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Marcel Hirschers Team: 50 Prozent des Erfolges

Marcel Hirscher bleibt Slalom-Weltmeister. Der Österreicher legt in Are die Basis zur erfolgreichen Titelverteidigung mit einer grandiosen Leistung im ersten Lauf.

Agentur
sda
Montag, 18. Februar 2019, 02:00 Uhr Ski alpin
Marcel Hirscher - in Are zum dritten Mal Slalom-Weltmeister geworden
Marcel Hirscher - in Are zum dritten Mal Slalom-Weltmeister geworden
KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Was sind für Marcel Hirscher schon für Vergleiche herangezogen worden. Ein Ausserirdischer sei er. Oder ein Roboter. Oder eine Maschine. Diese Maschine lief an diesem Sonntag in Are von Beginn weg auf Hochtouren, vom ersten Slalom-Tor an wie frisch geölt. Schwung um Schwung setzte er im ersten Lauf die Ski millimetergenau in den Schnee.

Es schien, als hätte ihm sein Coach Mike Pircher als Kurssetzer Schienen vorgelegt, denen er nur noch nachzufahren brauchte. Die Leichtigkeit, mit der Hirscher seine Arbeit am Morgen verrichtete, und die überlegene Bestzeit liessen diesen Schluss zu. Die Basis zur erfolgreichen Titelverteidigung und dem dritten WM-Gold im Slalom war gelegt, die Vollendung folgte mit einer kontrollierten Fahrt im zweiten Durchgang.

Es war also wie so oft, wenn sich Hirscher rundum wohl fühlt bei der Arbeit, wenn alles passt bei der Abstimmung, diesem entscheidenden Zusammenspiel zwischen Ski, Bindung und Schuh, und wenn ihm seine Physis erlaubt, sein Potenzial abzurufen. Dann ist gegen ihn kein Kraut gewachsen, dann ist er nach wie vor klar der Stärkste. Am Sonntag war Hirscher der Beste eines überragenden ÖSV-Teams, das dank Michael Matt und Marco Schwarz einen Dreifacherfolg feierte. Mit Wucht vertrieben die Slalom-Fahrer die Gefahr einer Alpin-WM ohne Goldmedaille für Österreich. Das Szenario, das sich zum letzten Mal vor 32 Jahren in Crans-Montana zugetragen hatte, wiederholte sich nicht.

Das Team liest ihm von den Lippen ab

Schienen werden sie Hirscher auch in Zukunft nicht auslegen. Sonst aber lesen sie ihm in seinem Team jeden Wunsch von den Lippen ab. «Sie machen fünfzig Prozent meines Erfolges aus», sagt der Salzburger. Sie, das sind neben Pircher Athletik-Coach Gernot Schweizer, Servicemann Thomas Graggaber, Physiotherapeut Josef Percht, Mediensprecher Stefan Illek und natürlich Papa Ferdinand.

Sie alle sind vereint im Streben, Maximales zu leisten, um Hirscher die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen. Das kann auch mal mehr sein als die Arbeit auf der Piste, im Ski- oder im Kraftraum. Da wird auch mal dafür gesorgt, dass der «Chef» mit den richtigen Getreidemischungen fürs Frühstück oder mit Ohrenstöpseln versorgt wird, damit ungestörtes Schlafen im Hotel möglich ist.

Trotz allem Support, trotz höchster Professionalität und grösstmöglichem Aufwand kommt es vor, dass die Maschine Hirscher stottert, dass die einzelnen Systeme nicht wie geplant und erhofft ineinander greifen. Das ist dann der Fall, wenn die Materialabstimmung nicht perfekt den Pistenverhältnissen angepasst ist, wenn sich Hirscher auf den Ski nicht wohl fühlt. Schon Nuancen können dafür verantwortlich sein, Abweichungen im Millimeterbereich. Für den Laien nicht nachvollziehbar.

Die Reaktion als Stärke

In diesem Winter gab es derlei Abweichungen in den Slaloms in Wengen und Kitzbühel. Prompt geriet Hirscher im ersten Durchgang mit verhältnismässig deutlichem Rückstand ins Hintertreffen. Da war seine Crew in besonderem Mass gefordert. Ursachenforschung wurde betrieben, Daten ausgewertet und verglichen. In der Mittagspause herrschte im Team Hirscher Hochbetrieb. Ganz nach vorne in den Ranglisten reichte es dennoch nicht mehr.

Zwei Tage nach dem Slalom am Ganslern-Hang klappte es in Schladming wieder vorzüglich. Das Material passte - und Hirscher war wieder von Anfang an in einer eigenen Welt unterwegs. Es sind diese typischen Merkmale einer erfolgsorientierten Gemeinschaft, auf jeden von der vorgegebenen Linie abweichenden Zustand umgehend reagieren zu können.

Diesbezüglich ist Hirschers Gefolge in der Vergangenheit schon oft gefordert gewesen - in Zeiten, als andere am Thron des Meisters gerüttelt hatten. Es waren die Zeiten, als der Norweger Henrik Kristoffersen in den Slaloms mehrheitlich die Nase vorn gehabt hatte, und die Franzosen, allen voran Alexis Pinturault, Hirscher das Leben im Riesenslalom schwer gemacht hatten.

Die Zeiten sind schon eine Weile her. Die Maschine Hirscher stottert heutzutage nur noch in Ausnahmefällen.

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