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Tage der Zerstörung und des Neuanfangs: Die Unwetter 2002

Diesen November jähren sich die Rüfenniedergänge und Überschwemmungen vom Herbst 2002 zum 20. Mal. Ein Rückblick auf die wichtigsten damaligen Ereignisse im Hauptschadengebiet Surselva.

Jano Felice
Pajarola
15.11.22 - 10:23 Uhr
Aus dem Leben
Der Tag nach dem grossen Regen: Eine Rüfe hat weite Teile von Schlans zerstört.
Der Tag nach dem grossen Regen: Eine Rüfe hat weite Teile von Schlans zerstört.
Bild Archiv

Freitag, 15. November 2002. Über Graubünden gehen intensive und anhaltende Regenfälle nieder.

Samstag, 16. November 2002. Die Niederschläge hören nicht auf, die Folgen lassen nicht lange auf sich warten. In weiten Teilen des Kantons, vorwiegend aber in der Surselva kommt es zu Rüfen und Rutschen. Feuerwehr- und Zivilschutzeinsätze werden nötig. Meldungen treffen aus Medel/Lucmagn, Sumvitg und Disentis ein, wo mehrere Gebiete evakuiert werden müssen; Telefonverbindungen sind gestört. Auch Trun ist betroffen; Strassen und das Trassee der Rhätischen Bahn sind tief verschüttet. Weitere Schäden ereignen sich in Brigels und Andiast.

Ein Bild, das in Erinnerung bleibt: Bei Trun hat die Wucht der Rüfe das Bahngeleise aus dem Bett gehoben.
Ein Bild, das in Erinnerung bleibt: Bei Trun hat die Wucht der Rüfe das Bahngeleise aus dem Bett gehoben.
Bild Eddy Risch/Keystone

In Pigniu ziehen Rutschungen einen Teil der Gemeinde in Mitleidenschaft. Und weiter unten, in Rueun, geht mittags eine erste Rüfe aus der Val Valdun nieder. Rund 40 Personen werden evakuiert, mit schweren Maschinen wird versucht, das Bachbett wieder frei zu machen. Um 16 Uhr kommt unerwartet eine zweite, noch grössere Rüfe. Drei Baggerfahrer werden verschüttet und teilweise schwer verletzt, die Zerstörung rund um den Bahnhof Rueun ist gross. Man fürchtet nun sogar eine dritte Rüfe, doch davor bleibt die Gemeinde verschont.

Mit Schlamm und Geröll überdeckt: Das Unwetter hinterlässt auch in Rueun schwere Schäden.
Mit Schlamm und Geröll überdeckt: Das Unwetter hinterlässt auch in Rueun schwere Schäden.
Bild Archiv
Gekippte Maschinen: Beim Unwetter in Rueun werden zwei Baggerführer von den Geröll- und Wassermassen überrascht.
Gekippte Maschinen: Beim Unwetter in Rueun werden zwei Baggerführer von den Geröll- und Wassermassen überrascht.
Bild Archiv
Überströmt: Das Rueuner Bahnhofquartier ist kaum mehr wiederzuerkennen.
Überströmt: Das Rueuner Bahnhofquartier ist kaum mehr wiederzuerkennen.
Bild Eddy Risch/Keystone

Schwer getroffen wird auch Schlans, wo sich kurz vor 14 Uhr eine Schlammlawine mitten durch das Dorf wälzt. Ein Haus und mehrere Ställe werden zerstört, zehn weitere Häuser zum Teil schwer beschädigt. Anfänglich ist unklar, ob das Unglück Menschenleben gefordert hat, später kann dann aber Entwarnung gegeben werden. Sechs Personen müssen allerdings von Helikopterpilot Marcus Levy in einer riskanten Aktion aus ihren Häusern oder Maiensässen gerettet werden. Die von Trun nach Schlans führende Kantonsstrasse ist streckenweise von Rutschen zerstört und nicht mehr passierbar.

Ein Bild der Zerstörung: Das Unwetter hat in Schlans schwere Schäden verursacht.
Ein Bild der Zerstörung: Das Unwetter hat in Schlans schwere Schäden verursacht.
Bild Archiv
Pausenlos im Einsatz: Helikopterpilot Marcus Levy bekommt wegen seiner Rettungseinsätze bei den Unwettern von 2002 den Beinamen «Engel von Schlans».
Pausenlos im Einsatz: Helikopterpilot Marcus Levy bekommt wegen seiner Rettungseinsätze bei den Unwettern von 2002 den Beinamen «Engel von Schlans».
Bild Archiv
Rettungsaktion: Im Auftrag der Rega evakuiert die Air Grischa 55 Stück Vieh und drei Schweine aus Schlans.
Rettungsaktion: Im Auftrag der Rega evakuiert die Air Grischa 55 Stück Vieh und drei Schweine aus Schlans.
Bild Archiv

Gegen 18.30 Uhr donnert auch oberhalb von Tersnaus eine Rüfe zu Tal; die Materialmassen dringen bis ins Dorf vor, das daraufhin zur Gänze evakuiert wird. In Vals werden wegen Rüfen und Erdrutschen ebenfalls 140 Einwohner aus ihren Häusern geholt. Von Schäden betroffen sind auch das Safiental, mehrere Gemeinden in der Foppa und im übrigen Lugnez. In Lumbrein beispielsweise wird die Fraktion Surin für kurze Zeit evakuiert.

Sonntag, 17. November 2002. In Disentis normalisiert sich die Lage wieder; der Krisenstab wird aufgelöst. In Medel können die Evakuierten ebenfalls zurück in ihre Häuser, in Sumvitg bis auf eine Ausnahme auch. Entwarnung wird zudem in Vals gegeben. Anders jedoch in Schlans: Dort müssen nach wieder einsetzenden Regenfällen sämtliche Bewohner in Sicherheit gebracht werden. Brigels bietet Platz in der Militäranlage an.

In Sicherheit gebracht: Der damalige Schlanser Gemeindepräsident Reto Pfister und die Leute aus dem Dorf beobachten die Lage bei ihren Wohnhäusern oben am Berg..
In Sicherheit gebracht: Der damalige Schlanser Gemeindepräsident Reto Pfister und die Leute aus dem Dorf beobachten die Lage bei ihren Wohnhäusern oben am Berg..
Bild Archiv

Tersnaus bleibt ein Geisterdorf. Und Pigniu wird erst jetzt eines: Am Nachmittag wird die ganze Bevölkerung per Helikopter ausgeflogen. Ein Hang über dem Dorf ist gefährlich instabil geworden. Gleichzeitig ist die Strasse nach Rueun wegen einer unterspülten Brücke seit Samstag nicht mehr passierbar. Die RhB-Strecke Ilanz–Disentis und unzählige Strassenverbin­dungen bleiben ebenfalls gesperrt.

Montag, 18. November 2002. In Rueun sind die Räumungsequipen aus Sicherheitsgründen zur Untätigkeit verurteilt. 116 Personen bleiben nach wie vor evakuiert. Die Leute aus Schlans müssen in Brigels verharren, die Bewohner von Pigniu bei auswärtigen Verwandten.

Evakuiert: Der Schlanser Gemeindepräsident Reto Pfister informiert die Dorfbevölkerung in der Truppenunterkunft in Brigels über die Situation nach dem Unwetter.
Evakuiert: Der Schlanser Gemeindepräsident Reto Pfister informiert die Dorfbevölkerung in der Truppenunterkunft in Brigels über die Situation nach dem Unwetter.
Bild Archiv

Dienstag, 19. November 2002. Mehrere gesperrte Strassen können für den Verkehr wieder geöffnet werden. Zwischen Tavanasa und Ilanz bleibt allerdings nur der Umweg über Ober­saxen. Lebensmittel werden nach Disentis geflogen, und die ersten «Katastrophentouristen» sind auf den Schadenplätzen auch schon anzutreffen. In Rueun erlaubt ein Sicherheitsdispositiv den Beginn der Räumung. 80 Evakuierte können nach Hause. Pigniu bleibt hingegen bis auf wenige Personen leer, Schlans und Tersnaus ebenfalls.

Die Armee im Einsatz: In Rueun können die Aufräumarbeiten gestartet werden.
Die Armee im Einsatz: In Rueun können die Aufräumarbeiten gestartet werden.
Bild Archiv

Mittwoch, 20. November 2002. Die Armee beginnt ihre Räumungseinsätze in Rueun und Schlans. Gegen Abend wird in Tersnaus Entwarnung gegeben: Die Evakuation ist beendet. Nach Disentis finden Warentransporte mit Lastwagenkonvois statt.

Gefahr gebannt: Auch in Schlans kann das Militär mit den Aufräumarbeiten beginnen.
Gefahr gebannt: Auch in Schlans kann das Militär mit den Aufräumarbeiten beginnen.
Bild Archiv
Geduld ist gefragt: Zahlreiche Lastwagen warten in Rueun auf die Räumung der Kantonsstrasse, um die in der oberen Surselva gelegenen Gemeinden mit Lebensmitteln und Gütern zu versorgen.
Geduld ist gefragt: Zahlreiche Lastwagen warten in Rueun auf die Räumung der Kantonsstrasse, um die in der oberen Surselva gelegenen Gemeinden mit Lebensmitteln und Gütern zu versorgen.
Bild Arno Balzarini/Keystone

Donnerstag, 21. November 2002. In Bern heisst es, der Bundesrat verzichte vorläufig auf einen Solidaritätsbesuch in den Unwettergebieten der Surselva, was in Graubünden einigen Unmut auslöst. Der kantonale Führungsstab zählt inzwischen noch 166 Evakuierte im Bündner Oberland. Rund um Schlans und Pigniu entstehen von der Armee bewachte Sperrzonen. Weitere Verkehrswege können wieder geöffnet werden.

Auch in Schlans im Einsatz: Gegen 400 Armeeangehörige haben zur Wochenmitte auf den verschiedenen Schadensplätzen in der Surselva die Räumungsarbeiten in Angriff genommen.
Auch in Schlans im Einsatz: Gegen 400 Armeeangehörige haben zur Wochenmitte auf den verschiedenen Schadensplätzen in der Surselva die Räumungsarbeiten in Angriff genommen.
Bild Arno Balzarini/Keystone

Freitag, 22. November 2002. Intensive Niederschläge, aber keine neuen Rüfen sind zu verzeichnen. Das Aufräumen geht weiter. Die RhB kann ihre Strecke bis Tavanasa wieder fahrplanmässig befahren.

Samstag, 23. November 2002. Generalstabschef Hans-Ulrich Scherrer stattet den Truppen in Schlans und Rueun einen Besuch ab. Am 27. November wird Bundesrat Samuel Schmid seinem Beispiel folgen.

Doch noch aus Bern angereist: Bundesrat Samuel Schmid besucht Schlans, begleitet wird er von Hans Gasser (links), Leiter des kantonalen Amts für Militär und Zivilschutz, Regierungsrätin Eveline Widmer-Schlumpf und Gemeindepräsident Reto Pfister (rechts).
Doch noch aus Bern angereist: Bundesrat Samuel Schmid besucht Schlans, begleitet wird er von Hans Gasser (links), Leiter des kantonalen Amts für Militär und Zivilschutz, Regierungsrätin Eveline Widmer-Schlumpf und Gemeindepräsident Reto Pfister (rechts).
Bild Archiv

Sonntag, 24. November 2002. Die Evakuierten aus Pigniu dürfen in ihre Häuser zurückkehren, ebenfalls zehn Personen aus Rueun. Die Evakuation von Schlans bleibt noch bis am 5. Dezember bestehen. Die Naturkatastrophe ist bewältigt. Die Arbeit aber geht weiter. 

Ein Ehepaar kehrt am 5. Dezember 2002 nach 89 Tagen Evakuierung in sein verwüstetes Haus in Schlans zurück.
Ein Ehepaar kehrt am 5. Dezember 2002 nach 89 Tagen Evakuierung in sein verwüstetes Haus in Schlans zurück.
Bild Arno Balzarini/Keystone
Der Schlamm ist nicht draussen geblieben: Vater und Sohn säubern nach der Rückkehr den Eingang ihres verwüsteten Hauses in Schlans.
Der Schlamm ist nicht draussen geblieben: Vater und Sohn säubern nach der Rückkehr den Eingang ihres verwüsteten Hauses in Schlans.
Bild Arno Balzarini/Keystone
Noch ein hoher Gast: Im Juni 2003 besucht auch Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, begleitet von Regiun-Surselva-Präsident Sep Cathomas, die unwettergeschädigte Gemeinde Rueun.
Noch ein hoher Gast: Im Juni 2003 besucht auch Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, begleitet von Regiun-Surselva-Präsident Sep Cathomas, die unwettergeschädigte Gemeinde Rueun.
Bild Arno Balzarini/Keystone

Jano Felice Pajarola berichtet seit 1998 für die «Südostschweiz» aus den Regionen Surselva und Mittelbünden. Er hat Journalismus an der Schule für Angewandte Linguistik in Chur und Zürich studiert und lebt mit seiner Familie in Cazis, wo er auch aufgewachsen ist. Mehr Infos

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