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Sportarzt Villiger: «Es ist eine Epidemie»

Am Montag hat die europäische Polizeibehörde Europol über eine grosse Anti-Doping-Razzia mit 234 festgenommenen Verdächtigen berichtet. Der in Maienfeld wohnhafte Sportarzt Beat Villiger spricht von einer Doping-Epidemie im Breitensport. Den grossen Churer Fitnesszentren ist die Problematik derweil unbekannt.

Südostschweiz
Dienstag, 09. Juli 2019, 17:29 Uhr Nach Doping-Razzia im Breitensport
Beat Villigier spricht Klartext: «Doping im Breitensport ist ein grosses Problem», so der Sportarzt.
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Insgesamt 3,8 Millionen Dopingpräparate und gefälschte Medikamente sowie 24 Tonnen Steroidpulver sind bei der Anti-Doping-Razzia beschlagnahmt worden, von der Europol am Montag berichtete. Darüber hinaus wurden 234 Verdächtige festgenommen. 

Die Razzia legte ein System offen, in dem sich Hobbyathleten mit Prepaid-Kreditkarten und Kryptowährungen illegale Substanzen in kleinen Mengen kauften. Vieles davon wurde in Fitnessstudios und ungeregelten Online-Apotheken durchgereicht. Dealer nutzten soziale Medien, um ihre Produkte zu bewerben.

Einer, der sich im Feld der verbotenen Substanzen auskennt, ist Sportarzt Beat Villiger. Der in Maienfeld wohnhafte 75-Jährige war jahrelang Klubarzt des HC Davos. Zudem amtete er bei mehreren Olympischen Spielen als Chefarzt der Schweizer Delegation. Gegenüber Radio Südostschweiz hat Villiger über den jüngsten Schlag gegen die Doping-Netzwerke Auskunft gegeben.

Villiger über die Verbreitung von Doping im Breitensport:

«Es ist heute fast das grössere Problem als im Profisport. Aufgrund der Kontrollen an den Landesgrenzen wissen wir, dass der Import solcher Mittel exponentiell zunimmt. Es ist eine Epidemie. Anabolika in verschiedensten Formen ist einfach verfügbar. Man kann sich damit den idealen Körper selbst konstruieren, gerade wenn man es in Kombination mit Appetithemmern und Proteinprodukten einnimmt. Innerhalb weniger Monate kommt man zum idealen Body. Auf der anderen Seite ist man in den Fitnesstudios daran interessiert, dass die Kundschaft rasch an Muskelmasse zulegen kann. So ist ein ganzes Netzwerk entstanden, das eigentlich schon lange bekannt ist. Dass es eine Razzia geben wird, wurde in den letzten sechs Monaten erwartet.»

Villiger über die Ursachen der Entwicklung:

«Studien haben gezeigt, dass der Körperkult dahintersteckt. Die Leute streben nach dem idealen Körper. Das Aussehen ist ein ganz wesentlicher Teil in unserer Gesellschaft. Es wirkt auf die Wahrnehmung beim anderen Geschlecht. Weitere Studien aus den USA haben gezeigt, dass Manager, die muskulös und austrainiert sind, erfolgreicher sind. Die Leistungssteigerung steht beim Hobbysportler an zweiter Stelle. Anabolika wirkt so, dass es den Körper dazu befähigt, viel häufiger zu trainieren und sich schneller zu erholen.»

Anabolika
Anabole Steroide sind synthetische Abkömmlinge des männlichen Sexualhormons Testosteron. Im Sport wird es zum Aufbau und zur Stärkung der Muskulatur eingesetzt. Auch die Ausdauer- und Regenerationsfähigkeit der Muskulatur wird verbessert. Bei längerer Einnahme kann Anabolika zu verschiedenen Nebenwirkungen wie Leberschäden, Nierenversagen, erhöhtem Krebsrisiko, Bluthochdruck, Akne und Aggression führen. Geschlechterspezifisch kommt es bei Frauen zu Vermännlichung (Tiefe Stimme, Körperbehaarung, Klitorisvergrösserung, etc.) und bei Männern zu Impotenz und Brustwachstum.

Villiger über die Auswirkungen des Körperkults auf die Gesellschaft:

«Es ist eine absolute Katastrophe. Ganz wichtig ist, dass sich unsere Werte und Ideale in eine andere Richtung bewegen. Es ist erstrebenswert, dass nicht nur Aussehen und Vermögen zählen, sondern auch andere Dinge. Jedoch: Ich arbeite mit vielen Jungen zusammen. Dort beobachte ich, dass sie wieder eher darauf bedacht sind, ein sinnvolles Leben zu führen. Dies müssen wir unterstützen. Repressive Massnahmen sind zwar notwendig, jedoch sicher nicht die Lösung des Problems.»

Churer Fitnesszentren offenbar nicht betroffen

Wie Villiger ausführte, wird Doping im Breitensport häufig im Zusammenspiel zwischen Kunde und Fitnesszentren betrieben. In den Churer Fitnesszentren «Fitness Tower», «Update» und «Enggist» sieht man sich indes nicht mit Doping konfrontiert. Auf Anfrage gaben die Verantwortlichen der drei Trainingseinrichtungen unisono zu Protokoll, dass ihnen kein Dopingfälle bekannt seien und in ihren Anlagen nicht gedopt werde. (krt)

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