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Als der FC St. Gallen im Hardturm Chelsea aus dem UEFA-Cup warf

Vor 20 Jahren erlebte der FC St. Gallen im Zürcher Hardturm seine Europacup-Sternstunde. Mit einem 2:0 warf die Mannschaft von Meistertrainer Marcel Koller Chelsea aus dem UEFA-Cup.

Agentur
sda
Donnerstag, 30. April 2020, 05:00 Uhr Fussball

Es war die bislang glanzvollste Zeit in der Klub-Historie, damals um die Jahrtausendwende. Innert wenigen Monaten war es Trainer Marcel Koller beim FC St. Gallen gelungen, trotz überschaubaren finanziellen Mitteln ein schlagkräftiges Team zu formen - eines, das sich vor der Schweizer Konkurrenz nicht verstecken musste. Jörg Stiel, Marco Zwyssig, Marc Zellweger und Ivan Dal Santo hiessen die Protagonisten hinten drin, vorne sorgten Jairo, Giorgio Contini, Ionel Gane und vor allem Charles Amoah für Furore. Mit einer halben Saison Vorlaufzeit erlangte die Mannschaft jene Siegermentalität, die sie 1999/2000 überraschend zum Meistertitel und nach Europa führte. Favorit GC musste sich mit Platz 4 begnügen, auch Lausanne-Sports (2.), Basel (3.) und Servette (6.), die ebenfalls mit grösserem Budget wirtschafteten, hatten das Nachsehen.

2000/01 durfte St. Gallen also nach 15-jähriger Absenz wieder europäisch spielen. Euphorisiert und mit grossem Selbstvertrauen schickte sich die Mannschaft an, die dürftige Europacup-Bilanz des Klubs aufzubessern. Zum Auftakt setzte es aber einen Dämpfer ab. Im Playoff zur Champions League ging gegen Galatasaray das Hinspiel nach Führung 1:2 verloren, in der Türkei reichten die Treffer vom 0:2 zum 2:2 nicht fürs Weiterkommen.

Auch deshalb waren die Erwartungen im UEFA-Cup gegen das auch vor der Ära von Investor Roman Abramowitsch finanziell übermächtige Chelsea tief. Wenig bis nichts sprach vor diesem grossen Abend des 28. September 2000 im ausverkauften Hardturm für St. Gallen. Das Hinspiel in London hatte Chelsea nach einem missglückten Ausflug von Goalie Stiel 1:0 gewonnen, die Ostschweizer hatten sich überdies im Europacup bis auf ein 0:0 1985 in einem Rückspiel gegen Inter Mailand nicht mit Ruhm bekleckert. Die Anhänger waren schon froh, dass das Duell nach dem Hinspiel nicht schon entschieden war.

In ihrem Europacup-Exil mussten sich die überwiegend aus der Ostschweiz angereisten 15'266 Zuschauer mit den GC-Würsten anfreunden - ein Vorstoss für den Import der eigenen wurde von den Grasshoppers abgeschmettert. Was die Fans dann aber zu sehen bekamen, war verblüffend. Der Underdog bot dem Premier-League-Klub keck die Stirn und getraute sich auch nach vorne. Nach 18 Minuten löste sich Charles Amoah mit einer Drehung von seinem Gegenspieler und spielte tief zu Sascha Müller, dieser spitzelte den Ball an Chelseas Goalie Carlo Cudicini vorbei zur Führung. Es folgte ein Schockmoment für die Gäste, als sich Roberto Di Matteo bei einem Tackling an Daniel Imhof einen Schien- und Wadenbeinbruch zuzog. Die Verletzung bedeutete das Karriereende für den in Schaffhausen aufgewachsenen Italiener. Kurz nach dem Vorfall fiel das 2:0. Amoah, der den FCSG mit 25 Toren zum Meistertitel geschossen hatte, vollendete einen schnellen Gegenstoss. Dabei blieb es.

«St. Gallen wie ein Champion - Parforceleistung mit Seltenheitswert», schrieb die Agentur Sportinformation. Und: «Taktische Meisterleistung von Marcel Koller». Dieser hatte sich für eine überraschend offensive Herangehensweise entschieden, als er vom Ausfall von Chelseas wichtigem Innenverteidiger Marcel Desailly erfuhr, dem französischem Welt- und Europameister. «Ich wusste, dass Winston Bogarde als Ersatz für Desailly kaum Spielpraxis hatte und auch nicht besonders gut in Form ist. Darauf habe ich meine Stürmer speziell hingewiesen», verriet Koller. Dass bei Chelsea gerade einiges nicht zum Besten bestellt war und sich der Klub zwei Tage vor dem Hinspiel von Trainer Gianluca Vialli getrennt hatte, spielte den St. Gallern in die Karten.

Koller selbst bezeichnete den Coup als «eines der raren Highlights für den Schweizer Klubfussball». Lediglich die Grasshoppers hatten sich zuvor zweimal im Europacup gegen englische Teams durchsetzen können, im UEFA-Cup 1979/80 gegen Ipswich Town und 1981/82 gegen West Bromwich Albion. Auch St. Gallens Präsident Thomas Müller war entzückt. In seiner Euphorie versprach er jedem Spieler einen fünfstelligen Betrag: «Die Spieler haben mit dieser Prachtsleistung gegen eine so renommierte Mannschaft eine Prämie mehr als verdient.»

Das St. Galler Europacup-Hoch endete indes in der nächsten Runde. Gegen Brügge kassierten die Espen im Rückspiel im Hardturm in der 92. Minute das entscheidende 1:1. Statt dem FCSG durften sich in der 3. Runde die Belgier mit dem FC Barcelona messen.

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