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Schweizerinnen unterliegen in der Verlängerung

Das Schweizer Unihockey-Nationalteam der Frauen verpasst an der Heim-WM in Neuenburg den Titel hauchdünn.

Südostschweiz
Sonntag, 15. Dezember 2019, 19:10 Uhr Unihockey
Lara Heini hielt ihr Team im Final gegen Schweden im Spiel
Lara Heini hielt ihr Team im Final gegen Schweden im Spiel
KEYSTONE/SALVATORE DI NOLFI

Mit ihrem famosen Comeback im Halbfinal gegen Tschechien vom 2:6 zum 6:6 in den letzten zwei Minuten und dem erfolgreichen Widerstand gegen die Dominatorinnen aus Schweden bis in die Verlängerung des Finals machten die Schweizerinnen an der Unihockey-WM in Neuenburg Werbung für ihren Sport. Daniel Bareiss, der Zentralpräsident von Swiss Unihockey, spricht auch darum trotz des ausgebliebenen Happy Ends von einem erfolgreichen Heimturnier. Ein paar altbekannte Baustellen bleiben aber: Nach wie vor ist die Vereinbarung von Spitzensport und Beruf ein Drahtseilakt und besteht hinter den vier führenden Nationen eine Kluft.

Herr Bareiss, das Nationalteam der Frauen zeigte ein wundersames Comeback und zwang den Serienweltmeister in die Verlängerung. Die Krönung blieb aber aus. Was überwiegt, die Enttäuschung über die knappe Finalniederlage oder die Freude über das Gebotene?

«Was ich im letzten Jahr gesehen habe von dieser Mannschaft - das Engagement, die Bereitschaft und der Zusammenhalt -, das macht mich unglaublich stolz. Ich empfinde tiefsten Respekt für die Frauen und das, was sie geleistet und vollbracht haben und kann aus voller Überzeugung sagen: Wir haben Silber gewonnen und nicht Gold verloren. Ich bin sicher, dass keiner der 3800 Zuschauer im Stadion am Samstag mit Anbruch der letzten zwei Spielminuten gegen Tschechien noch an die Schweizerinnen geglaubt hat. Was dann kam, waren Emotionen pur. Zum ersten Mal überhaupt habe ich vor Freude geheult. Diese zwei Minuten gaben mir alles zurück, was ich in 37 Jahren für diesen Sport gemacht habe. Ich kann mir vorstellen, dass wir viele Sympathien gewonnen haben in der Bevölkerung, auch in der Westschweiz.»

Das Team zeichnete nebst einer guten Fitness ein Spirit aus, der die Wende gegen Tschechien und den späten Ausgleich gegen Schweden erst ermöglicht hat. Wie nahmen Sie diesen wahr?

«Vieles hängt von einzelnen Charakteren in einer Mannschaft ab. Wir haben in diesem Team Persönlichkeiten mit der Gabe, die anderen mitzuziehen und eine Dynamik zu entfachen. Auch in der Zusammensetzung des Staffs passte alles. Die Frage nach der Nachhaltigkeit stellt sich natürlich immer, wenn eine oder vielleicht sogar zwei, drei solcher Figuren aufhören. Für uns von Verbands- und Vereinsseite gilt es, den Geist von Neuenburg mitzunehmen. Schaffen wir das, dann bin ich überzeugt, dass es gelingt. Ich sah an dieser WM nämlich nicht das 'Wunder von Neuenburg', sondern den 'Geist von Neuenburg'. Dieser begann schon von einem Jahr mit der intensivierten Vorbereitung zu gedeihen.»

Die Analyse der letzten WM vor zwei Jahren (3. Platz) ergab, dass die Schweizerinnen auch im mentalen Bereich Verbesserungspotenzial hatten. Nun zeichnete sie genau die mentale Stärke aus. Wie gross war der Einfluss des Mentaltrainers, der die Mannschaft durch die letzten Monate und auch am Turnier begleitet hat?

«Auch er war ein Puzzleteil, das genau passte. Sein Zusammenspiel mit dem Trainerteam, den Persönlichkeiten im Team und denjenigen, die das Coaching eher nötig hatten, funktionierte perfekt.»

Sie sind dem Unihockeysport seit vielen Jahren verbunden und stehen dem aktuellen Nationalteam nahe. Kann es regelmässig gelingen, Nationalteams auf so ein Level zu bringen oder braucht es für solche Efforts eine Heim-WM und die damit einhergehenden zusätzlichen Mittel?

«Was die Frauen vor dieser WM geleistet haben, kannst du nicht immer erwarten. Stand jetzt ist es also utopisch. Es gilt ein Konzept zu entwickeln, das es ermöglicht. Der Schritt zur Semi-Professionalität ist eine der Herausforderungen, die wir angehen wollen. Uns allen ist klar, dass man nicht jeden Tag oder fünfmal die Woche trainieren kann, wenn man nebenbei noch 100 Prozent arbeitet.»

Was ziehen Sie, über den sportlichen Aspekt hinaus betrachtet, für ein WM-Fazit?

«Mein Eindruck sagt mir, dass es eine erfolgreiche WM war. Zwar fehlt mir so kurz nach dem Turnier und dem Final noch die Distanz, für mich war es aber beste Werbung. Wir haben erreicht, was wir uns vorgenommen haben: Wir zeigten attraktiven, sympathischen Unihockeysport in der Westschweiz und erhöhten unseren Bekanntheitsgrad. Wir machten die Romandie auf uns aufmerksam und zeigten dem ganzen Land, wie attraktiv unser Sport ist. Auch machten die Organisatoren und all die Helfer einen super Job. Ob der Effekt nachhaltig ist, wird sich erst in drei oder fünf Jahren zeigen. Bereits jetzt ist aber klar, dass die Männer-WM 2022 in Zürich und Winterthur noch einmal für uns ungewohnte neue Dimensionen erreicht.»

Auch dieses Mal war es so, dass das Turnier für die vier führenden Nationen quasi erst am Finalwochenende richtig losging. Welche Entwicklung nehmen Sie hierbei wahr?

«Das Gefälle ist eine Herausforderung und auch einer der Strategiepunkte beim internationalen Unihockey-Vserband. Ich sah in dieser WM, dass der Graben zwischen Rang 4 und 5 immer noch gross ist. Ich nahm zur Kenntnis, dass sich im asiatischen Raum etwas tut und die asiatischen Verbände Boden gutgemacht haben auf jene Nationen zwischen Platz 7 und 12. Ich sah aber auch, dass wir es auch in zwölf Jahren nicht geschafft haben, in Ländern wie Lettland, Norwegen, Dänemark und Deutschland etwas Grösseres anzustossen. Wir sind auf einem guten Weg, aber noch lange nicht da, wo wir hinwollen. Es braucht Zeit und bräuchte natürlich auch Geld.»

Nach der Partie erklärte die Churerin Seraina Ulber unter Tränen, dass dies ihr letzter Einsatz für das Nationalteam war. Auch Katrin Zwinggi beendet ihr Engagement für das Nationalteam.

Final: Schweden - Schweiz 3:2 (1:1, 1:0, 0:1, 1:0) n.V. – Um Platz 3: Finnland - Tschechien 5:4 (1:0, 0:3, 3:1, 1:0) nach Verlängerung.
(sda/so)

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