände: Unter einer Zeltplane sitzen 80 Pilger und geniessen eine der drei täglichen warmen Gratismahlzeiten. Vor uns drängeln sich unter Gelächter und Geschubse etwa 20 Pilger an einer Wasserpumpe. Im Schatten Dutzender Bäume versuchen etliche Pilger, Gott mithilfe ihrer Haschischpfeifen ein Stück näher zu kommen. Der hiesige Grossgrundbesitzer ist auch gerade zu Besuch, während sein Sohn und einige seiner Untertanen unentgeltlich als Lagerköche aushelfen.

«Ausserhalb der Pilgerzeit ist auch dieser Teil Belutschistans unbetretbar für Fremde. Die Regierung hat hier nichts getan. Es gibt keine Schulen, keine Infrastruktur, aber Minen, in denen wertvolle Edelsteine gewonnen werden ...» «Das Resultat ist Gewalt», beende ich den Satz des Arztes, der darauf betreten nickt. In der Zwischenzeit hat Fakir Bhuttani seinen Oberkörper in halbwegs aufrechte Position gebracht, doch wirkt er immer noch wie ein Boxer kurz vor dem K. o. Eine Ansammlung rangniederer Fakiren steht vor ihm und wartet auf eine Audienz. Plötzlich scheint ein Stromstoss durch Bhuttani zu jagen, und man glaubt, nun sei es so weit. Doch das Gegenteil ist der Fall – emotionsgeladen redet er auf seine Jünger ein.

«Ihr macht gute Geschäfte, wir baden es aus»

Dann spreche ich den Doktor auf den Wahhabismus an, eine radikale Art des Islam, der seine Wurzeln in der arabischen Welt hat. Während der Islam für die meisten Muslime eine persönliche Angelegenheit zwischen ihnen und Gott ist, haben es sich die Wahhabiten zur Aufgabe gemacht, andere zum Islam zu bekehren. In Europa ist einer ihrer extremen Ableger als Salafisten bekannt. «Auch unter den Wahhabiten unterstützt nur eine Minderheit die Taliban», erklärt der Doktor. «Aber es ist doch nun mal ein Fakt», wende ich ein, «dass die Gelder für die Taliban, El Kaida oder jetzt für die Isis im Irak aus der arabischen Welt stammen. Vorwiegend Öl-Dollars aus Saudi Arabien und Katar. Und in Pakistan ...»

Mit einem «Jaja» unterbricht er mich, die Stimme leicht gequält, und fügt hinzu: «Auch hier wurden ab 1978 Tausende Religionshäuser mit solchem Geld gebaut, in denen ihre Art von Islam unterrichtet wurde, um die Schüler dann in den Dschihad nach Afghanistan gegen die Sowjets zu schicken. Aber die Amerikaner hatten damals genauso einen Anteil daran. Afghanistan? Pakistan? Das war ihnen doch alles egal, solange sie den Sowjets Schläge versetzen konnten. Und heute? Ihr im Westen macht mit den Ölstaaten gute Geschäfte, und wir in Pakistan oder die Afghanen können es dann ausbaden.»

«Und die Pläne der pakistanischen Armee mit Afghanistan?» Der Arzt nickt und winkt resigniert ab. Dann huscht plötzlich ein Lächeln über sein Gesicht. Ein Pilger hält ihm seinen Zeigefinger hin und deutet auf einen kleinen Kratzer. Mit gespielter väterlicher Strenge zeigt der Doktor dem jungen, zerzausten Mann an, dass er ihm mit so etwas nicht kommen soll.

«Unser Islam hat nichts zu tun mit dem der Saudis»

Wieder lächelnd sagt er: «Ich habe etwas Zeit gebraucht, um zu verstehen, warum die Pilger jeden kleinen Kratzer mit einer Bandage umwickelt haben möchten. Sie benutzen die Binden als Filter für ihre Pfeifen.» Auch am nächsten Tag verläuft die Pilgerroute in der steinigen Einöde an Gräbern bekannter Sufis vorbei. Die Sufis wurden vor ein paar Hundert Jahren aus der arabischen Welt ausgeschickt, um den Islam zu verbreiten. Als weise Männer nahmen sie jedoch auch Elemente der indischen hinduistischen Kultur auf, und so entstand in dieser Region Asiens eine spezielle Form des Sufismus.

Die letzten zwei Tage gehen die meisten Pilger nicht mehr, sie schleppen sich vorwärts, in Plastiksandalen oder barfuss von einer steinigen Ebene auf den nächsten steinigen Hügel und dann wieder über eine steinige Ebene und so fort. Während ich sechs Tage für die 150 Kilometer brauche, sind die meisten Pilger bis zu drei Wochen unterwegs. Mangelnde Ernährung, Krankheiten und der erhebliche Konsum von Mitteln, die einen Gott näher bringen, sind einige Gründe.

Am letzten Abend bin ich am Lagerfeuer einer Gruppe zu Gast, deren Mitglieder eine Ausnahme unter den Pilgern darstellen; junge Männer mit höherer Schulbildung. «Unser Islam hat doch nichts mit dem der Saudis gemeinsam. Sie sind eine Minderheit, die einzig wegen ihres Geldes die Richtung für alle Muslime vorgeben wollen», sagt einer von ihnen, und fährt fort: «Pakistan war sich schon mit dem Iran einig über den Bau einer Gas-Pipeline. Das hätte das Ende unserer Energieprobleme bedeutet. Dann gab es plötzlich einen nichtrückzahlbaren Milliardenkredit der Saudis für die Regierung Sharif, und die erklärte das Gas-Pipeline-Geschäft kurz darauf für nicht durchführbar.»

«Bald warten wir wieder täglich auf die Bombe»

Ein anderer fügt hinzu: «Schau dich um, das hier ist eigentlich unser Pakistan.» Uns gegenüber führen zwei Grauhaarige ein emotionales Streitgespräch, während sich die Zuhörer das Grinsen nur mit Mühe verkneifen können. Weder hier noch woanders im Lager ist irgendeine Form von Aggressivität vorhanden. «Ja, das ist Pakistan», bestätige ich. «Nur dass man hier keine Angst haben muss, dass einem eine Bombe um die Ohren fliegt.»

Am nächsten Morgen am Schrein des Sufis Schah Noraani treffe ich wieder einen der jungen Männer; lachend reicht er mir die Hand und sagt: «Ich gratuliere dir, du hast jetzt sechs Hadsch.» Ich muss nachfragen: «So was wie eine Pilgerfahrt nach Mekka meinst du?» «Mekka», antwortet er lachend. «Das schafft doch jeder. Lahoot dagegen, das wir gerade gepilgert sind, ist für uns Sufis so wertvoll wie sechs Pilgerfahrten nach Mekka ... und jetzt muss ich wieder nach Peschawar.» «Ich nach Karatschi.» «Also werden wir beide bald wieder täglich auf die Bombe warten», sagt er plötzlich betrübt und fügt hinzu: «Aber ich hoffe, du verstehst, dass der Islam, wie wir ihn auslegen, nicht dafür verantwortlich ist.»

* Der Berliner Gilbert Kolonko ist seit 13 Jahren regelmässig in Indien, Nepal und Pakis- tan unterwegs und hat Bücher über den Bürgerkrieg in Nepal und über Pakistan geschrieben. Das aktuellste Werk des 41-Jährigen heisst «Pakistan: Opfer und Täter».

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