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Psychische Leiden sind in der Schweiz tabu

Das Schweigen über psychische Krankheiten hat oft fatale Folgen und endet nicht selten im Suizid. Der jüngste prominente Fall des Swisscom-Chef Carsten Schloter hat Schlagzeilen gemacht, doch täglich nehmen sich in der Schweiz vier Personen das Leben. Um das Tabu zu brechen, hat die Zuger Stiftung am Montag die neue Kampagne «Psyche krank? Kein Tabu!» lanciert.

Südostschweiz
Montag, 19. August 2013, 12:34 Uhr
Psychische Erkrankte in der Schweiz behalten ihre Probleme lieber für sich (Symbolbild).

Zürich. – Die repräsentative Studie wurde im Auftrag der Werner Alfred Selo Stiftung in Kooperation mit Pro Mente Sana durchgeführt. Obwohl jeder zweite Schweizer einmal im Leben psychisch erkrankt, sagt in der Umfrage nur jeder Dritte, eine betroffene Person zu kennen und nur jeder Zehnte gibt an, selber psychische Probleme zu haben oder gehabt zu haben. Die Studie zeigt also klar: In der Schweiz sind psychische Krankheiten ein Tabuthema.

Arbeitswelt: besonders starkes Tabu

Nur 25 Prozent der 700 Befragten würden sich gegenüber dem Vorgesetzten outen und nur jeder Zehnte würde unter Arbeitskollegen über psychische Probleme sprechen. Fast 60 Prozent sind der Meinung, dass psychisch Kranke im Arbeitsumgeld diskriminiert würden.

Auch professionelle Hilfe zu beziehen, ist in der Schweiz verpönt. Nur etwa die Hälfte der Befragten würde eine psychiatrisch geschulte Fachperson beiziehen. Zu viele Erkrankte suchen also zu spät Hilfe, weil sie ihre Leiden verschweigen.

Zwei Drittel der Befragten glauben, dass psychisch Erkrankte öffentlich diskriminiert werden und selbst im privaten Umfeld sieht noch fast jeder Dritte diese Gefahr.

Dass dabei das eigene stigmatisierende Verhalten unterschätzt wird, zeigen konkrete Zahlen: 36 Prozent finden, dass psychisch Kranke eine Last für die Gesellschaft sind.

Männer haben Berührungsängste

Fast die Hälfte der Befragten würde keine psychisch kranke Person als Schwiegersohn oder Schwiegertochter haben wollen. Das Tabu geht so weit, dass nur ein Drittel sich trauen würde, einen erkrankten Freund oder ein Familienmitglied in der psychiatrischen Klinik zu besuchen.

Besonders Männer und ältere Menschen schweigen das Thema psychische Krankheiten häufiger tot, während Frauen und Jüngere besser informiert sind und möglicherweise dadurch offener darüber sprechen. Zugleich zeigen sich aber jüngere, leistungsorientierte Personen härter in ihren stigmatisierenden Urteilen. Es braucht ein Umdenken.

«Psyche krank? Kein Tabu!» schafft Abhilfe

Schweigen treibt viele Betroffene und Angehörige in einen Teufelskreis aus Scham und Isolation. Hier will die Kampagne «Psyche krank? Kein Tabu!» ansetzen und Abhilfe schaffen.

Den Start macht eine auffällige, violett-weisse Plakatkampagne mit vielen überraschenden Hinguckern an unerwarteten Alltagsorten. «Wir setzen sprechende Gegenstände ein, die Probleme versinnbildlicht beim Namen nennen, so z.B. Bodenkleber mit der Botschaft 'Ich bin am Boden'», erklärt die Initiantin Marylou Selo. «Sie sprechen aus, was wir Menschen oft verschweigen und wollen uns Mut machen, ebenso offen über psychische Krankheiten zu reden wie über körperliche», betont sie. (so)

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