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Chur 97 verliert im Cup gegen Xamax und feiert, als hätte man gewonnen

2011 schnupperte Chur 97 im Schweizer Cup gegen Super-League-Vertreter Neuchâtel Xamax an der Sensation. Ein Blick zurück auf die wohl grösste Stunde des 1997 gegründeten Fussballklubs.

Tobias
Kreis
Mittwoch, 27. Mai 2020, 04:30 Uhr Goldene Bündner Sportmomente

Dreimal schon schaffte der 1997 aus dem FC Chur, dem FC Neustadt und dem SC Grischuna hervorgegangene Fusionsverein Chur 97 den Sprung in die erste Hauptrunde des Schweizer Cups. In der Saison 2003/04 unterlagen die Bündner dem FC St. Gallen mit 0:2. 2009/10 verlor die Churer Equipe gegen den FC Töss mit 0:3. Und am 18. September 2011 musste sich der interregionale 2. Ligist Chur 97 dem Super Ligisten Neuchâtel Xamax nur knapp mit 1:2 geschlagen geben. Trotz der knappen Niederlage darf der Auftritt gegen die vier Ligen höher spielenden Profis als wohl grösster Erfolg der Vereinsgeschichte eingestuft werden.

Mit drei Siegen über die gleichklassige Konkurrenz hatte sich Chur 97 im Herbst 2011 für die erste Cup-Hauptrunde qualifizieren können – und dann das grosse Los gezogen. Xamax ist eine grosse Nummer im Schweizer Fussball. Hauptaktionär des Neuenburger Traditionsklubs ist der tschetschenische Geschäftsmann Bulat Tschagajew, der den dreifachen Schweizer Meister wieder zum Glanz längst vergangener Tage verhelfen will. Freilich kam es anders. Bereits 2012 endete in Neuenburg das Kapitel «Tschagajew» im Konkurs. Es folgte ein Neustart in der 2. Liga interregional. Auf die Saison 2018/19 hin kehrten die Xamaxiens ins Oberhaus des Schweizer Fussballs zurück.

2011 aber leuchtet Neuchâtel Xamax als heller Stern am Schweizer Fussballhimmel. In der ersten Hauptrunde des Schweizer Cups an der Churer Ringstrasse tritt das Team von Trainer Victor Munoz als haushoher Favorit an. In den Reihen der Westschweizer stürmen Haris Seferovic und Kalu Uche. U17-Weltmeister Seferovic ist der grosse Hoffnungsträger im Sturm der Schweizer Nationalmannschaft und eben von der AC Florenz in die Heimat zurückgekehrt, um der Karriere neuen Schwung zu verleihen. Uche, ein Jahr zuvor WM-Teilnehmer mit Nigeria, ist mit einem Marktwert von damals rund fünf Millionen Euro der Star des Teams.

Del Curtos Ansprache

Chur 97 werden also kaum Chancen auf ein Weiterkommen eingeräumt. Zu gross ist der Klassenunterschied zwischen den Bündner Amateuren und den Profis aus Neuenburg. Doch in Chur will man sich nicht einfach so dem Schicksal fügen. Das Team ist hungrig auf ein Erfolgserlebnis. Bereits in den Ligaspielen zuvor wird am System geschraubt. Die defensiv ausgerichtete Grundordnung im 4-1-4-1 soll den Gegner daran hindern, seine spielerische Überlegenheit auf den Platz zu bringen.

Und schon vor Anpfiff lässt sich Chur-Trainer Marius Zarn etwas Besonderes einfallen. Er engagiert Arno Del Curto, Meistertrainer des HC Davos, für eine Überraschungsansprache in der Garderobe. «Locker bleiben, Spass haben und an die einmalige Chance glauben», gibt Del Curto der Zarn-Elf mit auf den Weg. Zusätzlichen Auftrieb verleiht den Churern das garstige Wetter. Es ist nass und kalt – nicht gerade ideale Verhältnisse für einen Höherklassigen im Duell mit einem Underdog.

1:0 geführt

Mit Spielbeginn scheinen Del Curtos Worte ihre Wirkung zu entfalten. «Chur 97 verteidigte sein Tor kompakt und laufstark gegen den nominell selbstverständlich klar besser besetzten Widersacher», heisst es tags darauf in der Zeitung «Südostschschweiz». Einer der Schlüsselspieler ist Gerardo Clemente, der als alleiniger «Sechser» in Zusammenarbeit mit Abwehrchef Michael Mani als Dirigent und Ankerpunkt der Mannschaft auftritt.

Die goldene Stunde aber schlägt für den zentralen Mittelfeldspieler Roman Demermels, der in der 24. Minute auf schöne Vorarbeit von Gabriel Derungs hin eines seiner raren Tore zur Churer Führung erzielt. Xamax’ Auftritt bis dahin ist bieder. «Chur 97 war äusserst bissig und hat uns mit seiner Stärke in den Zweikämpfen alles abverlangt», sollte Trainer Munoz nach dem Spiel analysieren. Während Nationalstürmer Seferovic nicht in die Partie findet, ist es der Nigerianer Uche, der Munoz vor einer ungemütlichen Sitzung bei Präsident Tschagajew rettet.

In einer uninspiriert auftretenden Truppe verkörpert der damals 28-Jährige einen Hauch Extraklasse. Vor dem 1:1-Ausgleichstreffer (33. Minute) narrt er mit zwei, drei Körpertäuschungen seine Gegenspieler, ehe er am ansonsten ein grosses Spiel abliefernden Churer Torhüter Giulio Rosamilia vorbei einschiesst. Eine Viertelstunde vor Schluss macht sich Uche mit dem 2:1 per Kopf endgültig zum Matchwinner.

Den Ausgleichstreffer auf dem Fuss

Doch die 2000 Zuschauer an der Ringstrasse sind mit dem Auftritt des Heimteams dennoch mehr als zufrieden. Bis zum Ende gehen die Bündner das Tempo des Super-League-Vertreters mit. In einer turbulenten Schlussphase besitzt Chur 97 gar zwei erstklassige Torchancen zum Ausgleich. «Es waren Grosschancen», sinnierte Trainer Zarn, der vor allem Stürmer Alessandro Giacomellis Möglichkeit nach einem Freistoss nachtrauerte, «so etwas ärgert im Moment natürlich schon etwas.»

Und trotzdem: Die Niederlage fühlt sich für die Churer wie ein Sieg an, der im Churer Regenwetter auch ausgiebig gefeiert wird. «Es ist ein grosser Tag für uns», gab Torschütze Roman Demarmels zu Protokoll. Und Trainer Zarn konstatierte, «dass die vielen Leute mit einem guten Gefühl die Heimreise antreten durften.»

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