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Lucien Favre und das Dortmunder Jugendlabor

Borussia Dortmund wagt in der Bundesliga eine nächste Verjüngungskur. Der Schweizer Lucien Favre liest die Talente wie nur wenige andere Trainer in der Branche.

Agentur
sda
Donnerstag, 10. September 2020, 17:52 Uhr Fussball
Lucien Favre und der Brasilianer Jesus Reinier, einer der vielen vielversprechenden Jungen im Kader von Borussia Dortmund
Lucien Favre und der Brasilianer Jesus Reinier, einer der vielen vielversprechenden Jungen im Kader von Borussia Dortmund
KEYSTONE/EPA/FRIEDEMANN VOGEL

Vor seiner dritten Saison mit Borussia Dortmund spricht Lucien Favre mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA über grosse Herausforderungen und englische Wunderknaben. Der 62-Jährige geniesst nicht nur bei der nächsten Generation einen erstklassigen Ruf. Auch der renommierten Sportfachzeitschrift «France Football» sind Favres Qualitäten ein Begriff – in einem Ranking der französischen Experten gehört der Dortmunder Ausbildner zu den Top 10 der europäischen Coaching-Branche.

Und doch wird Favre in Deutschland von der medialen Entourage in regelmässigen Abständen angezählt. Favre lässt die Vorwürfe abperlen. Der Mann mit dem besten Liga-Punkteschnitt in der BVB-Geschichte (2,13) entwirft lieber in alter Frische neue Pläne für sein jugendliches Ensemble.

Dortmund forciert auf hohem Niveau die Verjüngung. Das Talent Giovanni Reyna haben Sie in der Rückrunde bereits regelmässig eingesetzt. Nun folgt mit dem Engländer Jude Bellingham der nächste 17-Jährige.

Lucien Favre: «Vergessen Sie die anderen nicht, den Brasilianer Reinier, und erst recht nicht Yousouffa Moukoko, der im November 16 wird und erst ab dann für uns spielen darf. Er ist erstaunlich gut für sein Alter, wir werden ihn ganz behutsam entwickeln. Und dann sind da Jadon Sancho und Erling Haaland, auch sie sind noch immer erst 20 und noch längst nicht am Ende ihrer Entwicklung.»

Es steckt mehr Jugend in Ihrem Kader als in anderen vergleichbaren europäischen Grossklubs. Ist die Herausforderung für Sie noch grösser?

«Wir müssen eine Balance finden. Die älteren Spieler bringen Erfahrung, sorgen für Stabilität und Ruhe. Die Jungen bringen Frische, sie sind lernwillig. Sie sorgen für Bewegung, sie sind formbar. Mir gefällt die Arbeit mit Spielern, welche die Zukunft noch vor sich haben. Aber am Ende geht es natürlich um das sportliche Ergebnis. Wir sind keine geschützte Werkstatt.»

Sie geniessen den Ruf, einen guten Draht zu Begabten zu finden. Bellingham wird die ersten Schritte ausserhalb seiner Heimat nun ebenfalls unter Ihnen machen. Freuen Sie sich auf einen Rohdiamanten wie ihn?

«Klar freue ich mich auf einen Spieler wie ihn. Während der Vorbereitung habe ich ihn bereits besser kennen lernen können. Mir gefällt, wie er mit dem Ball umgeht, wie er ihn auch verteidigen kann. Jude besitzt viele taktische Möglichkeiten und verfügt über eine erstaunliche Präsenz. Er kann als Sechser oder Achter spielen, spielt gute Pässe, sucht den Abschluss. Mit ihm sind verschiedene Systeme möglich. Das alles ist sehr, sehr interessant.»

Der Ergebnisdruck in Dortmund ist gross. Und trotzdem fühlt es sich manchmal an, als würden Sie einem Forschungslabor von Jugendlichen vorstehen.

«Mich interessiert zuerst vor allem etwas: die Spielintelligenz. Ich schaue bei einem wie Bellingham nicht auf das Geburtsdatum. Er hat die technischen Fertigkeiten, er spürt die Räume. Deshalb fällt es mir auch einfach, mit einem solchen Talent zu arbeiten.»

Ein anderer Hochbegabter wird und will auch weiterhin mit Ihnen zusammenarbeiten: Jadon Sancho wechselt (noch) nicht in die Premier League. Haben Sie aufgeatmet?

«Wir brauchen ihn, keine Frage. Alle haben sich gefreut, dass er bleibt. Über seine Qualitäten brauchen wir nicht lange reden – sie sind enorm. Er schiesst und bereitet viele Tore vor, kann oft den Unterschied machen. Aber es gibt einige Details, die Sancho verbessern muss. Das ist ganz normal für einen 20-Jährigen.»

Sancho erzählte in einem Interview, er sehe sich als einer, der die Jungen führen kann.

«Ja, ich habe davon gehört (lacht). Wenn er selbst das Maximum abruft, bin ich bereits zufrieden.»

Wie meinen Sie das?

«Wir müssen den Jungen Zeit geben. Karrieren hängen von Nuancen ab. Es wird viel gefordert – manchmal zu früh. Drei Spiele innerhalb von sieben Tagen, das ist selbst für einen Arrivierten eine nicht zu unterschätzende Herausforderung.»

Haben Sie generell das Gefühl, dass der Alltag für junge Menschen im Vergleich zur letzten Generation komplexer geworden ist? Die Dauerbeschallung nimmt zu, das Smartphone bestimmt den Rhythmus.

«Mir fällt auf, dass sie früher in der Erwachsenenwelt ankommen; weil sie es wollen oder teilweise auch müssen. Nicht nur in Dortmund gibt es viele 17-Jährige. Pelé war zwar auch mit 17 Weltmeister – aber das war damals eine absolute Ausnahme. Die jungen Hoffnungsträger müssen sich unter höherem Druck adaptieren.»

Sie sind seit Jahrzehnten Trainer und verstehen die Sprache der Jugend nach wie vor. Wie gelingt es Ihnen, den Draht zu den Jüngeren immer wieder zu finden?

«Ich komme zurück auf die Spielintelligenz. Zu spüren, wie sich das Spiel entwickelt, zu erahnen, wie die Passwege verlaufen - das sind zeitlose Themen. Da bin ich immer auf dem modernsten Stand.»

Ihr Keeper Roman Bürki nannte Ihre ausgesprochen grosse Fairness im direkten Umgang als weiteren Grund für Ihre teaminterne Popularität. Sie seien nie ein Schauspieler, sondern greifbar, normal und höflich.

«Man muss ehrlich und höflich sein. Ich erkläre den Spielern die Gründe meiner Entscheide. Meine Ansprachen sind kurz, aber ich nehme mir Zeit, die Akteure individuell abzuholen. Es geht letztlich immer um die Wahrheit. Das ist für mich selbstverständlich.»

Kritiker halten Ihnen immer wieder vor, Sie würden in der Coachingzone zu wenig Enthusiasmus entwickeln.

«Es bringt mir nichts, laut herumzuschreien. Nach zehn Minuten ist die Stimme weg. Im Training hingegen bei taktischen Übungen rede ich teilweise 25 Minuten lang ohne Punkt und Komma – ohne Publikum, nicht vor TV-Kameras, sondern direkt vor meiner Mannschaft. Ich muss kein Schauspieler sein.»

Zwei aufregende Saisons liegen hinter Ihnen, was passiert im dritten Jahr in Dortmund?

«Zweimal waren wir die Nummer 2. Eine Prognose ist schwierig. Eines ist aber sicher: Vor uns liegen intensive Wochen, wir pausieren praktisch nie. Wegen Corona ist der Start viel später; im neuen Jahr spielen wir bereits am 2. Januar wieder. Der Terminkalender ist dicht. Bestehen kann nur, wer in seinem Kader auf gute Alternativen zurückgreifen kann.»

Die Pandemie ist nicht verschwunden, sie schränkt unseren Alltag weiterhin ein. Wird das Virus zu einem permanenten Begleiter?

«Niemand weiss das. Und ja, es ist immer präsent, täglich. Schwierig ist für mich, dass es uns sozial einschränkt. Die Nähe zwischen den Menschen fällt weg. Wir müssen auf Distanz gehen – auch zu den eigenen Freunden. Im Trainingslager durfte man nicht raus, konnte niemanden ausserhalb der Equipe treffen; schon ein Restaurantbesuch wird kompliziert.»

Sie rechnen nicht mit einer Entspannung?

«Nein, es wird andauern. Das Virus ist weiterhin da. Wir müssen einen Weg finden, richtig damit umzugehen. Jeder muss die Regeln respektieren. Nur so funktioniert es in der Gesellschaft. Dann wird vielleicht irgendwann die Rückkehr zur Normalität ein Thema.»

In der Bundesliga würden Sie die Normalität hingegen gerne durchbrechen. Der FC Bayern hat acht Titel in Serie gewonnen – und vor wenigen Tagen die Champions League.

«Sorry, über den FC Bayern müssen wir nicht reden. Bayern ist die beste Mannschaft Europas – mit dem Sieg im Endspiel gegen Paris hat es auch der Letzte gesehen. Entscheidend wird sein, die Realität im Auge zu behalten. Ich sagte es schon in verschiedenen Interviews: Bei der Analyse vieler Journalisten spielt das Potenzial des Kaders keine Rolle. Das ist bedauernswert, denn die Ergebnisse stehen immer in einem Kontext.»

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