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Die Schweizer Speedfahrer im Check

Beat Feuz braucht nicht viel Training, um der Schnellste zu sein, Mauro Caviezel nähert sich dem ersten Sieg, Niels Hintermann überrascht in der Vorbereitung: Die Speedfahrer von Swiss-Ski im Check.

Agentur
sda
Freitag, 29. November 2019, 05:00 Uhr Ski alpin

Beat Feuz: The Special One

Es gibt Ausnahmekönner wie Cristiano Ronaldo, Rafael Nadal und Marcel Hirscher - harte Arbeiter, die sich auch mit eiserner Disziplin vom Rest abheb(t)en. Und es gibt herausragende Athleten wie Lionel Messi, Roger Federer und Beat Feuz - Sonderfälle, Genies ihres Fachs. Ihnen scheint vieles in die Wiege gelegt. Messi soll sich lange ungesund ernährt haben und wurde nie im Kraftraum gesehen. Federer verliert seine Souplesse auch dann nicht, wenn er den Schläger länger nicht geschwungen hat. Und Feuz ist der beste Abfahrer, obwohl er wegen seinem elffach operierten Knie weniger trainiert als die Konkurrenten. Seine Instinkte trugen ihn in den letzten beiden Saisons zum Gewinn zweier kleiner Kristallkugeln. Es wäre eine Überraschung, würde Feuz in diesem Winter nicht erneut zuvorderst mitmischen. War der 32-jährige Emmentaler in der Vorbereitung im Training der Schweizer dabei, setzte er wiederum den Massstab.

Mauro Caviezel: Gekommen, um zu bleiben

Mehrere schwere Verletzungen verkomplizierten seinen Vorstoss an die Weltspitze. Mit Verzögerung ist er oben angekommen, wie die vier Podestplätze und Platz 3 in der Super-G-Wertung in der letzten Saison belegen. Noch fehlt ihm ein Sieg, nach der reibungslosen Vorbereitung scheint dieser aber realistisch. Im Schweizer Team ist Caviezel im Super-G die Nummer 1 und in der Abfahrt die Nummer 2. Auch dank Optimierungen am Material erhofft sich der 31-jährige Bündner mehr Konstanz auf höchstem Niveau. Wegen Abstimmungsproblemen hatte er im letzten Winter dann Probleme, wenn es besonders eisig war.

Carlo Janka: Der Rücken als Bremsklotz

Mit 24 Jahren war er Olympiasieger, Weltmeister und Gewinner des Gesamtweltcups. Mit 33 ist er ein vom Körper ausgebremster Patient. Im langen Kampf um die Rückkehr an die Spitze beschritt Janka schon viele Wege, auch in Sachen Ernährung. Für eine reinigende Darmkur opferte er in der Zwischensaison mehrere Kilos, die er mit intensivem Krafttraining wieder dazugewann. Dem Sommer mass er eine besondere Bedeutung zu. Er befand sich dann auf einem verheissungsvollen Weg - bis er das Krafttraining zu sehr forcierte. Weil die Rückenprobleme wieder auftraten, sagt er: «Hausaufgaben nur halb erfüllt.» Künftig will sich der Bündner in Bezug auf die Belastungsdosierung vermehrt an Feuz orientieren. Der Schweizer Cheftrainer Tom Stauffer sagt über Janka: «Wäre er komplett fit, würde er sofort wieder zu den Allerbesten gehören.»

Niels Hintermann: Der Fortgeschrittene

Der Zürcher Unterländer, 2017 sensationeller Sieger der Kombination von Wengen, überzeugte in der Vorbereitung. Er habe grosse technische und mentale Fortschritte gemacht, heisst es von Trainerseite. Die positive Entwicklung schreibt Hintermann auch den zusätzlichen Riesenslalom-Trainings zu. Die Schulterverletzung, die ihn die Saison 2017/18 kostete, ist komplett verheilt, der im letzten März erlittene Bruch der Speiche an der Hand behindert ihn nicht mehr. Der 24-Jährige könnte für die eine oder andere Überraschung sorgen.

Gilles Roulin: Selbst-Optimierer

Gilles Roulin ist in vielerlei Hinsicht anders. Der 25-Jährige ist extrem diszipliniert, steht vor dem Bachelor-Abschluss seines Jus-Studiums im Januar und isst seit drei Jahren vegetarisch. Er betreibt Yoga und hat sich einst als Solist über den Europacup ins Nationalkader zurückgekämpft. Vor der letzten Saison schüttelte ihn der Tod seines langjährigen Gefährten Gian Luca Barandun durch. Nach durchzogenem Beginn und Materialproblemen fing er sich. Nun will er wieder regelmässig in die Top 15 fahren und hofft auf seinen ersten Podestplatz. Dass der neue Speedtrainer Reto Nydegger den Dialog mit den Athleten aktiver sucht als sein Vorgänger Andy Evers, kommt dem Denker Roulin entgegen.

Marc Gisin: Auf schmalem Grat

Der baumlange Engelberger macht nach seinem Horror-Sturz in Val Gardena im Dezember letzten Jahres, dem zweiten folgenschweren seiner Karriere nach Kitzbühel 2015, eine schwierige Zeit durch. Die Verletzungen sind verheilt, mental ist der smarte 31-Jährige verunsichert. «Der Kopf will, der Körper ist blockiert», sagt Gisin. Sein Start in Lake Louise ist ungewiss. Die Trainer und er selbst geben sich die nötige Zeit. «Ich muss die Signale respektieren. Ich gehe auf einem schmalen Grat», weiss Gisin.

Marco Odermatt: Jung und reif

Marco Odermatt sieht sich noch als Riesenslalom- und Super-G-Fahrer. Das Ausnahmetalent kann aber auch Abfahrt. Carlo Janka sagt, man müsse aufpassen, dass man den Jungen nicht verheizt. Die Gefahr scheint indes nicht zu bestehen. Mit 22 Jahren besticht der Nidwaldner durch Reife. Er ist selbstbewusst und selbstbestimmt. Und klug genug, die Dinge nicht zu überstürzen. Odermatt braucht keinen, der ihn führt. «Ich höre mir verschiedene Meinungen an und bilde mir dann meine eigene», sagt er, als wäre es das Selbstverständlichste. Weil er in der Vorbereitung nie mit den Speed-Gruppen trainierte, hat er keine teaminternen Referenzen. Sein bemerkenswerter Satz dazu lautet: «Ich fahre nicht gegen die Teamkollegen, sondern gegen die Welt.» Die Aussage klingt aus seinem Mund nicht arrogant. Nur selbstbewusst.

In Lake Louise komplettieren Urs Kryenbühl, Lars Rösti, Nils Mani, Thomas Tumler, Stefan Rogentin und Ralph Weber komplettieren das Schweizer Aufgebot. Das Sextett könnte mehr als Beilage sein. Wenn Beat Feuz sagt, im Super-G gebe es hinter Mauro Caviezel mehrere Fahrer im Team, die für gute Ergebnisse sorgen können, meint er damit auch den Riesenslalom- und Super-G-Spezialisten Tumler und Kryenbühl. Mani sicherte sich einen fixen Startplatz im Weltcup mit Platz 1 in der Europacup-Abfahrtswertung, Rogentin mit Platz 2 im Super-G. Der 21-jährige Berner Rösti kürte sich im Februar zum Junioren-Weltmeister in der Abfahrt.

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