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Für Ottmar Hitzfeld ist klar: Der Fussball verändert sich

Für Ottmar Hitzfeld ist klar: «Es wird eine neue Zeit anbrechen im Weltfussball». Der Egoismus der Spieler werde durch die Corona-Krise eingeschränkt, sagt der frühere Coach gegenüber Keystone-SDA.

Agentur
sda
Mittwoch, 13. Mai 2020, 09:49 Uhr Fussball
Ottmar Hitzfeld und die Gedanken an einen neuen Fussball: "Der Weltfussball wird sich verändern."
Ottmar Hitzfeld und die Gedanken an einen neuen Fussball: "Der Weltfussball wird sich verändern."
KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Ottmar Hitzfeld ist einer von nur fünf Trainern, die mit zwei verschiedenen Vereinen die Champions League gewannen - 1997 mit Borussia Dortmund und 2001 mit Bayern München. Er wurde mit diesen zwei Teams siebenmal deutscher Meister - fünfmal mit Bayern. Hierzulande führte er die Grasshoppers zu zwei Meistertiteln (1990, 1991). Von 2008 bis 2014 war er Schweizer Nationaltrainer, ehe er die Trainerkarriere beendete. Im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA spricht er über den Bundesliga-Restart, über die Auswirkungen des Coronavirus auf den Fussball und sein Leben als Rentner.

Ottmar Hitzfeld, am 16. Mai wird die Bundesliga fortgesetzt. Wie stehen Sie zu diesem Entscheid?

«Ich als Sportler finde den Entscheid sehr gut. Wenn sich die Spieler und Vereine auf die gegebenen Umstände vorbereiten, die Schutzkonzepte, welche die Deutsche Fussball Liga mit vielen Experten ausgearbeitet hat, umgesetzt werden, dann steht einer Fortsetzung nichts im Weg. Eine solche ist nicht nur für die Spieler wichtig, sondern auch für die Vereine. Im Umfeld der ersten und zweiten Bundesliga gibt es nicht weniger als 55'000 Arbeitsplätze, was oft vergessen wird. Diese sind gefährdet, wenn nicht gespielt wird oder Klubs aufgrund des Saisonabbruchs Pleite gehen. Es gibt einige Vereine in der Bundesliga, die bei einem Abbruch nicht überlebt hätten. Zudem ist der Fussball für die Bevölkerung in dieser schwierigen Zeit ein Lichtblick. Halb Deutschland fiebert dem Bundesligastart am kommenden Samstag entgehen.»

Aber können Sie eine gewisse Kritik nachvollziehen, zum Beispiel, dass der Fussball einen Sonderstatus geniesse?

«Nein, das kann ich nicht nachvollziehen. Diese Leute haben keine Ahnung. Neider gibt es überall. Es geht nicht ums Geld der Fussball-Profis, es geht um viel mehr. Im Vordergrund stehen die zahlreichen Arbeitsplätze. Und es geht auch um eine sportliche Entscheidung. Als Sportler möchte ich berechtigterweise Erster werden oder mich vor dem Abstieg retten. Wenn alle Vorsichtsmassnahmen umgesetzt werden, sehe ich keine Gefahr. Sonst müsste man auch die Trainings verbieten.»

Wie schwierig ist es, in einem leeren Stadion zu spielen?

«Natürlich werden die Fussballer von der Stimmung der Fans gepusht. Die Spieler sind jedoch alle Profis und können sich auf diese Situation im Training vorbereiten. Sie werden sich selber antreiben. Aber klar ist es eine mentale Herausforderung. Die Trainer werden viele Einzelgespräche führen. Wenn man auswärts spielt, hat es aber auch Vorteile, nicht in einem Hexenkessel spielen zu müssen.»

Welche Auswirkungen hat die aktuelle Krise Ihrer Meinung nach auf den Fussball?

«Alle Beteiligten im bezahlten Fussball sind nun gefordert. Es geht jetzt darum, gut zu wirtschaften und zu versuchen, finanziell über die Runden zu kommen, umso mehr, als viele Investoren abspringen werden, da sie selber Probleme haben. Das Fernsehen wird wohl komplett neu verhandeln wollen. Die Einnahmen der Zuschauer fehlen, diese machen in der Bundesliga 20 bis 25 Prozent aus, in der Schweiz ist es noch mehr. Es wird eine neue Zeit anbrechen im Weltfussball mit neuen Massnahmen. In einer Phase, in der es vielen Leuten schlecht geht, kann im Fussball nicht weiter geprotzt werden. Die Spielerbörse wird einbrechen, wobei es vernünftig ist, dass nicht mehr solche Wahnsinn-Transfers gemacht werden. Schliesslich ist es eine gesellschaftliche Verantwortung, vernünftig zu wirtschaften. Auch die Löhne werden an die aktuelle Situation angepasst; der Egoismus der Spieler, die vielen Ich-AGs, dürften eingeschränkt werden. Viele Spieler haben Berater, die immer an die Grenzen gehen und den Preis hochtreiben. Nun aber müssen sich viele Vereine hinterfragen und Lösungen finden. Es gibt allerdings sehr viele vernünftige Leute im Fussball, die mit einer solchen Krise umgehen können.»

Wurde also der Fussball überspitzt formuliert etwas zum Glück gezwungen? Eine Ablösesumme wie jene 222 Millionen Euro für Neymar sind ja nichts Anderes als absurd.

«Natürlich. Das hat dem Fussball sehr geschadet, kann aber in einer freien Marktwirtschaft nicht verhindert werden. Das könnte höchstens die FIFA unterbinden. Jedoch bringt es nichts, eine Obergrenze einzuführen, was schon öfters versucht wurde. Die Quintessenz war, dass Vereine andere Möglichkeiten fanden, Finanzierungen zu machen. Ich glaube jedoch, dass die Klubs nun dermassen unter Druck stehen, dass die Krise auch eine gute Seite hat.»

Sehen Sie noch weitere Chancen, beispielsweise für den Nachwuchs?

«Absolut. Man muss ja neue Lösungen finden und dazu gehört, mehr auf die eigenen Spieler zu setzen, sich vermehrt auf den inländischen Markt zu konzentrieren. Die Nachwuchsspieler werden nun Hochkonjunktur haben. Wahrscheinlich werden viele Mannschaften ein neues Gesicht erhalten, bis die Normalität wieder zurückkehrt. Man kennt ja die Menschen.»

Glauben Sie, dass es dann so sein wird wie früher?

«So extrem wie früher wird es meiner Meinung nach nicht mehr sein. Es machten ja auch nicht alle den Transfer-Wahnsinn mit. Bayern München zum Beispiel hat weiterhin vernünftig gewirtschaftet.»

Aber selbst für Bayern ist es schwierig, mit von Scheichs alimentierten Vereinen mitzuhalten.

«Es ist unfair, klar. Dennoch wird der Trainer bei Bayern nach einem Ausscheiden im Achtel- oder Viertelfinal der Champions League hinterfragt. Es wird nicht gefragt, wie viele ausländische Investoren es in der Premier League gibt. Vielmehr muss Bayern trotz allem mit Teams wie Liverpool mithalten, die in den letzten beiden Jahren deutlich mehr investiert haben. Das wird oft vergessen. Es heisst immer nur, Bayern hat genügend Geld. Man muss jedoch die ganzen Dimensionen sehen.»

Wie gehen Sie ganz allgemein mit der aktuellen Situation um. Macht Sie Ihnen Angst?

«Angst habe ich nicht. Ich bin aber sehr froh, Rentner und nicht mehr Trainer zu sein. Die Trainer haben aktuell einen unglaublich schweren Job mit all den Auflagen, die sie berücksichtigen mussten und müssen. Nun wird schon am kommenden Wochenende wieder gespielt, was sicherlich zu einigen Verletzungen führen wird. Die Körper der Spieler sind nicht darauf eingestellt, nun plötzlich wieder Topleistungen abrufen zu müssen. Jedoch fliesst in einer Partie dermassen viel Adrenalin, dass alle an die Grenzen gehen. Selber geht es mir soweit gut. Ich halte mich an die vorgegebenen Massnahmen, dennoch gehe ich jeden Tag mit meiner Frau spazieren. Es ist eine Chance, als Familie zusammenzurücken. Ich mache mir aber Gedanken, über die vielen Leute, die um ihre Existenz bangen müssen. Da sehe ich eine riesige Gefahr für unsere Gesellschaft.»

Vermissen Sie es gar nicht, nicht mehr an der Seitenlinie zu stehen?

«Im Gegenteil. Ich freue mich, nicht mehr unter Druck zu stehen. Es war ein sehr guter Entscheid, 2014 aufzuhören. Ich konnte loslassen vom Fussball und bin froh, nicht mehr von Resultaten abhängig zu sein. Es war natürlich eine herrliche Zeit, aber nun geniesse ich es, so wie es ist.»

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