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Rapperswil-Jona Lakers im Tiefflug: Leise kriselts am See

Der Absturz der Rapperswil-Jona Lakers ist nach dem Höhenflug der letzten beiden Saisons brutal. Die Verunsicherung nimmt immer dramatischere Züge an.

Agentur
sda
30.11.23 - 04:30 Uhr
Eishockey

Krise ist, wenn nach einer 1:6-Klatsche gegen Lugano weder der Trainer noch ein Spieler mit den Medien sprechen darf. Krise ist, wenn sich die Führungsriege nach Spielende im Trainerzimmer versammelt und danach mit ernster Miene gemeinsam in die Garderobe tigert. Krise ist, wenn die Fans im letzten Drittel zu pfeifen beginnen. Krise ist, wenn man auf einfachste Art und Weise und im Stil einer unbedarften Juniorenmannschaft vier Gegentore auf die genau gleiche Weise nach einem einzigen, langen Pass kassiert.

Die Rapperswil-Jona Lakers erfüllen an einem winterlichen Dienstagabend alle diese Punkte mit «Bravour». Weil die Welt in der Heimat von Knies Kinderzoo aber eine beschaulichere ist als in Zürich, Bern oder Lausanne, kriselt es am Obersee zwar heftig, aber nur leise. Kein Poltern, kein Toben, keine medienwirksamen Straftrainings oder Ultimaten.

Eine Frechheit für die Zuschauer

Statt Spieler oder Trainer erklärt sich der Sportchef. «Ich will ihnen einen freien Rücken schaffen», entschuldigt sich Janick Steinmann. «Sie sollen jetzt den Kopf lüften, ich will ihnen diesen Break geben.» Einzig beim Pay-TV-Sender MySports musste sich ein Spieler äussern, und der sprach Klartext. «Das war eine Frechheit für die Zuschauer», nahm Verteidiger David Aebischer, der bei drei Gegentoren auf dem Eis stand, kein Blatt vor den Mund.

Von Krisenstimmung will Steinmann allerdings nichts wissen. «Wir haben eine gute Stimmung in der Mannschaft, aber logisch wird es jetzt enger.» Tatsache ist: Was in den letzten beiden Jahren fast wie in einem kleinen Märchen lief, funktioniert derzeit mit dem praktisch identischen Personal nicht mehr. Nach der zwölften Niederlage in den letzten fünfzehn Partien sind die Rapperswil-Jona Lakers auf den zweitletzten Platz abgerutscht, die Playoffränge sind nur noch mit dem Feldstecher schemenhaft erkennbar.

Extreme Verunsicherung

«Heute waren die vielen Niederlagen und die Verunsicherung extrem spürbar», stellt auch der Sportchef fest. Taten sich die Rapperswiler bisher vor allem beim Kreieren von Torchancen schwer, fielen sie am Dienstagabend gegen Lugano, das man zuletzt viermal in Folge deutlich bezwungen hatte, auch in der Defensive auseinander.

Verrückt: In der Champions League zeigen die Lakers, wie es eigentlich gehen würde. In den Gruppenspielen bezwangen sie unter anderem den Titelverteidiger Tappara Tampere, mit dem Gesamtskore von 7:2 eliminierten sie in den Achtelfinals den Qualifikationssieger Adler Mannheim. Der europäische Höhenflug ist aber vielleicht auch Teil des Problems. Auch wegen vieler Verletzter lief das Team zeitweise auf dem Zahnfleisch.

Lazarett fast leer

Diese Ausrede zählt aber seit geraumer Zeit nicht mehr. Aktuell steht auf der Verletztenliste gerade noch der - allerdings sehr wichtige - Abwehrchef Emil Djuse. Dennoch hapert es im Aufbauspiel. Die Passqualität ist mangelhaft, so tut man sich schwer, sich im gegnerischen Drittel festzusetzen und hochkarätige Torchancen zu kreieren.

Der Trainerstab um Stefan Hedlund ist derzeit kein Thema, Steinmann ist überzeugt, dass an den richtigen Sachen gearbeitet werde. Vielmehr liege das Problem im Kopf. Deshalb versucht man, alle Beteiligten aus der Schusslinie zu nehmen und nicht noch mehr Druck aufzubauen. Man will am Obersee den Gepflogenheiten der Branche trotzen und nicht - wie zuletzt in Kloten - den Trainer zum Sündenbock machen.

Keine Maschinen

«Niemand ist happy damit, wo wir stehen, wir haben uns das natürlich alle anders vorgestellt», versichert Janick Steinmann. «Aber es geht jetzt auch um die Menschen. Das sind keine Maschinen, wo man einfach einen Knopf drücken kann.» Deshalb gibt es für die Spieler nun einen freien Mittwoch. «Wichtig ist jetzt die mentale Frische. Sie sollen sich aufladen und am Donnerstag mit guter Energie ins Training kommen.»

Steinmann betont, man habe eine super Truppe. «Das stimmt mich positiv, dass wir zusammen aus dieser kleinen Krise kommen.» Da fällt es doch noch aus offiziellem Mund, das Wort Krise. Zumindest eine kleine.

Im November gewannen die Lakers in der National League nur gerade ein Spiel. Am Freitag, wenn Fribourg-Gottéron zu Gast ist, hat der Dezember begonnen. Am Obersee hoffen sie inständig, dass dann wieder nur der Schnee rieselt und nicht die Gegentore.

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