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Die Schweiz besinnt sich auf die Primärtugenden

Das 1:1 gegen Spanien gibt Trainer und Spielern die Gewissheit, gegen die Besten tatsächlich positive Resultate liefern zu können. Sofern sich die Schweizer an die Primärtugenden erinnern.

Agentur
sda
Sonntag, 15. November 2020, 14:47 Uhr Fussball

Als der Schiedsrichter die Partie gegen Spanien nach 95:03 Minuten abpfiff, ballten einige Schweizer die Faust. Der erste Sieg in diesem Jahr war ihnen durch den spanischen Ausgleich in der 89. Minute zwar entrissen worden. Doch mit dem Punkt haben sie «das Ziel Nummer 1 abgehakt», wie es Captain Granit Xhaka sagte.

Die Schweizer können am Dienstag in Luzern gegen die Ukraine den Platz in der Liga A der Nations League aus eigener Kraft verteidigen. Ein 1:0 oder 2:1 genügt. Schiesst die Ukraine zwei Tore, braucht die Schweiz einen Sieg mit zwei Toren Differenz (bei Punktgleichheit entscheiden die direkten Duelle; das Hinspiel verlor die Schweiz 1:2). Die Schweizer haben also diesen «Final» erzwungen, der spätestens nach der Startniederlage in der Ukraine von Anfang September das einzige realistische Ziel war in einer Gruppe mit Spanien und Deutschland.

Um diese Ausgangslage zu bekommen, mussten die Schweizer am Samstag gegen die Spanier über den eigenen Schatten springen. Sie waren nicht das Team, von dem in der Vergangenheit Experten auch schon sagten, es spiele «spanisch für Fortgeschrittene». Ballbesitz (34:66 Prozent), Schüsse (7:20), Corner (2:10) oder Pässe (234:657): Die wichtigsten Statistiken brachten die spielerische Unterlegenheit der Schweizer zum Ausdruck. Nie mehr seit dem Duell mit Spanien an der WM 2010 in Südafrika hatten sie weniger Spielanteile. Spanisch spielten im St.-Jakob-Park nur... die richtigen Spanier.

Laufen, kämpfen, Räume schliessen

Doch vielleicht war diese Partie gerade deshalb ein wichtiger (Wende-)Punkt in der Entwicklung der Schweizer Mannschaft. Sie zeigte die Demut, die Augenhöhe mit dem prominenten Gegner nicht im spielerischen Bereich zu suchen. Die Schweizer waren nicht primär um hohes Pressing und viel Ballbesitz in der gegnerischen Platzhälfte bemüht. Sie verrichteten dafür die Basisarbeiten des Fussballs mit so viel Leidenschaft und mit so wenigen Fehlern wie möglich: laufen, kämpfen, Räume schliessen. Es sind die Tugenden, welche Nationalcoach Vladimir Petkovic am Tag vor dem Spiel explizit gefordert hatte.

«Wir haben leiden müssen, und wir waren bereit dazu», erklärte Xhaka hinterher. Petkovic benutzte ein noch stärkeres Bild: «Wir konnten beweisen, dass wir fähig sind, auch schmutzige Arbeit zu verrichten.» Wenn Petkovic davon sprach, dass seine Mannschaft auch in den Spielen gegen Spanien und Deutschland ihre Identität behalten habe, dann zielte diese Aussage weniger auf den Spielstil, der ihm vorschwebt, als auf die Fähigkeit, mit Teamgeist dann eine Reaktion zu zeigen, wenn die Situation kritisch ist.

Schweiz als Entfesselungskünstlerin

Seit Petkovic nach der WM in Russland den personellen Umbruch vorangetrieben hat, hat sich seine Auswahl wiederholt als Entfesselungskünstlerin bewiesen. Das war 2018 so, als nach nur einem Sieg in vier Spielen und dem peinlichen 0:1 gegen Katar der 5:2-Exploit gegen Belgien gelang. Oder 2019, als in der EM-Qualifikation plötzlich sogar Platz 2 in Gefahr war, ehe die Schweizer mit dem Heimsieg gegen Irland den Weg zum Gruppensieg ebneten.

Noch ist 2020 die Entfesselung nicht abgeschlossen. Noch drohen in der Nations League der Abstieg in die Liga B und der Sturz aus den Top 16 Europas. Noch könnte mit acht Spielen ohne Sieg die längste Negativserie seit 1985/86 Tatsache werden. Doch gegen Spanien haben die Schweizer gezeigt, dass sie gegen eines der besten Teams nicht nur grosse Ankündigungen machen, sondern auf dem Platz auch tatsächlich ihre Ziele erreichen können. Deshalb darf man das Glas trotz diesem weiterhin sieglosen Jahr zumindest bis am Dienstagabend durchaus als halbvoll betrachten.

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