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«Champions ohne Neymar»

Brasilien beendet an der Copa America seine zwölfjährige Titel-Durststrecke. Dass der Erfolg ohne Neymar zustande kommt, macht ihn für viele besonders süss. «Champions ohne Neymar!», jubeln einige.

Agentur
sda
Montag, 08. Juli 2019, 13:39 Uhr Fussball

Im letzten Spiel passierte es doch noch: Thiago Silva wollte eine Flanke verhindern, warf sich in die erwartete Flugbahn und bekam den Ball im Fallen an den stützenden Arm am Boden - Penalty, Gegentor. Der einzige Gegentreffer, der von Perus 35-jährigem Altmeister Paolo Guerrero verwandelte Handspenalty, war letzten Endes aber eine Randnotiz im munteren Final. Er hielt die Seleção nicht vom grossen Triumph ab.

Kurz nach dem 1:1 stellte Gabriel Jesus die Führung wieder her, und diesmal gaben sie die Brasilianer trotz 20-minütiger Unterzahl nicht mehr her. Mit dem Penalty zum 3:1 machte der eingewechselte Richarlison in der 90. Minute den Copa-Sieg perfekt - den Copa-Sieg ohne Neymar, gilt es anfügen.

Neymar fehlte an der Copa im eigenen Land wegen einer Knöchelverletzung. Der grosse Abwesende verfolgte das Geschehen in Schlagdistanz zu Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro von den Zuschauerrängen aus, im lässig weiten T-Shirt und mit Goldkette um den Hals. Viel Spass dürfte der schillernde und polarisierende Superstar auf der Ehrentribüne nicht gehabt haben. Zwar feierte auch der 27-Jährige Brasiliens lang ersehnten Titel - die grösste Erkenntnis des Abends im legendären Maracanã konnte dem einstigen Weltfussballer-Kandidaten aber nicht gefallen. Die lautete: Es geht auch ohne ihn.

Teamwork ist das Stichwort

Die Reaktionen, die die französische Agentur afp nach dem 3:1-Erfolg gegen Peru auf den Strassen von São Paulo sammelte, fielen auch nicht nach dem Gusto von Neymar aus: «Champions ohne Neymar!» jubelten einige Fans. Ein anderer stellte zufrieden fest: «Der Sieg ohne Neymar ist der Beweis, dass wir nicht von ihm abhängig sind.» Es sei komplizierter gewesen ohne ihn, sagte Goalie Alisson, «aber wir zeigten unsere Stärke als Gruppe.» Auch Nationaltrainer Tite lobte das Kollektiv. «Neymar ist aussergewöhnlich. Aber mit unserem Teamwork sind wir stark geblieben», erklärte er.

Die Mannschaft des wegen ihres pragmatischen Stils auch kritisierten Trainers präsentierte sich im Heimturnier als starke Einheit, die vorne wunderbar kombinierte und hinten kaum Räume für den Gegner liess. Die Offensivleute Gabriel Jesus, Roberto Firmino, Coutinho und der noch in der Heimat spielende Everton harmonierten prächtig und gehörten zu den Besten - wie auch Captain Dani Alves. Der aktuell vertragslose 36-jährige Aussenverteidiger wurde zum besten Spieler des Turniers gewählt.

Kaum Fragezeichen

Nun richtet sich Brasiliens Blick auch schon auf die WM 2022 in Katar. Mit Gabriel Jesus, dem 22-jährigen Stürmer von Manchester City, der in den entscheidenden Spielen zu Hochform auflief, dem wirbligen Flügelspieler Everton (23), der Ajax-Profi David Neres (22) auf die Bank verdrängte, und Teamplayer Firmino sehen sich die Brasilianer in der Offensive auch ohne Neymar gut aufgestellt. Im Mittelfeld bilden die Erfahrung von Casemiro und Philippe Coutinho (beide 27) sowie das Talent von Arthur (22) eine verheissungsvolle Mischung, im Tor hat Tite mit Alisson und Ederson die Qual der Wahl.

Grössere Fragezeichen bestehen einzig um die Positionen der Verteidiger Thiago Silva (34) und Dani Alves (36), deren Nachfolger sich noch nicht eindeutig herauskristallisiert haben. Einen der beiden Plätze dürfte der vielseitig einsetzbare neue Real-Verteidiger Eder Militao einnehmen, wobei die nächste Copa America, die bereits im kommenden Jahr in Kolumbien und Argentinien ansteht, weitere Erkenntnisse liefern wird.

Der Entscheidungsträger dürfte auch dann Tite sein. Spätestens jetzt haben sich die Brasilianer mit dem Stil des 58-Jährigen arrangiert. Der Gewinn der Copa sowie lediglich 14 Gegentore und 2 Niederlagen aus 42 Länderspielen sind starke Argumente gegen die Kritiker.

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