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Träume, Spekulationen und Machtkämpfe

Zwischen dem Schanfigg und dem Prättigau verschwindet der letzte Zeuge einer 50-jährigen Leidensgeschichte des Bündner Tourismus.

Südostschweiz
Samstag, 11. August 2018, 14:46 Uhr Ein Blick zurück
Das erste Leben: Das Skigebiet im Fondei 1964, im Hintergrund Parsenn.
ARCHIVBILD

Von Walter Tschopp

Ein Sommermorgen ist kühl und ruhig auf dem Strassberger Fürggli, gute 1000 Meter oberhalb von Langwies. Ein altes Skilift-Häuschen verwittert vor sich hin, nur der Skiliftmasten daneben scheint unverwüstlich. Der solide Beton hat mehr als das Wetter überlebt.

Das erste Leben im Wilden Westen

Das war der Wilde Westen pur 1963 bis 1967 im hinteren Fondei. Ein Mister Werner Schwegler, Luzerner Unterländer, ohne Geld, aber mit steinreicher Ex-Frau, baute im oberen Fondei zwei Skilifte. Der eine als Anschluss nach Parsenn-Kreuzweg, der andere mit Anschluss an die Fideriser Heuberge zum Strassberger Fürggli. Ohne Zufahrtsstrasse und ohne Stromanschluss, aber mit Diesel und Krediten. Mittendrin eine grosse Baracke mit Restaurant und Zimmern für die Angestellten. Die Bewilligungen, wenns denn wirklich welche brauchte, gaben ihm die Bauern bei nächtlichen Barbesuchen. Bevor dann aber doch alles aufflog, verabschiedete sich der Mister standesgemäss: An einem schönen Skitag landete er mit dem Heli neben dem Kassahäuschen, holte sich das Bargeld und entschwebte. Erst viel später wurde er in Luzern für andere Betrügereien verurteilt. Zurück liess er eine riesige Sammlung unbezahlter Rechnungen und lange Bündner Gesichter.

Das zweite Leben mit dem goldenen Kalb

Der Schweizer Skifahrer Bernhard Russi war 1972 an der Olympiade in Japan dermassen erfolgreich, dass er die Bündner gleich doppelt glücklich machte: Zum einen kurbelte er den Skitourismus auf zweistellige Zuwachsraten hoch, und zum andern brachte er auch gleich noch ein wintertaugliches Auto mit. Russi wurde Werbebotschafter für den 4x4-Subaru. Endlich ein komfortables Auto für die Bergdörfler. Die Touristiker versprachen zweistellige Zuwachsraten, und in fast jedem Haus wurden Zimmer und Einliegerwohnungen an Touristen vermietet, ein willkommener Nebenverdienst. Es waren die goldenen Zeiten der Parahotellerie und der Gruppenhäuser. Allein in St. Antönien gab es mehr als zehn davon.

Auch die Politiker im Schanfigg und Prättigau träumten vom touristischen Anschluss an die grosse Welt: «Weshalb sollen die da oben in Davos und Arosa absahnen und uns bleiben nur die Brosamen des Durchgangsverkehrs?»

1974 zündete der Bundesrat mit Investitionshilfen für Berggebiete eine Rakete in den beiden Tälern. Mit einem Entwicklungskonzept wurde für die Winter-Champions-League geplant: ein Skigebiet von Davos bis St. Peter mit über 40 Bahnen und Skiliften. Und mittendrin das Strassberger Fürggli als Scharnier zwischen Davos und Prättigau/Schanfigg. Es wäre das grösste Skigebiet der Schweiz geworden, mit einer Pistenkapazität von über 30 000 Skifahrern. Für Übernachtungen sollten 10 000 Betten gebaut werden, allein in den Fideriser Heubergen 5000 und in Pirigen 1000. Damit das nicht nur Träumereien blieben, holten die Mittelprättigauer Gemeindepräsidenten den damals grössten Bahnbauer, Habegger Thun, mit ins Boot. Das Büro Christoffel Chur lieferte konkrete Konzepte und Pläne, die der Bund mit fast einer Million entschädigte.

Dann erlebten 1978 die beiden Täler eine einmalige Oppositionsbewegung von «unten» gegen das Projekt, die 68-er waren definitiv in Graubünden angekommen: Broschüren und Flugblätter wurden gedruckt, und ein mehrseitiger Artikel im «Tages-Anzeiger-Magazin» machten die Anliegen schweizweit bekannt. Kreativ waren sie auch noch, die jungen Handwerker, Bauern und zurückgekehrten Studenten: An einem Wintersonntag brachte eine Gruppe den Durchgangsverkehr zum Erliegen und verteilte Flyer. An der einzigen Ampel im Tal, mitten in Küblis, drückten sie durchgehend den Knopf «Vortritt Fussgänger». Das Chaos war perfekt und beschäftigte anschliessend gar die Regierung in Chur.

Auch dieses Gigaprojekt endete wenig rühmlich. Die Opposition torpedierte, der Bahnbauer Habegger musste aus finanziellen Gründen die Firma an Von Roll verkaufen, und die Parsenn-Bahnen lobbyierten bei der Regierung gegen die unwillkommene Konkurrenz. Profitiert haben nur die Planer und «Konzeptionisten». Sogar ein redimensioniertes Projekt der Mittelprättigauer wurde abgelehnt. Der junge Köbi Gantenbein untersuchte 1983 diesen «Prättigauer Bähnlikrieg» in einer Forschungsarbeit und vermutete stark, dass der Druck der Parsenn-Bahnen auf die Regierung den Ausschlag für das Scheitern gab.

Das dritte Leben mit der Spekulation

Ohne Konkurrenz planten die ParsennBahnen die Erweiterung nach Westen nun selber. 1996 kauften sie das Berghaus in den Fideriser Heubergen und besannen sich zurück auf die Verbindung Fondei–Strassberg. Der Lift zum Strassberger Fürggli hätte einer neuen Bahn mit Ferienressort weichen müssen. Die Verbindungen ins graue Haus waren etabliert, alles schien eingefädelt.

Nur unterschätzten die Herren in Chur und Davos die Frauenpower im Fondei. Vier von ihnen gründeten eine Arbeitsgruppe «für ds Fondei» und kämpften für ein Fondei ohne mechanisierten Tourismus. Auf ihrer Seite hatten sie die Moorgebiete von nationaler Bedeutung. Die Grenzen dieser Moore legte die Regierung aber so fest, dass immer noch ein Wintersport-Korridor von Parsenn nach den Fideriser Heubergen offenblieb. Zu offensichtlich waren die Absichten.

Die Frauen liessen ihrem Zorn Taten folgen und kämpften vor dem Bündner Verwaltungsgericht für ihr Anliegen. Sie bekamen nicht nur Recht, sondern das Gericht wies die Regierung im 2001 an, die Moorgebiete wesentlich zu vergrössern. Damit war Schluss mit dem Fondeier Skizirkus.

Post mortem, die offenen Fragen überleben

Die Tage des letzten Zeugen auf dem Strassberger Fürggli sind gezählt, Mitte August fahren jetzt die Maschinen auf und lassen den Masten verschwinden. Das Skilifthäuschen wird durch eine Schutzhütte ersetzt. Damit kehrt endgültig Ruhe ein im Fondei.

Weniger ruhig ist es im Prättigau. Die alten Fragen nach dem Wohin im Tourismus sind auch nach 50 Jahren noch aktuell, obwohl sich das Tal verändert hat. Aus einer bäuerlich geprägten Landschaft ist eine beliebte Wohngegend geworden mit Durchgangsverkehr, Industrie und Gewerbe auf der Talsole und Tourismus oberhalb von 1000 Metern. Den Leuten geht es mehrheitlich gut, statt Ladas und Subarus prägen Pick-ups und SUV die Nebenstrassen. Nur wenige vermieten noch Ferienwohnungen als Zustupf.

Klammert man Klosters aus, arbeitet weniger als ein Fünftel in der Tourismusbranche. Deren Anliegen haben es an den Gemeindeversammlungen zunehmend schwerer. Die Restaurants sind auf einen Drittel geschrumpft, und Hotels werden rarer. Die Übernachtungszahlen sinken zweistellig, im Mai führte das Prättigau die Negativliste des Kantons an. Zudem nehmen die Gemeinden ihre Tourismus-Hausaufgaben unterschiedlich ernst, das zeigt sich am Zustand der Wanderwege. In den meisten Gastrobetrieben arbeiten Auswärtige, und gerade mal drei junge Leute haben in den letzten fünf Jahren die Hotelschule in Passugg besucht. Das spricht nicht für die Verbreitung des Gastgeber-Gens.

Die Regionalentwicklung setzt aber weiterhin auf Tourismus und lancierte vor zwei Jahren ein Konzept «Naturpark Rätikon». Ein Schierser Bergführer meint trocken zu solchen Ideen von «oben»: «Es ist einfach: Die Hochschulen produzieren Touristiker und die brauchen Arbeit.» Und Lotti Patt aus dem Schanfigg fragt sich: «Braucht es das wirklich? Wenn man will, kann man doch das alles schon jetzt realisieren.» Im Appenzeller Alpsteingebiet wird das seit 50 Jahren erfolgreich realisiert. Die Wirte haben die Entwicklung selber an die Hand genommen und leben prächtig.

Der Naturpark Rätikon wird pro Jahr 1,5 Millionen kosten. «Aber so lange es nichts kostet, machen wir mit», sagt ein Gemeindevertreter hinter vorgehaltener Hand. Das Binntal oder der Chasseral haben ihre Naturpärke. Mit der Nähe zu den Zentren Rheintal und Zürich hat das Prättigau aber andere Chancen, es ist eine Wohn- und Arbeitsregion mit Naherholungsgebieten geworden.

Drei Fragen an:

Marianne Flury-Lietha, Gemeindepräsidentin Fideris

1. Wie wichtig ist der Tourismus für das mittlere Prättigau heute?

Sehr wichtig, doch vieles liegt brach. Es fehlt an der Infrastruktur, zum Beispiel an Hotels und Restaurants. Vielleicht kommt jetzt mit dem Projekt «Naturpark Rätikon» etwas Schwung in die Sache. Für solch touristische Projekte stehen auch Fördergelder zur Verfügung.

2. Mit den Heubergen verfügt Fideris über ein kleines Skigebiet mit Buszubringern. Ist die Erschliessung mit einer Bahn definitiv begraben?

Das war in den letzten 20 Jahren nie mehr ein Thema.

3. Wie geht es dem Mittelprättigau heute?

Dank dem Finanzausgleich stehen wir als Gemeinde heute besser da als vor ein paar Jahren. Wir haben aber ein sehr grosses Industriegebiet, das seit 20 Jahren brach liegt. Wahrscheinlich sind wir zu abgelegen, viele Firmen suchen eher die Nähe zu anderen Unternehmungen, und uns fehlt das Know-how für die Akquisition von Grossfirmen. Wir erhoffen uns Unterstützung von der Regionalentwicklung und vom Kanton.

Loni Patt, Arbeitsgruppe «für ds Fondei», Langwies

1. Vor mehr als 20 Jahren haben Sie den Widerstand gegen ein Skigebiet im Fondei organisiert. Was ist Ihre Aufgabe heute?

Wir bleiben wachsam und warten ab, ob die Perimeter für die Moorgebiete so eingetragen werden, wie das 2008 abgemacht wurde. Zurzeit läuft die Vernehmlassung des Kantons.

2. Sie stehen ein für einen sanften Tourismus im Fondei, was ist das konkret?

Das intakte Hochtal zieht vor allem Wanderer, Biker und Skitourengänger an. Im Sommer bieten wir in Strassberg seit einigen Jahren verschiedene Veranstaltungen an. Wir möchten bewusst keinen alpinen Rummel.

3. Die heutigen Fondeier Bauern fahren ihr Heu wie überall mit dem Ladewagen ins Tal. Was passiert mit den ungenutzten Gaden und Ställen im Fondei?

Wo mehr als fünf Häuser stehen, gilt das als Erhaltungszone, und da dürfen die Ställe ausgebaut werden. Ja, es sind einige frei stehende Ställe zusammengefallen, und die wurden weggeräumt. Etliche werden immer noch für das Ausfuttern oder als Remise benützt. Im Fondei gibt es aber auch noch einige Bauernfamilien, die wie früher zum Heuet ins Maiensäss ziehen und dort den Sommer verbringen.

 

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