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Gerardo Seoane über die SFV-Auswahl und Halbfinalist Spanien

Gerardo Seoane stellt der Schweizer Nationalmannschaft ein sehr gutes Zeugnis aus. Und den Spaniern traut er - mit einer Einschränkung - noch etwas zu.

Agentur
sda
04.07.21 - 16:00 Uhr
Fussball
Für Gerardo Seoane ist Spanien an der EM nicht der Titelanwärter Nummer 1
Für Gerardo Seoane ist Spanien an der EM nicht der Titelanwärter Nummer 1
KEYSTONE/ANTHONY ANEX

Nicht jeder kann so kompetent die Schweizer Mannschaft und zugleich die spanische Mannschaft bewerten wie der erfolgreiche Trainer Gerardo Seoane, der Luzerner aus spanischem Elternhaus. Der 42-jährige dreifache YB-Meistertrainer und jetzige Coach von Bayer Leverkusen analysiert im Interview mit Keystone-SDA den aufwühlenden Viertelfinal und beurteilt Spaniens Chancen vor dem Schlussspurt der EM-Endrunde.

Gerardo Seoane, wie bewerten Sie den Auftritt der Schweiz im Viertelfinal gegen Spanien?

Gerardo Seoane: «Es war insgesamt eine sehr gute Leistung der Schweizer, die ja mit dem unglücklichen Gegentor schlecht starteten. Sie zeigten eine grosse Moral und blieben im Spiel. Sie konnten dann das Spiel fast gleich gut gestalten wie die Spanier. Der Ausgleich war verdient, die Rote Karte dann aber der Knackpunkt. Aber für die Art, wie sie kämpften und sich in die Verlängerung und ins Penaltyschiessen retteten, verdienen die Schweizer ein riesiges Kompliment. Zuletzt war das Penaltyschiessen eine Frage von Glück und Pech. Es ist einfach immer eine 50:50-Situation. Insgesamt war es eine sehr gute Schweizer Leistung in diesem Spiel und an der ganzen EM.»

War der Platzverweis gegen Remo Freuler richtig?

«Sicher war es ein strittiger Entscheid. Wenn du mit beiden Beinen ins Tackling gehst und den Ball spielst und danach den Gegner mit gestrecktem Bein triffst, muss es nach der neuen Regelung sicher eine Verwarnung geben. Aber Rot war sicher eine extrem harte Bestrafung. Eine Gelbe Karte hätte gereicht.»

Mit einem Mann weniger gerieten die Schweizer unter enormen Druck.

«Die Schweizer machten die Räume um den Sechzehner sehr eng. Dass sie Chancen zulassen mussten, war klar, denn die Spanier sind mit dem Ball einfach gut. Die Spanier spielten es in Überzahl gut. Die Schweizer benötigten sicher ein bisschen Glück, aber sie hatten halt auch diesen exzellenten Yann Sommer. Man hat deutlich gesehen, was es ausmacht, wenn man auf diesem Niveau mit einem Mann weniger spielen muss. Dann kann man nicht mehr offensive Akzente setzten, ausser vielleicht bei einem Konter.»

Die Schweizer gerieten rund um das Spiel gegen Italien schwer in die Kritik. Es wurde fast nur noch über den Coiffeur und die Tattoos geschrieben. Die Spieler mussten sich eine mangelhafte Einstellung und eine schlechte Mentalität vorwerfen lassen. War das gerechtfertigt?

«Da hat jeder seine eigenen Kriterien, mit denen er die Dinge bewertet. Ob man die Dinge vermischen will oder nicht, also die Leistungen auf dem Platz und das Darumherum, überlasse ich jedem Einzelnen, auch den Medien. Meine eigene Bewertung behalte ich für mich.»

Verschiedene Spieler haben sich in der Schweizer Mannschaft im Lauf der Turniers besonders hervorgetan. Xhaka, Zuber, Shaqiri, Seferovic, natürlich Sommer. Welche Spieler würden Sie hervorheben?

«Hervorheben würde ich die Mannschaft. Sicher konnten ein paar Spieler zum Beispiel mit Toren und Assists mehr brillieren als andere. Aber das ganze Team hat funktioniert. Alle stellten sich in den Dienst der Mannschaft. Das sah man auch, als sie zu zehnt spielten. Es wäre nach meiner Meinung nicht gerecht, Einzelleistungen zu beurteilen, im Guten wie auch im Schlechten. Dass man in fünf Spielen eine schlechte Halbzeit oder ein schlechtes Spiel einzieht, ist normal. Den Schweizern ist es sehr gut gelungen, die richtigen Reaktionen zu zeigen.»

Jetzt zu den Spaniern. Was trauen Sie ihnen jetzt noch zu? Gegen die Slowakei und gegen Kroatien haben sie ja schon je fünf Tore geschossen.

«Ich glaube, dass Mannschaften wie Italien und England etwas weiter sind als die Spanier, die ihren Umbruch später angefangen haben. Es kann bei Spanien noch nicht alles so perfekt sein, wie man es sich erhofft. In diesem Prozess ist das normal. Spanien hat eine ganz junge Mannschaft. Aber wenn die Spieler ihr Talent auf den Platz bringen, ist es möglich, dass sie bis zuletzt dabei sein werden, also bis zum Final. Was sie sicher abstellen müssen, ist, dass sie dem Gegner zu viele Chancen ermöglichen.»

Ist es für Trainer Luis Enrique nicht riskant, dass der Umbruch der Mannschaft während eines grossen Turniers noch im Gang ist? Er hat ja beispielsweise keine erfahrenen Spieler von Real Madrid ins Kader genommen.

«Nein, Luis Enrique geht kein Risiko ein. Der Verband steht voll und ganz hinter der Verjüngung der Mannschaft und hinter dem Weg, den der Trainer eingeschlagen hat.»

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