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Lago di Lei bis im Frühling «verschwunden»

Die Kraftwerke Hinterrhein (KHR) starten die zweite Sanierungsetappe im Rahmen ihrer Gesamterneuerung. Zum ersten Mal seit 50 Jahren wird dabei der Stausee Lago di Lei komplett entleert.

Südostschweiz
Mittwoch, 24. Oktober 2012, 17:20 Uhr
Für Sanierungsarbeiten wird der Lago di Lei entleert.

Ferrera/Thusis. – Wo sonst der 197 Millionen Kubikmeter Wasser fassende Lago di Lei in der Landschaft zwischen Ferrera, Avers und Campodolcino prangt, herrscht derzeit gähnende Leere. Die Kraftwerke Hinterrhein AG haben das 1962 fertiggestellte Herzstück ihrer Anlagen auf den Herbst hin kontinuierlich leerturbiniert, der Reno di Lei fliesst wieder als Bach durch den Seegrund.

Bei der Staumauer, wo das Wasser sonst an die 130 Meter hoch steht, liegt der Pegel bei gut 20 Metern; das letzte Wasser im Stauseebecken fliesst kontrolliert durch den Grundablass ab. Im November wird der Lago di Lei zum ersten Mal vollständig trocken liegen, wie KHR-Direktor Guido Conrad am Mittwoch an einer Medienorientierung vor Ort informierte.

Lawinen eine grosse Gefahr

Der Grund für die Komplettabsenkung: Die KHR setzen ihre Gesamterneuerung fort und starten die zweite Sanierungsetappe. Sie betrifft die oberste Stufe von Valle di Lei inklusive Val Madris bis nach Ferrera, wo die Zentrale ebenfalls stillstehen wird, um die druckwasserseitige Infrastruktur zu revidieren. Im Stauseebereich müssen Teile wie der Grundablass oder der Triebwasserstollen saniert werden.

Für die verschiedenen Arbeiten werden diesen Winter rund 300 Arbeiter zusätzlich für die KHR im Einsatz sein. Die grösste Herausforderung dabei ist laut Conrad der Umstand, dass sich die Winterbaustellen am See auf 2000 Metern über Meer befinden. «Sicherheit hat oberste Priorität», so Conrad. Unter anderem wird eine extra einberufene Lawinenkommission täglich die Gefahrensituation neu beurteilen.

Ein Drittel der Fische noch drin?

Der Fischbestand im Lago di Lei wurde seit rund vier Jahren mit einer Aufhebung der Fischereibeschränkungen stark limitiert. Gemäss Marcel Michel, akademischer Mitarbeiter beim Amt für Jagd und Fischerei, ist aber schwer zu sagen, wie viele Fische im Gewässer verblieben sind. Er schätze, dass von den rund sechs Tonnen Biomasse im See noch etwa ein Drittel drin sei, so Michel. Bei der Komplettentleerung des Stausees Sufers im Jahr 2011 habe sich aber gezeigt, dass erstaunlich viele Tiere überleben würden, indem sie sich in weiter oben liegende Gewässer zurückziehen würden. Er hoffe, dies werde auch im Lago di Lei so sein. Die KHR betreiben dort wie zuvor in Sufers ausserdem zusammen mit dem Kanton, Umweltverbänden und Fischerei-Organisationen ein Umwelt-Monitoring, um die ökologischen Auswirkungen der Entleerung möglichst gering zu halten.

Im April 2013 soll die zweite Sanierungsetappe abgeschlossen werden. Anschliessend kommen die KHR für eine Neubesatzung des Lago di Lei mit Fischen auf. Ein Besatzungsprogramm bis 2018 liegt laut Michel bereits vor. (jfp)

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