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Der Sprint, den Pascal Richard nicht verlieren konnte

Auch in seinen kühnsten Träumen hätte sich Pascal Richard ein solch perfektes Szenario nicht vorstellen können: Dass er um die Olympia-Goldmedaille gegen zwei ehemalige Teamkollegen kämpfen würde.

Agentur
sda
Samstag, 25. Juli 2020, 06:00 Uhr Rad
Der Waadtländer Pascal Richard (rechts) sprintet am Dänen Rolf Sörensen vorbei zum Olympiasieg in Atlanta
Der Waadtländer Pascal Richard (rechts) sprintet am Dänen Rolf Sörensen vorbei zum Olympiasieg in Atlanta
KEYSTONE/AP/LIONEL CIRONNEAU

Im Nachhinein lässt sich sagen, dass unter den drei Ausreissern zu Beginn des letzten Kilometers beim olympischen Strassenrennen in Atlanta am 31. Juli 1996 die Karten schon verteilt waren. «Mit mir unterwegs waren Maximilian Sciandri und Rolf Sörensen. Bis im Jahr zuvor waren wir Teamkollegen bei der Formation MG-Technogym von Giancarlo Ferretti», erinnert sich Pascal Richard. «Sciandri war ein sehr guter Finisseur, doch nicht wirklich der, der die grossen Rennen gewann. Für mich war also Sörensen der Fahrer, den es zu schlagen galt.»

Der Plan des kaltblütigen und gerissenen Waadtländers ging auf magistrale Art auf. Erst 30 Meter vor der Ziellinie verliess Richard im packenden Dreiersprint das Hinterrad des Dänen und überholte diesen auf der linken Seite. «Später ist mir zugetragen worden, dass Giancarlo Ferretti vor seinem Bildschirm gesagt hat, als ihm bewusst wurde, dass diese Dreier-Fluchtgruppe die richtige sein würde, ich diesen Sprint gar nicht verlieren konnte», erzählt Richard. «Ein schöner Vertrauensbeweis, nicht wahr?»

Eine Meisterleistung

Als erster Rad-Strassenprofi, der Olympiasieger wurde, war sich Richard der historischen Dimension seines Erfolgs bewusst. Dieser war nur möglich geworden, weil der damalige Präsident des Weltverbands UCI, Hein Verbruggen, die IOC-Mitglieder von der Teilnahme der Radprofis überzeugt hatte. «Am Start in Atlanta standen dann wirklich fast alle der besten Rennfahrer der Topnationen. Ich war zwar oft gegen Verbruggen, aber für die Sommerspiele in Atlanta hat er eine Meisterleistung vollbracht. Die Rennen für die Profis zu öffnen, das war wirklich stark.»

Der olympische Kurs hätte zumindest auf dem Papier auch einem Sprinter günstig gesinnt sein können. Doch Richard, damals 32 Jahre alt und im Frühjahr beim Eintagesklassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich siegreich, durfte echte Ambitionen hegen. «Zudem gewann ich kurz vor den Sommerspielen die zwölfte Etappe der Tour de France», betont der Romand, als wolle er sicher sein, dass seinem Triumph vom 31. Juli 1996 keinesfalls etwas Zufälliges anhaftet. An diesem besagten Tag stimmte einfach alles, auch der Gegenangriff 40 Kilometer vor dem Ziel nach einer zuvor erfolgten Attacke von Lance Armstrong. Der Amerikaner befand sich damals noch in seiner «ersten» Karriere, vor der Krebserkrankung und vor seiner - durch Doping begünstigten - Vorherrschaft bei der Tour de France.

Die Erleuchtung von Bogota

Diese Überzeugung, dass die Strecke in Atlanta gerade auch auf ihn zugeschnitten ist, war bei Richard im Jahr zuvor an der WM in Kolumbien gereift, wo der Spanier Abraham Olano triumphierte. «In Bogota fühlte ich mich sehr stark. Allerdings verlief das Rennen für mich ungünstig. Trotz Pech wurde ich aber noch Fünfter.» Im olympischen Strassenrennen musste Richard auf die Unterstützung von Tony Rominger verzichten. Dieser wollte nur im Zeitfahren antreten. Anstelle von Rominger wurde deshalb der Mountainbike-Spezialist Thomas Frischknecht aufgeboten, damit die Schweiz alle Startplätze besetzen konnte. Von unschätzbarem Wert für den nachmaligen Olympiasieger waren dann insbesondere die unermüdlichen Helfer-Dienste von Rolf Järmann.

Obwohl er auch Quer-Weltmeister, Sieger der Lombardei-Rundfahrt und Gesamtsieger der Tour der Suisse und Tour de Romandie wurde, stellt Richard die Olympia-Goldmedaille über all seine anderen Triumphe. «Dieser Sieg ist im Laufe der Jahre zu meinem schönsten geworden. Er weckt in mir eine gewisse Nostalgie. Ich erinnere mich gerne an die Momente vor dem Rennen und an die Anstrengungen, um sich darauf vorzubereiten. Auch begegne ich oft Menschen, die sich genau an das Datum, diesen 31. Juli 1996, erinnern, und was sie damals getan und wie sie das Rennen verfolgt haben.»

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