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Der grösste Tag in der Geschichte der Leichtathletik

Am 25. Mai 1935 hat die Leichtathletik ihren grössten Tag. In Ann Arbor, Michigan, 60 km westlich von Detroit, zündet Jesse Owens ein Feuerwerk mit einem halben Dutzend Weltrekorden innert 45 Minuten.

Agentur
sda
Montag, 25. Mai 2020, 04:00 Uhr Leichtathletik

Diese Stern-Dreiviertelstunde der Leichtathletik bietet Interpretations-Spielraum, denn bis Ende der Siebzigerjahre akzeptierte der Weltverband Rekorde sowohl im metrischen Einheiten-System als auch in Yards (und Fuss und Zoll), wie im angloamerikanischen Raum heute noch gemessen wird. Deshalb schreibt die Sportgeschichte über den historischen Tag mitunter auch von weniger als sechs Weltrekorden.

So lief der Nachmittag

15.15 Uhr: Jesse Owens siegt über 100 Yards in 9,4 Sekunden. Die Hälfte der sechs Zeitmesser stoppte Owens sogar in 9,3 Sekunden. Mit 9,4 Sekunden egalisierte Owens den Weltrekord; die Marke wurde erst an den Olympischen Spielen 1948 in London verbessert.

15:25 Uhr: Im Weitsprung begnügt sich Jesse Owens (wie übrigens meistens) wegen seines stressigen Programms mit einem Versuch. Owens landet bei 26 Fuss und 81⁄4 Zoll, umgerechnet 8,13 m - der erste Sprung der Geschichte über die 8-m-Marke. Der bisherige Rekord wurde um 16 Zentimeter übertroffen. Owens Marke war so gut, dass seine Bestleistung ein Vierteljahrhundert bestehen blieb und erst an den Sommerspielen 1960 in Rom übertroffen wurde.

15:34 Uhr: Owens gewinnt auch über 220 Yards in Weltrekordzeit von 20,3 Sekunden, verbessert die bisherige Marke um 0,3 Sekunden. 220 Yards entsprechen 201,168 m. Die über 220 Yards gelaufenen Rekorde gelten auch über 200 m. Doppelweltrekord für Owens also, unterboten wurde er erst 14 Jahre später.

16.00 Uhr: Noch ein Doppelweltrekord, aufgestellt allerdings über eine Distanz (220 Yards Hürden), die längst aus dem Programm verschwunden ist. In 22,6 Sekunden (vorher 23,0) sprintete Owens über die Hürden.

Die Augenzeugen

Legenden ranken sich um den legendären Tag. Jesse Owens habe wegen einer Prügelei in der Vorwoche vor den Wettkämpfen kaum gehen können, er sei angeschlagen gewesen, der Coach habe ihm beim Ein- und Aussteigen aus dem Bus helfen müssen. Die «Los Angeles Times» ging der Sache vor Jahren nach und fand Augenzeugen.

Tom Harmon, damals 17, erlebte die Rekordflut auf dem «Ferry Field» als Zuschauer mit. «Es war der Wahnsinn. Immer wieder wurde verkündet: 'Weltrekord, Weltrekord!' Ich denke, Owens hätte noch schneller laufen können. Er lief auf Sieg und nicht auf Zeit.»

Auch Mel Walker, ein Teamkollege von Owens, erinnerte sich gegenüber der Zeitung. «Es waren etwa 5000 Zuschauer vor Ort - die meisten wegen Jesse Owens. Er war damals der einzige Leichtathlet, der die Zuschauer in Massen anzog. Wenn er lief, waren alle ganz still und schauten bewundernd zu.»

Der Ohio-State-Negro

Was Jesse Owens sagte, ist nicht überliefert. Zu der Zeit - und auch ein Jahr später, als er an den Sommerspielen in Berlin mit vier Goldmedaillen Adolf Hitler die ersten neun Tage des Monats August verdarb - war es nicht üblich, dass Journalisten von den Protagonisten Zitate einholten. Schon gar nicht von einem «Ohio State Negro», wie Owens despektierlich in Zeitungen bezeichnet wurde. Erst zwölf Jahre später verhalf Jackie Robinson, der erste schwarze Amerikaner in der Major League Baseball, den Afro-Amerikanern im US-Sport zum sozialen Durchbruch.

Später verdiente Jesse Owens mit Vorlesungen und Erzählungen etwas Geld. Aber seine Zuhörer wollten alles von den Olympischen Spielen in Berlin und nichts über die Dreiviertelstunde von Ann Arbor wissen.

«Hey, ich hasste das auch»

Für Owens endete die Sportler-Karriere trotz der Weltrekorde und der glanzvollen Woche in Berlin nicht mit einem schönen Abschluss. Nach den Sommerspielen zerstritt er sich mit dem amerikanischen Leichtathletikverband. Er wurde gesperrt: 22-jährig, viermaliger Olympiasieger und fertig! Owens lief fortan auf Jahrmärkten gegen Autos und Pferde, um sich und seine Familie durchzuschlagen. Harmon, der Augenzeuge von Ann Arbor, traf Owens nochmals. Harmon: «Ich sagte ihm, wie leid es mir tat, dass für ihn alles so gekommen war.» Dass Owens nur noch gegen Pferde rennen durfte und das sogar tun musste, erachtete Harmon «als Verbrechen an der Menschheit». Owens entgegnete auf Harmons Worte: 'Hey, ich hasste das auch. Aber ich hatte keine andere Wahl. Ich hatte eine Familie durchzubringen." Owens starb mit 66 im Jahr 1980 an Lungenkrebs.

Kein heiliger Rasen

Auch die Sportstätte, auf der Owens 1935 innerhalb von 45 Minuten seine Weltrekord-Serie hinlegte - das «Ferry Field» - geriet in Vergessenheit. Es liegt auf dem Gelände der University of Michigan im Schatten des Michigan Stadium, mit einer Kapazität für 107'601 Zuschauer eines der grössten Stadien der Welt.

Das Ferry Field sollte der heilige Rasen der Leichtathletik sein - stattdessen ist es ein bescheidener, in die Jahre gekommener Sportplatz mit Tartanbahn, Wurf- und Sprunganlagen sowie ein paar mobilen Zuschauerrampen aus Leichtmetall. An einer Ecke steht ein Mäuerchen aus Backsteinen, daran drei Erinnerungstafeln für die in diversen Kriegen gefallenen Studenten der University of Michigan, daneben eine schlichte Plakette im Gedenken an Jesse Owens (1913 - 1980) und den 25. Mai 1935, den «grössten Tag in der Geschichte der Leichtathletik».

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