Tscheljabinsk, Moskau, Mailand, Zürich
Abgesagte Weltcuprennen, eine turbulente Heimreise aus Russland – die Schweizer Skicrosser haben wegen des Krieges in der Ukraine hektische Tage hinter sich. Der Prättigauer Joos Berry erzählt.
Abgesagte Weltcuprennen, eine turbulente Heimreise aus Russland – die Schweizer Skicrosser haben wegen des Krieges in der Ukraine hektische Tage hinter sich. Der Prättigauer Joos Berry erzählt.
Die Strapazen lässt er sich nicht anmerken. «Etwas zu trinken?», fragt Joos Berry freundlich, nachdem er die Tür zu seiner Wohnung geöffnet hat. Später lupft er auf der Terrasse die schweren, aus Holzpaletten selbst gebauten Sessel von einem Stapel. Erfüllt geduldig die Wünsche des TV-Kameramanns. Dass der Prättigauer ziemlich turbulente Tage hinter sich hat – daran erinnern bloss die beiden vollen Reisetaschen, die unberührt in einer Ecke des Bürozimmers liegen. «Das kommt dann später dran», sagt Berry.
Reiseodyssee nach Absage
Am Wochenende hätten die Skicrosser im russischen Sunny Valley zwei Weltcuprennen bestreiten sollen. Wie ein Grossteil der Schweizer Delegation war auch Berry direkt von den Olympischen Spielen in Peking nach Russland gereist, bestritt dort die ersten Trainings. Bis sich die Ereignisse überschlugen. Am vergangenen Donnerstag, zwei Tage vor dem ersten von zwei Rennen, startete die russische Armee den Krieg in der Ukraine. Über 2000 Kilometer Luftlinie von der ukrainischen Grenze entfernt zwar – dennoch zog sich aus Protest Nation um Nation zurück. Am Donnerstagabend, wenige Stunden vor der Qualifikation, auch Swiss Ski. Angesichts der Situation «völlig verständlich», sagt Berry, der im vergangenen Jahr in Sunny Valley als Dritter aufs Podest gefahren war. Und doch taten ihm die lokalen Organisatoren leid. «Die Helfer vor Ort haben sich beinahe bei uns entschuldigt, obwohl sie ja auch nichts dafür können.»
Für die Schweizer Delegation begann nach der Absage eine wahre Reiseodyssee. Wegen gesperrter Lufträume ging es von Tscheljabinsk erst nach Moskau (inklusive einer Nacht in speziellen Schlafkajüten am Flughafen), weiter nach Mailand und von dort schliesslich nach Zürich. «Wir waren alle froh, als wir endlich in der Schweiz waren», gibt Berry zu. «Von den Unruhen haben wir zwar nichts mitbekommen. Und doch waren wir etwas nervös.» Kurz nach dem Flug von Moskau nach Mailand sperrten die italienischen Behörden den Luftraum für die russische Gesellschaft Aeroflot.
«Froh, war ich weg»
Berry hat es sich mittlerweile in einem der selbst gebauten Sessel auf der Terrasse bequem gemacht. Die Morgensonne strahlt in sein Gesicht. Peking, Russland – beinahe drei Wochen war der 31-Jährige unterwegs. Eine lange Zeit – erst recht für Berry, der im vergangenen Frühling erstmals Vater geworden ist. «Da wir uns vor meiner Abreise nach China wegen der Gefahr einer Coronaansteckung etwas zurückziehen mussten, war meine Familie wohl nicht unglücklich, als ich endlich weg war», sagt er lachend. «Jetzt sind wir aber alle froh, wieder vereint zu sein.» Logisch, dass die vollen Reisetaschen erst einmal noch in der Ecke warten müssen. Wobei Berry dann doch noch einen Reissverschluss öffnet und einige Erinnerungsstücke an seine erste Olympiateilnahme hervorkramt. Die rot-weissen Klamotten der Schweizer Delegation. Die Zeichnung, die ein chinesisches Kind für ihn gemalt hat. Die Pinsammlung, das Tauschen unter den Athleten ist eine Tradition während den Spielen. «Eigentlich habe ich nicht geplant, da mitzumachen. Aber am Ende hat mich das Fieber doch gepackt», sagt Berry. Überhaupt: Die Stimmung im Olympiadorf, das Miteinander mit Athletinnen und Athleten aus zig Ländern und Sportarten – die Spiele haben es ihm angetan.
Nur sportlich lief es dem zweifachen Weltcupsieger mit Rang 16 nicht wie gewünscht. Schlecht sei seine Leistung nicht gewesen, sagt er. «Aber am Ende zählen bei den Spielen nur die Medaillen.» Eigentlich als starker Starter bekannt, bekundete Berry auf den ersten Metern der Strecke in China Mühe. Beim Start habe man etwas taktieren müssen, um nicht zu viel Tempo aufzunehmen. «Sonst wäre man in den Elementen zu weit geflogen», erklärt Berry, als er seine Fahrt beim Besuch am TV nochmals analysiert. «Das kam mir nicht entgegen.»
Endspurt im Weltcup
Bereits an diesem Wochenende muss Berry seine Taschen wieder packen. In Hoch-Ybrig wird ein neuer Schweizermeister gesucht. Bis Mitte März folgen die letzten beiden Weltcuprennen des Winters. Obschon der Saisonhöhepunkt mit den Olympischen Spielen vorüber ist, hat der Bündner ein klares Ziel im Kopf: der erste Podestplatz der Saison. In den vergangenen drei Jahren schaffte es Berry stets mindestens einmal unter die Top 3. Heuer ist der 4. Platz in Val Thorens seine Bestklassierung.
Übrigens: Die letzten Rennen der Saison finden in Reiteralm (Österreich) und Veysonnaz statt. Eine weitere Reiseodyssee wird kaum mehr auf die Schweizer Skicrosser zukommen.
Roman Michel ist Leiter Sport. Er arbeitet als Sportreporter und -moderator bei TV Südostschweiz. Weiter schreibt er für die gemeinsame Sportredaktion der Zeitung Südostschweiz und suedostschweiz.ch. Roman Michel studierte Journalismus und Organisationskommunikation und arbeitet seit 2017 für die Medienfamilie Südostschweiz. Mehr Infos
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Bereits Abonnent? Dann schnell einloggen.