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Petkovic: «2018 war ein positives Jahr»

Neun Tage nach dem letzten Länderspiel blickt Nationaltrainer Vladimir Petkovic zurück auf ein turbulentes Jahr 2018.

Agentur
sda
Mittwoch, 28. November 2018, 00:30 Uhr Fussball
Vladimir Petkovic zieht vor den Journalisten Bilanz zum Jahr 2018
Vladimir Petkovic zieht vor den Journalisten Bilanz zum Jahr 2018
KEYSTONE/TI-PRESS/ALESSANDRO CRINARI

Bern, 27. November. Das Hotel Bellevue Palace ist das beste am Platz. Einen Steinwurf vom Bundeshaus entfernt. Hier hat der SFV im ersten Stock einen Raum reserviert, den «Salon Président». In einer kleinen Medienrunde zieht der Nationaltrainer Vladimir Petkovic Bilanz nach einem turbulenten Jahr.

Auf dem Tisch liegen Statistikblätter. Sie weisen Petkovic als Erfolgstrainer aus. Zwei Mal hat er mit dem Nationalteam bei einem grossen Turnier die Achtelfinals erreicht. Das hat seit dem zweiten Weltkrieg keiner geschafft. Mit einem Punkteschnitt von 1,9 aus 50 Länderspielen ist Petkovic der erfolgreichste Coach der SFV-Geschichte.

Es ist Petkovics Enttäuschung, dass 2018 solche Zahlen in den Hintergrund getreten sind. Denn im wichtigsten Spiel des Jahres, dem WM-Achtelfinal gegen Schweden, hat das Team nicht die erhoffte Leistung gebracht.

«Nach der Gruppenphase war ein Zwischenziel erreicht. Für grosse Nationen ist es normal, die K.o.-Phase zu erreichen, aber wir hatten im ersten Moment Mühe, die neue Herausforderung anzunehmen. Dies und die Geschehnisse rund um das Spiel gegen Serbien hatten das Team für zwei Tage erschüttert. Danach aber haben wir uns ganz gut vorbereitet. Es gab keine Anzeichen, dass die Spieler mental nicht bereit sein würden gegen Schweden.»

Herbe Kritik nach dem Ausscheiden

St. Petersburg, 3. Juli. Nach der Niederlage gegen Schweden ergoss sich mediale Kritik über den Nationaltrainer, die Mannschaft und den Verband. Erst ist der Doppeladler-Jubel, dann das Ausscheiden und zum Ende der Russland-Mission gibt der damalige SFV-Generalsekretär Alex Miescher das verhängnisvolle Interview, in dem er die Frage aufwirft, ob man im Verband noch Doppelbürger wolle.

«Die Kritik gehört ein wenig zu diesem Job. Ich habe auch kein Problem, wenn man die Taktik kritisiert oder einen Wechsel im Spiel. Aber nach dem Achtelfinal waren wir fast in einem Kriegszustand und teilweise wurde direkt auf den Kopf geschossen. Das war für mich schwierig zu verstehen. Ihr von den Medien habt einen starken Einfluss auf die öffentliche Meinung. Einige Kritiken wären nicht nötig gewesen, denn es war der eine oder andere billige Schuss dabei. Denn immerhin hatten wir an der WM den Achtelfinal erreicht.»

Wirbel um Behramis Rücktritt

Lugano, 6. August. Im Hinblick auf die Test- und Nations-League-Spiele vom Herbst plant Petkovic einen sanften Umbau, will einige junge Spieler nominieren und ein paar Routiniers das eine oder andere Mal nicht aufbieten. Valon Behrami versteht die Botschaft falsch - und gibt umgehend und vor laufender Tessiner TV-Kamera den Rücktritt.

«Irgendwann wird es mit ihm wieder eine Kommunikation geben. Es ist schade, wie es gekommen ist. Ich habe Valon nichts anderes gesagt als anderen Spielern auch. Blerim Dzemaili zum Beispiel hat sich bedankt dafür, was ich ihm als Nationaltrainer gegeben habe. Ich kann sowieso nicht darüber entscheiden, ob ein Spieler den Rücktritt gibt. Alle sind auf meiner Liste. Ich entscheide von Fall zu Fall, wer in Form ist und wer nicht. Der nächste Zusammenzug ist immer der wichtigste. Deshalb lasse ich auch nicht in meine Entscheidungsfindung einfliessen, was 2020 sein könnte. Jeder Spieler muss immer wieder zeigen, dass er es verdient hat, zum Team zu gehören. Nicht der jüngere Spieler kommt zum Einsatz, sondern der bessere.»

St. Gallen, 8. September. Im ersten Spiel nach den grossen Irrungen und Wirrungen des Sommers trifft die Schweiz auf Island. Sie deklassiert den WM-Teilnehmer zum Auftakt der Nations League 6:0. Einer der besten im Schweizer Team ist Debütant Kevin Mbabu auf der rechten Abwehrseite. Für viele scheint damit die Zeit von Captain Stephan Lichtsteiner abgelaufen. Der Professional von Arsenal spielt drei Tage später im Test gegen England, steht aber im Oktober und November, dann aus Verletzungsgründen, nicht im Aufgebot.

«Stephan Lichtsteiner war im September dabei, das war sehr wichtig. Da wurde nochmals über alles gesprochen und alles verarbeitet, was an der WM und danach war. Ich kenne seine Fähigkeiten, seine Mentalität, seinen Ehrgeiz. Wir hören uns regelmässig, er hat mir gratuliert zum Sieg gegen Belgien. Wir haben eine gute Kommunikation.»

«Wir haben eine gute Zukunft»

Luzern, 18. November. Der Schweiz gelingt ein rauschendes Ende des Länderspieljahres. Sie schlägt Belgien 5:2 und qualifiziert sich für das Finalturnier der Nations League. Die Schweiz spielt in der Defensive ohne Stephan Lichtsteiner, Manuel Akanji und Fabian Schär und liegt nach 20 Minuten 0:2 zurück. Danach gruppiert Petkovic sein Team um, setzt auf eine Dreierabwehr - und gewinnt am Ende auch dank drei Toren von Haris Seferovic.

«Mit den neuen und jungen Spielern, und dazu zähle ich auch Denis Zakaria oder Breel Embolo, haben wir eine gute Zukunft. Beim letzten Zusammenzug hatten wir in der Abwehr Probleme, weil viele Spieler fehlten. Im Mittelfeld und auf den Flügeln sah es besser aus, weil wir da viel mehr Breite haben. Und vorne? Ich bin zufrieden mit den Stürmern, sie machen es auch im Klub gut. Aber klar, wir haben keinen Ronaldo, der von 16 Toren in einer Qualifikation 15 selber macht. Dafür haben wir 15 verschiedene Spieler, die ein Tor erzielen können. Haris Seferovic war immer der stärkste Stürmer in unserem Team. Er gibt immer alles und dank seiner Arbeit sehen die Mitspieler gut aus. Natürlich, er trifft nicht regelmässig. Aber in Europa gibt es vielleicht zwei oder drei Stürmer, die das auf hohem Niveau schaffen.»

Bern, 27. November. Nach rund 75 Minuten ist das Gespräch zu Ende. Vladimir Petkovic wünscht allen schöne Weihnachten und ein gutes 2019. Er wünscht für sich gute Gesundheit, weil sie die Basis für alles andere sei. Und er, der eigentlich gar nicht gerne in die Vergangenheit blickt, schaut ein letztes Mal zurück und sagt: «Für mich war 2018 ein positives Jahr.»

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