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Die Bundesliga nimmt die Saison wieder auf

Begleitet von Skepsis nimmt die Bundesliga den Betrieb nach dem Corona-Unterbruch wieder auf. Als erste bedeutende Fussball-Liga und als erster grosser Sport-Wettbewerb überhaupt.

Agentur
sda
Samstag, 16. Mai 2020, 04:30 Uhr Fussball

Karl-Heinz Rummenigge denkt und spricht als Vorstandschef von Rekordmeister Bayern München oft in Superlativen. Wenige Tage vor dem Wiederbeginn sprach er gegenüber der «Sport Bild» grosse Worte für einmal im Namen der gesamten Liga. «Wenn die Bundesliga als einzige grosse Liga rund um den Globus im TV übertragen wird, dann gehe ich davon aus, dass wir ein Milliardenpublikum haben werden.»

Wenn am Samstag ab 15.30 Uhr der Ball in Deutschland wieder rollt, schauen aber nicht nur die seit über zwei Monaten nach Live-Sport lechzenden Fans in allen Erdteilen genau hin. Deutschland und die Bundesliga übernehmen eine Vorreiterrolle für andere Verbände und Ligen - und nicht nur im Fussball. Politiker, Funktionäre und Virologen werden beobachten, wie die Schutzkonzepte umgesetzt werden, ob der aufgenommene Spielbetrieb die Gesundheit der Athleten gefährdet, oder wie sich die spezielle Situation mit beeinträchtigten Trainings sowie kurzer Vorbereitung auf den Wettbewerb auswirkt.

Rummenigge appellierte an die Verantwortung der Vereine, Trainer und Spieler. «Wir müssen unter Beweis stellen, dass wir mit dem Vertrauensbeweis der Politik super diszipliniert umgehen.» Er ist sich aber auch sicher: «Der Re-Start der Bundesliga zeigt, dass »made in Germany« wieder ein absolutes Gütesiegel ist.»

Spielen auf Bewährung

Mit der Wiederaufnahme der Meisterschaft hat die Bundesliga in den nächsten Wochen eine der wichtigsten und grössten Sportbühnen - der internationale Fussball - für sich ganz alleine. Dies lässt die Liga-Spitze um Geschäftsführer Christian Seifert allerdings nicht abheben. In einem Interview mit dem TV-Sender ZDF sagte er: «Wir haben einen Notbetrieb aufgestellt, und jedem muss klar sein: Wir spielen auf Bewährung.»

Damit deutete Seifert an, dass die Bundesliga zwar wieder beginnt, dass aber der Abschluss der Saison, geplant für den 27. Juni, längst nicht gesichert ist. Die Angst vor einem Abbruch bei neuen Corona-Fällen innerhalb eines Teams begleitet die anstehenden neun Runden. Ob bei Neuinfizierungen gleich die ganze Mannschaft in Quarantäne muss, entscheiden die Gesundheitsbehörden der einzelnen Bundesländer. Wenn sich zwei oder drei Teams in eine zweiwöchigen Quarantäne begeben müssen, ist die Beendigung der Saison nicht mehr realistisch. Borussia Mönchengladbachs Sportchef Max Eberl sagte daher: «Das Konzept steht auf tönernen Füssen.»

Noch sind sich die Klubs nicht einig, ob bei einem Abbruch die aktuelle Tabelle als Schlussrangliste gewertet werden soll. Knackpunkt in der Diskussion ist vor allem die Frage nach den Absteigern und den Aufsteigern aus der 2. Liga. Selbst wenn sich die Bundesligisten einig werden sollten, drohen juristische Nachspiele, wie sie in Frankreich und in den Niederlanden seit dem Saisonabbruch dort bereits im Gange sind.

Schon in 10 Tagen: Dortmund - Bayern

Wäre nicht die Debatte über die Wertung der Saison im Falle eines Abbruchs aufgekommen, die sportliche Ausgangslage vor dem Wiederbeginn wäre gänzlich marginal geblieben. Deshalb sei hier daran erinnert: Rekordmeister und Titelverteidiger Bayern München nimmt die Saison mit vier Punkten Vorsprung vor Lucien Favres Borussia Dortmund wieder auf. Borussia Mönchengladbach mit den vier Schweizer Internationalen Yann Sommer, Nico Elvedi, Denis Zakaria und Breel Embolo ist als Vierter auf einem Champions-League-Platz klassiert. Der Schweizer Trainer Urs Fischer liegt mit Aufsteiger Union Berlin (11.) im ziemlich sicheren Tabellen-Mittelfeld, und Stephan Lichtsteiner kämpft mit Augsburg (14.) gegen den Abstieg. Dieser droht Werder Bremen, das seit 40 Jahren in der Bundesliga spielt. Die Hanseaten sind Zweitletzte und haben auf den Barrage-Platz ein Handicap von vier Punkten.

Schon in der dritten Runde nach dem Re-Start steht das Spitzenspiel zwischen Verfolger Dortmund und Leader Bayern auf dem Programm. Für die Dortmunder fühlt sich der Wiederbeginn mit den Geisterspielen besonders speziell an. Die ersten beiden Heimspiele bestreiten sie gegen den Erzrivalen Schalke und gegen Bayern München. Auf die Unterstützung ihrer 80'000 Fans können sie dabei nicht zählen. Der Schweizer Borussia-Keeper Roman Bürki versuchte, das ungewohnte Szenario zu antizipieren und sagte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA: «Als Kinder spielten wir vor fünf Zuschauern. Es geht wie damals um den Spass, darum, die Leidenschaft abzurufen. Vielleicht sollte man sich die Ursprünge wieder etwas vor Augen halten.»

Wenn die Bundesliga auch eine Vorreiter-Rolle spielen möchte für mehr Demut in der vor der Corona-Krise mehr und mehr abgehobenen Fussball-Szene, dann gibt es keine bessere Botschaft als diese Worte von Roman Bürki.

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