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Peter Gilliéron über gute Entscheide und schlechte Momente

Peter Gilliéron tritt in wenigen Monaten und nach zehn Jahren als SFV-Präsident ab. Im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA zieht er zum Jahresende 2018 schon mal Bilanz.

Agentur
sda
Donnerstag, 20. Dezember 2018, 11:06 Uhr Fussball
Peter Gilliéron im Gespräch mit Keystone-SDA: "Wir haben eine vielversprechende Zukunft"
Peter Gilliéron im Gespräch mit Keystone-SDA: "Wir haben eine vielversprechende Zukunft"
KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Trotz der unerfreulichen Sommertage im Nachgang zur WM in Russland blickt Gilliéron positiv auf die letzten zehn Jahr zurück. «Ich bin kein Träumer, aber wenn ich es wäre, hätte die Realität meine Träume übertroffen.» Und er rechnet vor: «Es gibt bei den Männern nur drei europäische Teams, welche bei den letzten drei Turnieren die Achtelfinals erreicht haben: Frankreich, Belgien und wir.»

Herr Gilliéron, das Jahr 2018 geht zu Ende. Es war ein ereignisreiches Jahr. War es auch ein gutes Jahr?

Peter Gilliéron: «Aus fussballerischer Sicht war das Jahr sehr gut. Die Menschen tendieren zu einem Kurzzeitgedächtnis, deshalb bleibt der Sieg gegen Belgien in Erinnerung. An der WM war unser primäres Ziel weniger ein konkretes Resultat, als erhobenen Hauptes die Heimreise antreten zu können. Das ist uns nach dem Spiel gegen Schweden nicht gelungen. Das war keine gute Leistung, es wäre mehr möglich gewesen. Es gab die Doppeladler-Affäre, über die ich jetzt nicht mehr gross reden möchte. Wir haben Fehler begangen, wir haben diese zugegeben und wir haben darauf reagiert, indem wir einen Auftrag extern erteilt haben, um eine Lösung zu finden.»

Die Reaktionen nach der Doppeladler-Affäre waren heftig, ebenso nach dem Interview von Alex Miescher und dem Rücktritt von Valon Behrami. Was sagt dies über unser Land aus?

«Ich sehe auch das Positive daran: Der Fussball erzeugt Emotionen. Doch diese können auch negativ sein. Man muss jede Meinung akzeptieren. Die beste Reaktion zeigte die Mannschaft, als sie am 4. September geschlossen zur Medienkonferenz erschien und aufzeigte: Wir sind bereit, wir vertreten die Schweiz und die Nationalmannschaft.»

Ihre Zeit als SFV-Präsident neigt sich dem Ende zu. Welcher Entscheid, den Sie in den letzten zehn Jahren gefällt haben, war der beste?

«Das war die Verpflichtung von Vladimir Petkovic, auch wenn ihn viele kritisieren. Und, etwas früher noch, die Verlängerung des Vertrages mit Ottmar Hitzfeld bis zur WM 2014, was damals auch nicht viele verstanden haben.»

Sie nennen die Verpflichtung von Vladimir Petkovic, dabei war er nach der Absage von Marcel Koller so etwas wie die zweite Wahl.

«Für mich war Vladimir Petkovic immer eine erste Wahl. Wir hatten mehrere Kandidaten, haben diese geprüft und dabei mit Marcel Koller begonnen. Aber am Ende waren wir überzeugt, mit Vladimir Petkovic den richtigen Trainer verpflichtet zu haben.»

Welches war der beste und welches war der schlechteste Moment Ihrer Präsidentschaft?

«Es tönt abgedroschen, aber der beste Moment war der Sieg gegen Belgien. Ich werde diese Wende nie vergessen und ich werde jedes einzelne der fünf Tore im Gedächtnis behalten. Der schlechteste Moment war 2011, als wir wegen dem Fall FC Sion Spannungen mit der FIFA hatten und Gefahr liefen, auf allen Ebenen gesperrt zu werden.»

Was für ein Bild gibt der Schweizer Fussball zum Ende Ihrer Amtszeit ab?

«Im Klubfussball sind wir da, wo wir aufgrund der Rahmenbedingungen ungefähr sein müssen. Vielleicht sind wir sogar etwas besser im Vergleich mit ähnlichen Ländern. Mit der Nationalmannschaft sind wir klar auf höherem Niveau als Länder mit vergleichbaren Möglichkeiten. Beim Frauenfussball sind wir einen weiten Weg gegangen und haben grosse Fortschritte erzielt - auch betreffend Anzahl Spielerinnen. Unser Fussball an der Basis ist sehr stark. Die Bewegung zählt mittlerweile mehr als 250'000 Spielerinnen und Spieler. Das ist sehr gut im Verhältnis zur Bevölkerungszahl.»

Frustriert es Sie, dass Sie trotz dieser Erfolge nicht als der Präsident in die Geschichte eingehen, unter dem der lang ersehnte Viertelfinal bei einer WM oder EM erreicht wurde?

«Nun, ich gehe immerhin mit einem U17-WM-Titel in der Tasche... Aber es gibt bei den Männern nur drei europäische Teams, welche bei den letzten drei Turnieren die Achtelfinals erreicht haben: Frankreich, Belgien und wir. An der letzten WM schied Spanien vor uns aus, Deutschland ebenfalls. Italien war nicht einmal qualifiziert. Als wir gegen Schweden ausschieden, hat mir mein deutscher Amtskollege eine SMS geschrieben und mich damit getröstet, dass er froh gewesen wäre, er wäre überhaupt im Achtelfinal gestanden.»

Wie erklären Sie sich heute den einzigen Misserfolg in diesen zehn Jahren, nämlich das Verpassen der EM-Endrunde 2012 unter Ottmar Hitzfeld?

«Der Generationenwechsel ist uns damals nicht gelungen. Er war aber nötig und hat uns letztlich die Teilnahme an der EM gekostet. Man hätte die Generation um Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri früher einbauen können, aber vielleicht wäre es dann auch wieder zu früh gewesen, und man hätte dadurch für die Zukunft etwas verkehrt gemacht. Ich will diesbezüglich keine Hypothesen aufstellen. Man musste diesen Wechsel irgendwann vornehmen, und wir zahlten den Preis dafür, indem wir an der EM 2012 fehlten. Dafür haben wir die Basis gelegt für die Erfolge 2014, 2016 und 2018. Ich glaube übrigens auch, dass es nichts Ungewöhnliches ist, dass wir zwischen 2010 und 2018 einmal ein Turnier verpasst haben.»

Steht der SFV dort, wo Sie ihn sich gewünscht haben vor zehn Jahren?

«Er ist sogar weiter. Ich bin kein Träumer, aber wenn ich es wäre, hätte die Realität meine Träume übertroffen.»

In welchem Bereich hätten Sie mehr erreichen oder anders handeln wollen?

«Ich hätte die Ereignisse des letzten Sommers besser antizipieren sollen. Ich bedaure es, nicht früher reagiert zu haben. Aber sonst? Ich glaube wir haben eine vielversprechende Zukunft.»

Sie haben erklärt, Sie hätten vor längerer Zeit entschieden, sich nicht für eine weitere Amtszeit zur Wahl zu stellen. Ist es nicht eher so, dass die Ereignisse des letzten Sommers Sie veranlasst haben, aufzuhören?

«2009 sagte ich mir: Ich mache nicht länger als acht Jahre. Ich wollte 2017 aufhören, doch ich liess mich überzeugen, noch einmal zwei Jahre anzuhängen. Vielleicht wäre es jetzt nochmals ähnlich gelaufen, und ich wäre bis 2021 geblieben. Ja, ganz ehrlich, ich denke, ich hätte mich noch einmal überzeugen lassen können. Aber dann kam der Zeitpunkt, als mir klar wurde, dass es wirklich Zeit ist zu gehen.»

War dieser Zeitpunkt vor oder nach den Ereignissen des letzten Sommers?

«Es war danach. Die Ereignisse haben trotz allem eine Rolle gespielt.»

Und was kommt nun?

«Ich freue mich darauf, mir ein Fussballspiel anzusehen, dabei ein Bier zu trinken und eine Bratwurst zu essen, ohne dass mich die Leute zu meinem Amt als SFV-Präsident befragen. Konkrete Pläne habe ich nicht. Ausser vielleicht diesen: keinen vollen Terminkalender mehr zu haben.»

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