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Region lanciert spektakuläres Seilbahnprojekt am Zürichsee

Region lanciert spektakuläres Seilbahnprojekt am Zürichsee

Was in Zürich zu scheitern droht, will die Region schaffen. Eine touristische Seilbahn über den Zürichsee – mit Halt auf der Insel Ufenau. Die innovative Technik stammt aus Flums. Kostenpunkt: 250 Millionen Franken.

Pascal
Büsser
vor 3 Monaten in
Tourismus
Soll bald Realität werden: Dieser Ausblick über die Rapperswiler Altstadt aus Gondeln – hier in der Deluxeversion – soll nachhaltig Touristen in die Rosenstadt locken.
VISUALISIERUNG RAPPERSWIL ZÜRICHSEE TOURISMUS

Es ist ein Projekt, das polarisieren dürfte. So viel steht schon jetzt fest. Denn was Rapperswil Zürichsee Tourismus mit Support der Stadt Rapperswil-Jona, der Gemeinde Freienbach sowie privaten Sponsoren plant, ist das mit Abstand spektakulärste Tourismusprojekt, das die Region bisher gesehen hat: eine Seilbahn über den Zürichsee mit Zwischenstation auf der Insel Ufenau.

Attraktion für Eidgenössisches

Was wie eine Bieridee tönt, hat bereits handfeste Konturen, wie Recherchen der «Linth-Zeitung» zeigen. Hintergrund der geplanten Attraktion ist das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest (ESAF) 2025 in Mollis. «Damit wir das touristische Potenzial des grössten Sportanlasses der Schweiz nachhaltig ausschöpfen können, müssen wir Angebote schaffen, welche die Besucher begeistern», sagt Simon Elsener, Chef von Rapperswil Zürichsee Tourismus. «Angebote, die sie sonst nirgends finden und sie immer wieder in die Region zurückkehren lassen.»

Eine solche einmalige Attraktion soll die Seilbahn über den Zürichsee sein. Diese Idee treibt den Tourismus-Chef der Region schon länger um. Die ESAF-Vergabe ans Glarnerland hat dem Projekt neuen Schub verliehen.

Auto und ÖV ideal angebunden

Das Konzept ist ausgeklügelt. Die Hauptlinie der Seilbahn verläuft vom Engelhölzli, bei der Autobahnausfahrt A15, über den Bahnhof Kempraten zur Ausflugsinsel Ufenau – und von dort zum Bahnhof Pfäffikon und weiter zum Wasservergnügungspark Alpamare. Dort gibt es bereits einen grossen Parkplatz. Im Engelhölzli soll ein solcher erstellt werden. So entstehe innerorts kein Zusatzverkehr. ÖV-Nutzer können an den Bahnhöfen Kempraten, Rapperswil oder Pfäffikon zusteigen.

Ein Seitenarm der geplanten Seilbahn führt von einem Kupplungsmasten im See via Bahnhof Rapperswil zum Para-Parkplatz neben Kinderzoo und den Sportanlagen Lido (siehe Karte). Diese Linie verspricht spektakuläre Ausblicke auf das Schloss und die Rapperswiler Altstadt (siehe Visualisierung).

Potenzial für Federer-Pilgerort

Ein zweiter Aspekt dürfte die Bahn gar zum weltweiten Pilgerort machen. So wird es möglich sein, von der Gondel aus einen Blick auf das 16 000 Quadratmeter grosse Anwesen von Tennisstar Roger Federer in der Kempratner Bucht zu erhaschen. Der Maestro könnte denn auch Pate stehen für die Bahn, die unter dem Arbeitstitel «FedEx» läuft. Für den definitiven Namen soll ein Ideenwettbewerb stattfinden.

Technik inspiriert von Flims Laax

Zum Einsatz kommt eine ganz neue Bahntechnik der Firma Bartholet in Flums, das Ropetaxi (siehe Box). Die Technik kommt zum ersten Mal bei der Weissen Arena in Flims Laax zum Einsatz – auf die Saison 2022/23 hin. Tourismus-Chef Elsener kennt den dortigen Präsidenten Reto Gurtner gut. «Er hat mich auf die Idee des Ropetaxis gebracht», sagt Elsener. «Es freut uns ausserordentlich, dass wir unsere innovative Technologie an einem zweiten Standort in der Ostschweiz umsetzen dürfen», sagt Daniel Fässer, Verkaufs- und Marketingleiter bei Bartholet.

Stadt und Bank Linth zahlen Hälfte

So spektakulär das Projekt tönt, so kostspielig ist es. Die Verantwortlichen rechnen mit 250 Millionen Franken an Investitionen. Doch drei Viertel davon seien bereits gesichert, betont Elsener.

50 Millionen habe Rapperswil Zürichsee Tourismus von Investoren zugesichert. 50 Millionen will die Stadt Rapperswil-Jona einschiessen. Sie sitzt aktuell auf Reserven von 250 Millionen Franken. «Es tönt blöd, gerade in diesen Zeiten», sagt Stadtpräsident Martin Stöckling, «aber wir wissen als Stadt fast nicht mehr, wie wir unsere enormen Finanzreserven noch investieren sollen.» Da komme dieses «zukunftsweisende Projekt» gerade recht.

Rücksicht auf Stadtbild: Vom Boden aus sollen sich die Gondeln nicht störend auf die Altstadt-Silhouette auswirken.
VISUALISIERUNG RAPPERSWIL ZÜRICHSEE TOURISMUS

75 Millionen Franken stammen von der Bank Linth. A fonds perdu, sprich: als Geschenk. Sie feiert 2023 ihr 175-Jahr-Jubiläum. «Zu diesem Anlass wollen wir der Region etwas zurückgeben», sagt CEO David Sarasin. «Und zeigen: Die Region Zürichsee-Linth und ihre Bank können es.» Damit macht er einen kleinen Seitenhieb auf das Seilbahnprojekt der Zürcher Kantonalbank im Zürcher Seebecken, das durch Einsprachen blockiert ist – und ganz scheitern könnte.

Die Gemeinde Freienbach, zu welcher der Standort Pfäffikon politisch gehört, will 30 Millionen für das Projekt lockermachen. «Das ist für uns auch ein Bekenntnis zur gelebten interkantonalen Zusammenarbeit», sagt Gemeindepräsident Daniel Landolt.

Weitere 40 bis 50 Millionen beabsichtigt Tourismus-Chef Elsener von weiteren privaten Sponsoren aufzutreiben. «Wir führen vielversprechende Gespräche mit verschiedenen ortsansässigen Firmen», sagt er. Auch eine substanzielle Beteiligung des Kinderzoos und des Alpamares stehen zur Diskussion, da sie direkt von der neuen Seilbahn profitieren würden.

Einsiedler Abt begrüsst Projekt

Ebenso steht eine Beteiligung des Klosters Einsiedeln im Raum, der die Insel Ufenau gehört. «Eigentlich war das schon immer der Wunsch des Klosters – eine kuppelbare Seilbahn auf die Ufenau, mit einer Bergstation im Häuschen auf dem Arnstein», sagt Abt Urban Federer. Endlich klappe es. «Die vielen Ufenaubesucher wird es freuen, und die Transportlogistik für unsere Wirtsleute wird vereinfacht», sagt der Abt. «Besonders freue ich mich für Sepp Häckis Rinder, denen beim Bootstransport immer übel wird.»

Weil die beiden Standortgemeinden wie auch die Bank Linth ihre Investitionen ohne Rückzahlungserwartung tätigen, rechne sich die Seilbahn, so Elsener. Die restlichen 80 bis 100 Millionen liessen sich durch das Ticketing wieder einspielen, ist er überzeugt. Insbesondere durch Buchungen von Spezialgondeln (siehe Box).

Angedacht ist bereits eine zweite Etappe. Wird die Seilbahn über den Zürichsee der erwartete Erfolg, möchte Elsener in einem zweiten Schritt auch den Aussichtsberg Etzel an das Seilbahnnetz anschliessen.

Realisierung bis spätestens 2025

Doch wieso soll in der Region gelingen, was im Zürcher Seebecken auf hartnäckigen Widerstand stösst? Ein Grund sei die Linienführung, sagt Elsener. Diese durchquere keine Naturschutz-Kernzonen. Es liefen konstruktive Gespräche mit den Naturschutzorganisationen, gibt er an. Ebenso sei man in Kontakt mit der Hochschule Ost. Eine neue Technologie soll es ermöglichen, dass die nötigen Seilbahnmasten optisch kaum wahrnehmbar seien.

Einige Hürden muss das Projekt allerdings noch nehmen. Im nächsten Jahr soll die Eintragung in die Richtpläne der beiden Kanton erfolgen. Gemäss Elsener hat man positive Signale aus St. Gallen und Schwyz.

Fast zeitgleich wollen die Verantwortlichen das Bauprojekt auflegen. Doch ist nicht spätestens dann mit Einsprachen zu rechnen, gerade in Rapperswil-Jona? «Aktuell sind die hartnäckigsten Kritiker der Stadt alle bei anderen Projekten mit Rekursen eingebunden», sagt Stadtpräsident Stöckling. Das erhöhe die Chancen für das Seilbahnprojekt deutlich. «Ich bin zuversichtlich, dass dieses innovative Projekt für einmal schlank durchgeht», bleibt der «Stapi» optimistisch.

«Ziel ist es, bis 2024, spätestens aber für im Frühling 2025 vor dem ESAF im Glarnerland startklar zu sein», doppelt Tourismus-Chef Elsener nach. Der Hosenlupf gegen die Zeit hat begonnen.

Eine Videoanimation der geplanten Seilbahn wird am Samstag auf www.zuerichsee-linth-kann-es.ch aufgeschaltet. Eine exklusive Vorabschau gibt es am Donnerstag um 11 Uhr, beim Tourist Center auf dem Rapperswiler Fischmarkplatz.

Neue Technologie: Wenig Leerfahrten und Gondeln mit Spezialausstattung

Das Ropetaxi ist eine Neuentwicklung der Firma Bar-tholet aus Flums. Im Gegensatz zu üblichen Seilbahnen verfügen die Kabinen über einen Eigenantrieb, der sie in den Stationen autonom fahren lässt. Sie klinken sich erst ins Seil ein, wenn jemand zusteigt. Während des Einstiegs steht die Gondel still, was besonders Senioren und Personen mit Bewegungseinschränkungen zugutekommt. Einmal eingestiegen, können Fahrgäste per Knopfdruck wählen, bis zu welcher Station sie fahren wollen. «Bei der Ausstattung der Kabinen gehen wir gerne auf Kundenwünsche ein», sagt Daniel Fässer, Leiter Verkauf und Marketing bei der Bartholet Maschinenbau AG. Möglich sind auch luxuriöse Ausführungen mit Ledersessel und Minibar für einen gediegenen Apéro oder eine Geschäftsbesprechung. Für ein Projekt im Nahen Osten arbeitet die Firma gar an einer Whirlpool-Gondel. «Die Optionen sind praktisch unbeschränkt», sagt Fässer. «Für die Bahn über den Zürichsee sind wir mit der Firma an einer ganz speziellen Innovation dran», verspricht Tourismus-Chef Elsener. Die Ropetaxitechnik vermeidet gemäss der Firma Bartholet bis zu 50 Prozent Leerfahrten. Ähnlich hoch seien die Einsparungen beim Energieverbrauch, da die Kabinen ihre Fahrenergie beim Abbremsen in der Station selber gewinnen. Ebenfalls könnten mit der neuen Technik massiv Betriebs- und Unterhaltskosten eingespart werden, sagt Fässer. «Die Kosten über den ganzen Lebenszyklus gesehen können so stark reduziert werden», so der Vertreter der Firma mit 350 Angestellten. (pb)

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