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Mund abputzen, weitermachen: Chur 97 vor Neustart

Der vom Coronavirus gestoppte Aufstiegsaspirant Chur 97 nimmt einen neuen Anlauf. Am Montag bat Spielertrainer Max Knuth zum ersten Training im Hinblick auf die neue Spielzeit in der interregionalen 2.-Liga-Fussball-Meisterschaft. Diese soll plangemäss im August starten.

Johannes
Kaufmann
Dienstag, 09. Juni 2020, 09:36 Uhr Fussball
Alter und neuer Präsident: Josef Müller (links) und Tino Schneider.
PHILIPP BAER

Noch ist der Schwefelgeruch des bitteren Saisonabbruchs als Halbzeit-Tabellenführer in der interregionalen 2.-Liga-Fussball-Meisterschaft nicht aus den Kleidern der Exponenten von Chur 97 gewichen. «Emotional», sagt der scheidende Vereinspräsident Josef Müller, «war und ist es nicht einfach, dass die Erstplatzierten zu den Verlierern gehören.» Müller hatte sich an vorderster Front beim Schweizerischen Fussballverband (SFV) für eine Promotion der Halbzeit-Führenden in die nächsthöhere Spielklasse ausgesprochen. Das auch auf dem nationalen Medien-Boulevard dankbar registrierte Vorpreschen des Glarner Funktionärs blieb erfolglos. Der SFV entschied, auf der Basis seines Wettspielreglements die Spielzeit 2019/20 zu annullieren.

Die starke Hinrunde ist somit ein Muster ohne Wert. Übrig bleibt indes ein finanzieller Schaden durch die Coronakrise. Müller beziffert ihn auf einen Betrag im Bereich von 50 000 bis 80 000 Franken. Er geht jedoch davon aus, dass durch zu erwartende Beiträge der Stadt und des Kantons in etwa 60 bis 70 Prozent dieses Bedarfs gedeckt werden kann. Der Rest muss durch zusätzliche Sponsoring-Einnahmen, aber auch Einsparungen in den kommenden Jahren generiert werden.

Di Spirito geht von Bord

Doch wäre der Fusionsverein für ein erneutes 1.-Liga-Abenteuer gerüstet gewesen? Zweifel sind legitim. Die letz.ten drei Anläufe endeten allesamt mit dem sofortigen Wiederabstieg, zuletzt war dies 2014 der Fall gewesen. «Die Einnahmeverluste hätten uns stark gefordert, keine Frage», räumt Noch-Sportchef Mariano di Spirito ein. Kaum Kontinuität beim Führungspersonal sowie die oft fehlende Zeit der im Ehrenamt wirkenden Entscheidungsträger sind ein weiteres Kardinalproblem. Die Demission von Di Spirito dient da als Fallbeispiel.

Aufgrund einer im November erfolgten Neuorientierung bei seinem Arbeitgeber, den Psychiatrischen Diensten Graubünden, reicht Di Spirito den Staffel-Stab als Verantwortlicher für den Sportbereich an Markus Spiegel weiter. Der ist beim Verein bereits im Teilamt als Technischer Leiter für den Nachwuchs tätig. Nun kommt die neue Aufgabe im Teilmandat hinzu. Di Spirito ist der vierte Sportchef in der siebenjährigen Ära Müller. «Der Job des Sportchefs kann nicht mehr im Ehrenamt ausgeführt werden, deshalb werden einige Aufgaben dem Technischen Leiter übertragen. Wir werden und müssen uns grundsätzlich mit den Vorstandsaufgaben breiter aufstellen», sagt Müller. Dessen Nachfolger Tino Schneider wird seit Herbst an seine neue Aufgabe herangeführt. Offiziell soll er am 1. Juli übernehmen. Arbeit gibt es genügend. «Die Bereitschaft zum Ehrenamt ist bei einem Stadtklub gegenüber einem Dorfverein bedauerlicherweise nur beschränkt vorhanden», nennt Müller eine Baustelle.

Neu mit Sele, Gentile und Schmid

Auf dem Feld lief es derweil besser. Dies hat viel mit dem Engagement des deutschen Spielertrainers Max Knuth zu tun. Der nüchterne Deutsche aus Bayern erhöhte die Disziplin und errichtete eine Leistungskultur. Mit Stefan Cavigelli (Balzers), Marco Fässler (Tuggen), Michel Gadient (Montlingen) und Manuel Willi (Mels) verliessen indes gleich sämtliche vier Transfers des letzten Sommers den Verein. Müller und Di Spirito wischen indes einen direkten Zusammenhang dieser Personalien vom Tisch. Sie verweisen in drei Fällen auf berufliche Veränderungen. Die Ausnahme ist Cavigelli, dem die vielleicht einmalige Chance der Profilierung in der 1. Liga winkt. Der Wegzug des Linksverteidigers aus Untervaz ist besonders schmerzlich, weil er a) eine Position im Fussball bestens besetzte und b) aus dem Kanton stammt.

Mit Aron Sele (Vaduz), Giuseppe Gentile (Linth 04) sowie Alessio Schmid (Eschen-Mauren) sind drei potenzielle Leistungsträger verpflichtet worden. «Sechser» Sele soll den im Herbst überragenden Fässler beerben. Der Thusner Gentile darf auf sein Engagement als Profi in den USA verweisen. Als physisch starker Mittelstürmer besetzt er eine verwaiste Kaderposition. Schmid, ebenfalls Bündner, ist ein polyvalenter Defensivspieler. Mit Lars Caduff, Marino Cavegn (beide Schluein Ilanz), dessen Bruder Fabrizio Cavegn, Fabio Lymann sowie Marko Tomic (alle U18-Team Südostschweiz) wird das Kader durch Perspektivspieler aus der Region ergänzt. Neuzüge sind im Prinzip auch die aufs Frühjahr verpflichteten Enis Latifi, Lebien Nsingui und Adnan Mutapcija. Dies ergibt sowohl qualitativ als auch quantitativ ein Kader, das erneut zu den Gruppenfavoriten zählen wird.

Am Montag bat Knuth unter strengen Hygienevorschriften zum ersten Mannschaftstraining auf dem Fussballpltz. Zwei Monate bleiben bis zum Saisonstart, der plangemäss Mitte August erfolgen soll. Die Zielsetzung überlässt Müller bewusst den ab Juli handelnden Personen. Doch er sagt auch: «Ich bleibe dabei, dass sich Chur 97 mittelfristig in der 1. Liga etablieren muss. Nur so können wir die Attraktivität steigern und viele Spieler im Kanton halten.» Doch Müller sagt ebenso: «Selbstverständlich müssten wir bei einem Aufstieg das Budget des Fanionteams erhöhen.» Ob die entsprechenden Gelder dann auch generiert werden könnten, man munkelt auch von einer angedachten Kooperation mit einem Verein aus dem Profifussball, steht freilich auf einem anderen Papier geschrieben. Vorerst gilt es in Chur, auf und neben dem Rasen die Hausaufgaben zu erledigen.

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