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Beat Feuz über Familie, Video-Telefonie und einen Schlüsselmoment

Neues Leben, alte Ziele: Beat Feuz startet in Lake Louise unter veränderten Rahmenbedingungen in den WM-Winter. Am Erfolgshunger änderte die Geburt von Tochter Clea aber nichts, sagt der 31-Jährige.

Agentur
sda
Freitag, 23. November 2018, 04:00 Uhr Ski alpin
Beat Feuz spricht vor dem Saisonstart über sein Familienglück
Beat Feuz spricht vor dem Saisonstart über sein Familienglück
KEYSTONE/MELANIE DUCHENE

Sie sind seit diesem Sommer Vater. Erleben wir jetzt einen anderen Beat Feuz?

«Ich denke nicht und hoffe, dass ich auf der Piste noch der Gleiche bin.»

Wie hat sich Ihr Leben seit der Geburt verändert?

«Vor allem der Tagesablauf ist nicht mehr der gleiche. Ich bin mehr auf Achse, muss flexibler und immer bereit sein. Ich kann dem Kind nicht sagen, wann es schlafen soll, ich muss mich nach ihm richten. Das ist natürlich anstrengend und war zu Beginn gewöhnungsbedürftig. Wir geniessen aber jeden Tag, den wir als Familie haben. Es gibt nichts Schöneres. Wenn es ums Schlafen in der Nacht geht, ist meine Freundin sehr verständnisvoll. Sie weiss, wie wichtig der Schlaf für einen Sportler ist. Ich versuche dafür, sie tagsüber zu unterstützen. Ausserdem schläft die Kleine recht gut - wie meine Freundin und ich früher angeblich auch.»

Die Einstellung zum Sport ist die gleiche geblieben?

«In dieser Hinsicht, so glaube ich, ist alles beim Alten. Mein Ziel ist immer noch, ganz vorne mitzufahren. Und wenn ich keine Lust mehr hätte, wäre ich nicht hier.»

Sie sind zurzeit weit weg von der Familie in Nordamerika. Haben Sie Heimweh und gibt es Momente, in denen Sie das Gefühl haben, zuhause etwas zu verpassen?

«Manchmal schon, beides. Obwohl ich mich auf die Rennen freue, wäre ich am liebsten jeden Tag daheim. Als Vater willst du sehen, was es Neues gibt und was passiert. Zum Glück gibt es Video-Telefonie. Andererseits: Wenn du einen Job im Büro hast, bist du auch jeden Tag von morgens bis abends weg und siehst das Kind nur ein, zwei Stunden. Als Skifahrer bin ich manchmal mehrere Tage weg, dafür dann aber auch länger zuhause. Schwerer fällt mir vor allem das Weggehen. In Europa sieht unser Plan vor, dass die Familie oft dabei ist.»

Marcel Hirscher, der ebenfalls Vater geworden ist, stört sich an der fehlenden Privatsphäre und gibt selbst den Namen seines Sohnes nicht preis. Wie gehen Sie mit dem Interesse an Ihrem Familienleben um?

«Ich hatte bis jetzt noch nie das Problem, dass jemand zu aufdringlich wurde. Ich konnte immer bestimmen, was öffentlich und was privat ist. So bekommen die Leute nur das mit, was ich will. Was ich nicht erzähle, weiss auch niemand. Wie viel man preisgibt, ist jedem selbst überlassen. Bei mir ist es nicht so, dass ich meine Freundin oder meine Tochter bewusst in die Öffentlichkeit rücke, ich verstecke sie aber auch nicht krampfhaft davor. Dass ich eine Person des öffentlichen Lebens bin, ist mir klar. Wenn du da etwas komplett geheim halten willst, fällt der Fokus nur umso mehr auf dieses Thema.»

Ihr linkes Knie bestimmt nach wie vor, wie viel Sie trainieren, wie oft und wie sehr Sie in den Rennen ans Limit gehen können. Wie funktioniert es derzeit?

«Ich bin etwa an einem ähnlichen Punkt wie vor einem Jahr und entsprechend zufrieden. Vielleicht geht es dem Knie sogar eine Spur besser. Klar, ich muss aufpassen und darf nicht kopflos vorpreschen. Ich muss stets auf die Signale hören und die Belastung danach ausrichten. Wie viel drin liegt, variiert von Tag zu Tag. Das macht es oftmals schwierig, weil es sich erst im Nachhinein wirklich bemerkbar macht. Aber mit den Jahren und der Erfahrung lernst du einigermassen, wann du dich zurücknehmen musst. Mittlerweile kann ich auch die guten und schlechten Tage zu einem gewissen Grad steuern - mit Ausnahmen natürlich. Die Vorbereitung auf die neue Saison verlief zufriedenstellen. Zwar trainierte ich etwas weniger auf Schnee und verpasste ein paar Tage krankheitshalber, aber das Knie ist okay. Somit hoffe ich, in der Abfahrt wiederum vorne mitmischen zu können. Im Super-G wird es wohl wieder gute und schlechte Rennen von mir geben. Wirklich einschätzen kann ich es aber nicht.»

Was bereitet am meisten Probleme?

«Etwas vom Schlimmsten ist, stundenlang zu sitzen, mit dem immer gleichen Kniewinkel, vor allem nach dem Sport. Wenn mich jemand beobachtet, wie ich nach einem längeren Flug laufe, ist es richtig peinlich für mich. Auf Überseeflügen geht es ohne Business Class nicht, sonst käme ich ohne Hilfe nicht mehr aus dem Flieger.»

Trotz der seit Jahren reduzierten Umfänge waren Sie letzte Saison die Nummer 1 in der Abfahrt. Talent- oder Kopfsache?

«Ich glaube, der Kopf ist matchentscheidend. Du musst zum Glauben finden, dass du es auch mit weniger kannst, dass mehr nicht unbedingt besser ist. Roger Federer ist so ein Beispiel und bei uns Aksel Svindal. Ein 20-Jähriger könnte das nicht. Es braucht ein Erfolgserlebnis, das dir zeigt, dass es auch mit weniger geht.»

Was war das bei Ihnen?

«Bei mir war es in der Saison 2014/15 in Beaver Creek. Im Dezember wurde ich dort nach meiner langen Verletzungspause im Weltcup mit einer hohen Startnummer Zweiter, obwohl ich zu dieser Zeit einen Bruchteil des Trainingspensums der anderen absolvierte. Zwei Monate später gewann ich an gleicher Stätte als Dritter meine erste WM-Medaille. Momente wie diese überzeugten mich davon, dass zumindest punktuell viel möglich sein kann.»

Letzte Saison waren die Erfolge mit acht Weltcup-Podestplätzen, dem Gewinn des Abfahrts-Weltcups und zwei Olympiamedaillen mehr als punktuell.

«Die letzte Saison kam dem Optimum sehr, sehr nahe. Gefühlt holte ich in jedem Rennen das Maximum heraus. Wenn man bedenkt, wo ich vor bis vor drei, vier Jahren noch war, darf man nicht erwarten, dass das jedes Jahr möglich ist. Auch bin ich mir bewusst, dass es schnell vorbei sein kann. Wenn mit dem linken Knie etwas passiert, könnte es auf der Stelle vorbei sein.»

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