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Aufbruchstimmung im russischen Fussball

Von den Olympischen Spielen 2020 und 2022 wird Russland vielleicht ausgeschlossen. Im Fussball aber herrscht 16 Monate nach der Heim-WM und ein halbes Jahr vor der EM Aufbruchstimmung.

Agentur
sda
Donnerstag, 28. November 2019, 01:00 Uhr Fussball

Die Nächte sind lang im herbstlichen St. Petersburg und die Tage düster. Die Menschen lamentieren über das Wetter, und die langjährigen Statistiken weisen für den November nur einen einzigen Sonnentag aus. Doch das mindert die Attraktivität der Umgebung in keiner Weise: Wunderbar ausgeleuchtet, verbreiten die monumentalen Bauten der früheren Zaren-Stadt einen fast schon märchenhaften Glanz.

Auch ein Stück flussabwärts an den Ufern der Newa ist der russische Machtanspruch deutlich sichtbar: Der Turm des Lachta-Zentrums (gebaut von Gazprom), das höchste Gebäude Europas, ragt wie eine startbereite Rakete 462 Meter in den Himmel – und daneben leuchtet die Gazprom-Arena, das modernste Fussballstadion des Landes, in den russischen Nationalfarben. Die Architekten haben sich beim Bau an den Formen eines UFOs orientiert.

Es sind aber eher irdische Probleme, die der russischen Nationalmannschaft vor zwei Wochen unter dem verschliessbaren Dach zu schaffen machten - in Form eines 1:4 gegen Belgien. Russland steht dennoch schon seit geraumer Zeit als Teilnehmer an der EM-Endrunde 2020 fest, und in St. Petersburg finden drei Gruppenspiele sowie ein Viertelfinal statt. Für das Gruppenspiel kommt übrigens Belgien wieder nach St. Petersburg; das steht schon vor der Auslosung am Samstag fest.

Korruptionsvorwürfe? Fake News!

Szenenwechsel. Alexej Sorokin, der OK-Chef der WM 2018, spricht im Konferenzsaal des Hotels Astoria zu einem kleinen Kreis von europäischen Journalisten. Der ehemalige Diplomat und Übersetzer kennt die Gesetze des Geschäfts: graues Sakko, helles Hemd, den obersten Knopf lässig geöffnet, umgeht er in der Fragerunde jede Falle sprachgewandt und elegant. Wird ein kritisches Thema angeschnitten, entmachtet er die Dolmetscherin kurzerhand und antwortet selber auf Russisch und Englisch: «Damit mich jeder richtig versteht.»

Zu den jüngsten Korruptionsvorwürfen im Zusammenhang mit der WM sagt er: «Es hat weder unerlaubte Einflussnahme noch Geschenke gegeben.» Die Anschuldigungen tut er als «Fake News» ab. Dass die Untersuchungen auch deshalb im Sand verliefen, weil die verwendeten Computerdateien (nach der Zerstörung der Hardware) nicht mehr greifbar waren, ist kein Thema.

Viel lieber spricht Sorokin von der Nachhaltigkeit der WM. Das Beispiel von St. Petersburg gibt ihm Recht. Der neue Flughafen entspricht westlichen Standards, die Passkontrolle verläuft problemlos, und die Schnellstrasse kürzt die Fahrt ins Stadtzentrum auf rund 30 Minuten ab. Der lokale Klub Zenit spielt im neuen Stadion regelmässig vor 40'000 Zuschauern. Und jetzt kommt dann auch noch ide EM. «Alle unsere WM-Stadien werden genutzt.»

Wenn man genauer hinschaut, ist dies allerdings nur die halbe Wahrheit. Zwar wird in den WM-Stadien von Kaliningrad (350 Millionen Euro Baukosten), Saransk (270 Millionen), Nischni Nowgorod (250 Millionen) und Wolgograd (230 Millionen) tatsächlich Fussball gespielt – aber nicht auf höchstem Niveau und vor durchschnittlich 2500 Zuschauern in der 2. Liga. Sorokin freilich bleibt dabei: «Die WM hat keine weissen Elefanten produziert».

Fan-Pass als Visum - auch an der EM

Zurückhaltender werden die WM-Organisatoren, wenn es um die Frage der Finanzierung geht: Rund 48 Milliarden Rubel habe etwa die Arena in St. Petersburg gekostet (750 Millionen Schweizer Franken), heisst es. Finanziert hätten es Gazprom und die öffentliche Hand; wobei dies nur teilweise stimmt. Der Erdgaskonzern baute das Stadion in Eigenregie – mit Geld, das eigentlich für die Steuern vorgesehen gewesen wäre. Unabhängige Beobachter schätzen die Baukosten auf rund 900 Millionen Franken. So bleibt in Russland auch über ein Vierteljahrhundert nach der politischen Wende noch vieles im postkommunistischen Dunst der Absprachen und Begünstigungen.

Was der Fussball aber definitiv bewirkt hat, ist die Lockerung der Einreisebestimmungen. Der «Fan-Pass», der an der WM gleichzeitig als Visum diente, öffnete die Türen - und den russischen Behörden die Augen. Ab dem 1. Januar kann St. Petersburg neu mit einem kostenfreien elektronischen Visum bereist werden. Sukzessive soll diese Praxis bis 2022 aufs ganze Land ausgeweitet werden. Im Hinblick auf die EM 2020 sagt Alexej Sorokin dazu: «Wir empfangen alle Nationen mit offenen Armen». Das würde explizit auch für Staatsfeind Ukraine gelten. Denn die russische Regierung musste eine Garantie abliefern, dass alle Nationen einreisen dürfen.

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