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«Wir sind für die Europäer attraktiver geworden»

Die Aussichten für den Wintertourismus hellen sich auf. Schweiz-Tourismus-Direktor Jürg Schmid verbreitet zum Abschied Zuversicht. Zugleich warnt er: Die Branche müsse profitabler werden.

Stefan
Schmid
08.11.17 - 15:22 Uhr
Tourismus
Optimistisch: Jürg Schmid an seiner letzten Medienkonferenz für Schweiz Tourismus.
Optimistisch: Jürg Schmid an seiner letzten Medienkonferenz für Schweiz Tourismus.
Bild Keystone

Bei Schweiz Tourismus neigt sich eine Ära dem Ende zu. Seit 18 Jahren ist Jürg Schmid als Direktor der nationalen Marketingorganisation tätig. Er ist damit das personifizierte Aushängeschild des heimischen Fremdenverkehrs. Per Ende Jahr tritt Schmid nun ab; der 55-jährige Betriebsökonom macht sich selbstständig und hat Anfang Oktober bereits das Präsidium von Graubünden Ferien übernommen. An seiner letzten Winter-Medienkonferenz von Schweiz Tourismus, gestern in Zürich, hat «suedostschweiz.ch» mit Schmid nach vorn geschaut: auf den anstehenden Tourismuswinter und auf seine persönliche Zukunft.

Herr Schmid, die Ökonomen des KOF erwarten diesen Winter einen signifikanten Aufschwung im Schweizer Tourismus – die Hotelübernachtungen sollen um über drei Prozent steigen. Wie beurteilen Sie die anstehende Wintersaison?

Alle Rahmenbedingungen – vom Wirtschaftswachstum über die Währungssituation, die gute Konsumentenstimmung bis zu den Frühbucher-Indikatoren – zeigen uns: Dieser Tourismus-Winter wird gut, sofern das Wetter mitspielt. Ich glaube sogar, dass die Umsätze im Tourismus stärker wachsen werden als die Frequenzen, sprich die Logiernächte. Denn mit der verbesserten Konsumentenstimmung steigt auch die Ausgabenbereitschaft der Gäste – da stoppt der Finger weiter unten auf der Weinkarte.

Wie ist die Stimmungslage: Erleichterung, Zuversicht oder gar Euphorie?

Zuversicht, frei von jeder Euphorie. Denn die Zeiten bleiben herausfordernd. Dieser gute Winter wird aber keine «Einsaison-Fliege» sein: Ich bin überzeugt, dass wir einige gute Saisons vor uns haben. Das Momentum hat gedreht. Viele Investitionen der letzten Jahre können sich jetzt entfalten. Das müssen wir aber auch nutzen, um die Profitabilität wieder zu steigern und Investitionsfähigkeit zurückzugewinnen. Das ist langfristig meine grösste Sorge: Wir müssen im Schweizer Tourismus wieder profitabel werden: bei den Bergbahnen und vor allem auch in der Hotellerie.

Was heisst das konkret?

Wir müssen daran arbeiten, dass die Preise wieder auf ein besseres Niveau kommen. Ich bin da zuversichtlich, denn die Hausaufgaben im Schweizer Tourismus wurden gemacht.

Eine ketzerische Frage: Hat erst die Krise der letzten Jahre die Branche gezwungen, ihre Hausaufgaben zu machen?

Zu sagen, man habe vorher nichts gemacht, wäre falsch. Der Strukturwandel im Tourismus hat früher eingesetzt, aber er hat sich durch die Eurokrise beschleunigt. Wenn es härter wird, müssen sich auch die Kooperations-Unwilligen bewegen – das ist passiert.

Sehen wir bereits einen «Euro-Effekt», nachdem sich der Franken diesen Sommer zum Euro klar abgeschwächt hat?

Die deutlichen Zuwächse im vergangenen Sommer und Herbst waren nicht dem «Euro-Effekt» geschuldet. Diesen Winter werden wir ihn aber spüren.

Rechnen Sie denn mit einer Rückkehr der europäischen Gäste im grossen Stil?

Nein, das wäre zu optimistisch. Aber der Schweizer Winter ist für europäische Gäste innert eines Jahres alles in allem zwölf bis 15 Prozent günstiger und damit attraktiver geworden. Durch die Frankenaufwertung, durch sinkende Preise und Zusatzleistungen. Darum werden die Gästezahlen tendenziell steigen. Dass wir uns mittelfristig plus zehn bis 15 Prozent im Europa-Geschäft zurück erkämpfen werden, erachte ich als realistisch. Das Niveau zu erreichen, das wir bei einem Wechselkurs von 1.50/1.60 zum Euro hatten, dürfte aber ein sehr langer und steiniger Weg werden.

Für Schlagzeilen sorgt die Rabattpolitik einiger Schweizer Bergbahnen. Sonderaktionen und dynamische Preissysteme sollen mehr Gäste auf die Pisten bringen. Zahlt sich das aus oder kannibalisiert sich hier die Branche selber?

Das ist schwierig abzuschätzen. Ich betrachte die Entwicklung ein wenig mit Sorgen. Denn wir kennen die Preiselastizität nicht – also, wie sich das Nachfrageverhalten bei sinkenden Preisen verändert. Ziel jeder Bergbahn, die ihre Preise senkt, ist es, mehr Gäste zu gewinnen. Und zwar so viele mehr, dass sie Ende Saison zumindest gleich viel oder idealerweise mehr Geld in der Kasse hat. Das kann aber nicht für alle Bergbahnen aufgehen. Wenn alle Bahnen in der Schweiz ihre Preise drastisch senken, führt das nicht zu einem Multiplikator-Effekt bei den Skifahrern. Der Kuchen wird ja nicht derart grösser. Wir werden diesen Winter viel lernen. Und ich bin überzeugt, dass einige Rezepte im nächsten Winter nicht mehr angewendet werden. Aber welche, weiss ich noch nicht (lacht).

Nach 18 Jahren an der Spitze von Schweiz Tourismus war das Ihre letzte Winter-Medienkonferenz. Schwingt da auch etwas Wehmut mit?

Eindeutig. Wenn man nach 18 Jahren die Tür schliessen würde, als wenn nichts wäre, dann hat es an Identifikation gefehlt. Ich habe diese Aufgabe, die Marke Schweiz in die Welt hinauszutragen, mit Leidenschaft gemacht. Aber die Vorfreude auf das Kapitel der beruflichen Selbstständigkeit und auf meine neue Aufgabe in Graubünden überwiegt.

Sie haben es angesprochen: Seit Anfang Oktober sind Sie als Präsident von Graubünden Ferien tätig. Gibt es keinen Interessenkonflikt mit der Doppelrolle bei Schweiz Tourismus und Ihrem neuen Engagement in Graubünden?

Nein. Ich habe ja bereits nächste Woche meinen letzten vollen Arbeitstag bei Schweiz Tourismus – dann beziehe ich noch Ferien. Diese Phase der Überlappung ist also sehr kurz. Zudem ist es eine Phase der Einarbeitung: Ich besuche alle Bündner Destinationen, suche den Dialog und erst dann folgt die Strategiephase.

Worauf legen Sie zuerst Ihren Fokus?

Dafür ist es noch zu früh. Ich möchte zuerst genau hinschauen und genau zuhören. Erst anschliessend möchte ich vorangehen und Akzente setzen. Was ich jetzt schon sagen kann: Die Strategie von Graubünden Ferien ist überzeugend und das Team sehr engagiert.

 

Schweiz Tourismus setzt auf Zusatzangebote

Die neue Winterkampagne von Schweiz Tourismus, die gestern in Zürich vorgestellt wurde, stellt den Mehrwert von Ferien in der Schweiz für den Gast in den Mittelpunkt. «Upgrade Your Winter» heisst sie: Sie umfasst ein Investitionsvolumen von rund 20 Millionen Franken sowie 1112 Marketingaktivitäten in 22 Märkten. Teil dieses «aufgebesserten Winters» ist unter anderem das Angebot «Upgrade Your Ski Day»: Hierbei können Besitzer einer gültigen Ski-Tageskarte bereits am Vortag ab 15 Uhr gratis auf den Gipfel. «Das ist einzigartig im Alpenraum», sagt Schweiz-Tourismus-Direktor Jürg Schmid. «Die Gäste können entspannt anreisen, schon kurz nach der Ankunft ein paar Schwünge machen und den Nachmittag geniessen. Das ist ein riesiger Mehrwert.» Bei der Aktion dabei sind schweizweit 30 Skigebiete. Mehr als ein Dutzend davon aus dem Raum Südostschweiz: Flims/Laax, Obersaxen Mundaun, Pradaschier, Savognin, Scuol, Grüsch-Danusa, Disentis, Bivio, Feldis, Hochwang, Braunwald, Amden, Malbun sowie Andermatt-Sedrun. Als weitere Zusatzleistungen bieten alle Schweizer Skischulen diesen Winter neu einen dreitägigen Skikurs mit Erfolgsgarantie an. Jeder Anfänger oder jede Wiedereinsteigerin soll danach eine blaue Piste bewältigen können. Schliesslich erweitert Schweiz Mobil sein Angebot. Ab dem 1. Dezember sind auf der Internet-Plattform neben Wander-, Bike-, Skating- und Kanurouten auch Karten abrufbar, die Winterwanderwege, Schneeschuh-Trails, Langlaufloipen und Schlittelpisten aufzeigen. 
 

Stefan Schmid ist Leiter Wirtschaft der gemeinsamen Redaktion der Zeitung «Südostschweiz» und der Website «suedostschweiz.ch». Mehr Infos

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SO schreibt:
"Per Ende Jahr tritt Schmid nun ab; der 55-jährige Betriebsökonom macht sich selbstständig und hat Anfang Oktober bereits das Präsidium von Graubünden Ferien übernommen."
Dass sich Jürg Schmid bei Schweiz Tourismus dermassen viel "Honorar" zuschanzte, dass der Bundesrat (mit einiger Verspätung, denn offenbar merkte er es erst gar nicht) ihn quasi zurückpfeifen musste, lässt verschiedene Vermutungen zu:
https://www.blick.ch/news/wirtschaft/425000-franken-salaer-weil-der-bun…
Ist Jürg Schmid zu sehr auf seinen Verdienst fixiert? Ist die Arbeit auf diesem Posten derart aufzehrend, dass diese Saläre angemessen wären?
Wäre letzteres der Fall, müsste man aber umso mehr fragen, wieso er dann drei Monate vor Dienstschluss (ist es nicht besonders verantwortungsvoll-aufwendig, den ST-Nachfolger maximal vorbereitend einzuarbeiten?) bereits den Präsidentenposten bei GRF einnehmen darf/kann, denn auch der ist doch - nach x-Jahren der GR-Tourismus-Krisen - sehr, sehr anspruchsvoll***?
Allerdings:
Mehr als Plattitüden vernahm ich auch von ihm noch nicht. Man könnte fast meinen, es geht bei GRF eher so weiter wie bisher auf der nach unten offenen Richterskala.
***) UND: Sogar die Präsidentschaft bei GRF ist "bloss" ein Nebenmandat, denn zur Hauptsache machte sich Schmid "Selbständig mit einer eigenen Marketingorganisation":
Zitat aus St. Galler Tagblatt 17.5.2017):
"Schmid macht sich selbstständig. Schweiz Tourismus bestätigte Informationen, welche die "Südostschweiz" bekannt machte. Demnach wird Schmid eine eigene Marketingorganisation führen. Er wird offenbar auch Präsident von Graubünden Ferien, ein Mandat, welches er als eines unter wenigen angenommen habe."
Dass Marcel Friberg, den ich seit jeher für unqualifiziert halte, seinen Nachfolger Jürg Schmid mit Lob überschüttet (und SO-Journalist Olivier Berger Marcel Friberg mit Lob überschüttet) - passt das nicht alles wie die Faust aufs Auge derer, die unter GR-Schilda leiden?
BILANZ 16.5.2017:
"Der abtretende Graubünden Ferien-Präsident Marcel Friberg freut sich über «eine supergute Lösung» (Schmid).

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