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Martin-Rios-Strasse: Der Spatenstich kann kommen

Es ist unmöglich nachzuvollziehen, wie sich die Curler Martin Rios und Jenny Perret gerade fühlen – ausser man hat das Gleiche erlebt wie sie. Wie die ehemaligen Olympia-Medaillen-Gewinner aus dem Glarnerland.

Südostschweiz
Mittwoch, 14. Februar 2018, 10:17 Uhr Olympia-Medaillen-Gewinner

Von Olga Shostak

In den sozialen Netzwerken werden Martin Rios und Jenny Perret derzeit für ihre Silbermedaille gefeiert. Dass die beiden vom kanadischen Gegnerteam 10:3 besiegt wurden, trübt die Freude der Schweizer Sportfans nicht gross.

Valeria Spälty vermutet aber, dass den Glarner Curlern in Pyeongchang gerade nicht zum Feiern zumute ist. Auch sie hat vor zwölf Jahren an den Olympischen Spielen in Turin beim Curling eine Silbermedaille geholt. «Gestern Mittag habe ich mit Martin mitgelitten. Ich hätte ihm den Sieg wirklich gegönnt.» Alle Emotionen seien zurückgekehrt, und sie habe sich gleich gefühlt wie damals in Turin. «Fakt ist, das Halbfinale haben wir damals gewonnen. Das Finale jedoch verloren. Es ist sicher gut gemeint, wenn man Martin jetzt aufmuntern will. Doch das Resultat ändert sich deswegen nicht», sagt sie.

«Es ist sicher gut gemeint, wenn man Martin jetzt aufmuntern will. Doch das Resultat ändert sich deswegen nicht.»

Man fühle sich aber nur am Anfang so. Damals in Turin fand die Medaillenzeremonie zwei Tage nach dem Wettkampf statt. Und die Welt sah wieder besser aus: «Unser Frust war bei der Zeremonie verflogen», erzählt Spälty. Sie sei sogar froh gewesen, dass die Medaille erst später verliehen wurde. «Nach dem letzten Spiel haben ich und mein Team geweint. Und zwei Tage später auf dem Podest strahlten wir vor Freude.»

Wenn Träume wahr werden

Auch Ekkehard Fasser kann sich in die Lage von Rios und Perret versetzen. Der Glarner nahm 1988 in Calgary im Viererbob an den Olympischen Spielen teil und holte mit seinem Team die Goldmedaille. «Die beiden sind im Moment vermutlich enttäuscht.» Dies sei aber ein Irrtum, dessen sie sich bald bewusst würden, meint er: «Eine Silbermedaille ist irrsinnig gut, und ich bin stolz, dass sie bis ins Final gekommen sind.» Für Fasser selbst sei es ein unbeschreiblicher Moment gewesen, als er vor 30 Jahren Olympia gewonnen habe. «Plötzlich hat man alles erreicht, worauf man immer hingearbeitet hat», sagt er.

Ähnlich sieht es bei Jan Hauser aus. Der Glarner Curler kämpfte 2010 in Vancouver um eine Olympiamedaille. Es reichte für Bronze, womit auch sein langjähriger Traum in Erfüllung ging. Seine Freude über den dritten Platz war gross. Er vermutet ebenfalls, dass Rios momentan Mühe haben wird, mit seinen Gefühlen klarzukommen. Und im Gegensatz zu Spälty versucht er es mit aufmunternden Worten: «Ich kenne Martin gut. Er muss jetzt versuchen, das Finale möglichst schnell zu vergessen und sich über die Silbermedaille freuen.»

Wie es sich nach Olympia lebt

Der ehemalige Bobfahrer Fasser relativiert die Bedeutung von Olympia: «Der Sieg hat mein Leben überhaupt nicht verändert. Man sollte die Olympischen Spiele nicht überbewerten.» Für ihn sei sie einer Europa- oder Weltmeisterschaft gleichzustellen. Das seien alles Wettkämpfe, und darum gehe es schliesslich. Heute werde er selten auf seinen Sieg angesprochen, doch: «Wenn ich die Menschen treffe, die damals bei mir waren, dann erinnern wir uns gern an diese Zeit zurück.»

Für Spälty und Hauser war Olympia hingegen ein prägendes Ereignis, das ihr Leben auf verschiedene Weisen beeinflusst hat. Spälty etwa konnte dank Olympia viele Sportler und Politiker kennenlernen, zu denen sie sonst keinen Zugang gehabt hätte. Auch das Medieninteresse sei enorm gross gewesen. Zwar habe es mit der Zeit abgenommen, sie werde aber immer noch auf ihre Medaille angesprochen.

Hauser habe von Olympia gar menschlich und geschäftlich profitiert. «Die zwischenmenschlichen Erfahrungen, welche ich dank Olympia gemacht habe, beeinflussen mein Privatleben.» Damit spricht er beispielsweise den Teamgeist an, der ihn mental stärker gemacht habe.

Jetzt kann nur die Zeit helfen

«Ich wollte Rios eine Whatsapp-Nachricht schicken, doch ich wusste nicht, was ich schreiben soll», erzählt Spälty. Denn alles, was man jetzt sage, nütze nichts. Sie wisse, wie lange Rios auf diesen Moment hingearbeitet habe. Man denke nur an die unzähligen Stunden auf dem Eis. «Martin braucht jetzt einfach Zeit, um das Geschehene zu verarbeiten.»

Spälty erinnert sich heute mit einem guten Gefühl an ihre Olympia-Zeit zurück, was auch mit ihrer Rückkehr ins Glarnerland zu tun hat. «Der Empfang in Glarus war ergreifend. Sogar eine Strasse in Riedern wurde nach mir benannt.» Für sie steht fest: «Auch Rios, der auch aus Riedern kommt, soll seine Strasse bekommen.»

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